Kronzeugen Wer bei Volkswagen auspacken will, muss sich nun beeilen

Bauarbeiten bei VW: Auch intern drückt der Konzern bei der Aufklärung der AbgasManipuilationen aufs Tempo.

(Foto: Peter Steffen/dpa)
  • Das konzerninterne Amnestieprogramm für geständige Beschäftigte soll nur bis Ende November gelten, hat die Unternehmensspitze beschlossen.
Von Thomas Fromm, Georg Mascolo, Klaus Ott, Wolfsburg

Vorstand und Aufsichtsrat von Volkswagen waren sich rasch einig, als dieser Tage wieder einmal besprochen wurde, wie man die Abgasaffäre bewältigen wolle. Das seit Wochen diskutierte und dann etwas zögerlich angelaufene Amnestieprogramm, das Mitarbeiter zum Auspacken bewegen soll, sei eine gute Sache. Erste Erfahrungen seien ermutigend, jetzt müsse dieses Programm richtig ins Laufen kommen. Den Vorständen und den Aufsichtsräten war es aber beinahe genauso wichtig, schnell wieder Schluss zu machen mit dieser Maßnahme. Am besten gleich Ende November. Das soll den Aufklärungsdruck erhöhen, das soll signalisieren: Volkswagen hat nicht ewig Geduld, man wolle "jetzt Klarheit". In die Abgasmanipulationen verwickelte Mitarbeiter, die mit einem Geständnis ihren Job retten wollen, müssen sich beeilen.

Nur noch wenige Tage Straffreiheit

So kommt es jetzt auch. Das erst kürzlich gestartete Amnestieprogramm - bei VW sprechen manche lieber von einer Art Zeugenschutzprogramm - ist nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR bis Ende November befristet worden. Ursprünglich war Ende Dezember im Gespräch gewesen, aber das erschien der Konzernspitze offenbar zu lange. Manche in den Chefetagen und im Aufsichtsrat befürchten, dass es vor allem den US-Behörden missfallen werde, wenn VW bei seinen internen Ermittlungen nicht bald Ergebnisse liefert. In den USA hat die Affäre angefangen, dort droht der größte Schaden.

Amnestieprogramme gab es bereits bei den großen Schmiergeldfällen bei Siemens und bei der VW-Tochter MAN, aber der Name ist etwas missverständlich. Ein in die Mühlen der Justiz geratener Konzern kann seinen Angestellten, die auspacken, natürlich keine Straffreiheit zusichern. Aber das Unternehmen kann dreierlei tun: geständigen Mitarbeiter ihren Job lassen, statt sie zu kündigen; auf Schadensersatzforderungen verzichten; und sich bei der Justiz für diese Beschäftigten einsetzen, sollten Strafverfahren laufen. Und Letzteres dann mit Aussicht auf Erfolg. Staatsanwälte und Richter honorieren in der Regel Geständnisse.

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Erste Erfolge des Programms

In Konzernkreisen wird eingeräumt, dass das Amnestieangebot schon früher hätte erfolgen können. Offenbar hätten etliche Ingenieure und andere Techniker, die an der Manipulation von Abgastests vor allem bei Dieselfahrzeugen beteiligt gewesen sein sollen, sich aus Angst um ihren Job mit Aussagen zurückgehalten. Anfangs hätten nur wenige geredet, jetzt laufe das besser. Vorstand und Aufsichtsrat sind zufrieden.

Die Betroffenen können sich offenbar im Vorfeld juristisch beraten lassen. Es geht darum, sich zunächst vertraulich zu erkundigen, was die Konsequenzen ihrer Aussage wären. In dieses Modell sei möglicherweise auch der Betriebsrat eingebunden. Die Kontaktaufnahme bleibe geheim, der Konzern erfahre davon noch nichts. Dieses Modell solle Mitarbeiter ermutigen, sich zu offenbaren. Nach Angaben aus Konzernkreisen gilt das Amnestieprogramm aber nicht für die Chefetagen, also nicht für den Vorstand und die Ebenen direkt darunter. Manager, die in die Affäre verwickelt sind, sollen nicht geschont werden. Das wäre aus Sicht des Aufsichtsrats das falsche Signal.

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So war es schon bei den Schmiergeldfällen bei Siemens und MAN gewesen. Dort haben die Amnestieprogramme viele Leute zum Auspacken bewogen, die Unternehmen kamen schneller aus ihren Affären heraus, als das ohne diese Maßnahmen geschehen wäre.

Behörde prüft auch andere Hersteller

Während VW den Abgasskandal intern aufklärt, prüft das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), ob auch bei anderen Herstellern Unregelmäßigkeiten vorliegen. Die Behörde hat seit Ende September mehr als 50 verschiedene Modelle unterschiedlicher Autobauer getestet; zwei Drittel der Untersuchungen seien inzwischen abgeschlossen, hieß es am Mittwoch aus Flensburg.

Erste Ergebnisse klingen laut KBA beunruhigend: "Auf Basis von Rohdaten wurden bisher zum Teil erhöhte Stickoxid-Werte bei unterschiedlichen Fahr- und Umgebungsbedingungen festgestellt." Allerdings müssten die Werte nun zunächst analysiert und mit den jeweiligen Herstellern besprochen werden. "Erst danach liegen rechtlich belastbare Ergebnisse vor." Aus der Autoindustrie heißt es, man sei "in engen Gesprächen" mit der Behörde.

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