Kritik des Internationalen Währungsfonds "Die Freizeitneigung schadet Europa"

Die EU verliert bei der Wirtschaftskraft gegenüber den Vereinigten Staaten immer mehr den Anschluss. Schuld daran ist unter anderem der mangelnde Arbeitseifer der Europäer.

Das geht aus dem neuen Weltwirtschaftsbericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) hervor, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Den Berechnungen des IWF zufolge sank das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Europa im Vergleich zu den USA seit 1995 deutlich. Während etwa ein Bundesbürger vor gut zehn Jahren noch 77 Prozent dessen erwirtschaftete, was sein amerikanischer Kollege in der gleichen Zeit fabrizierte, lag die Quote 2005 nur noch bei 71 Prozent.

Ähnlich verlief die Entwicklung in Frankreich, Italien, Dänemark und den Niederlanden. Den Abstand zu den USA verringern konnten dagegen Großbritannien, Spanien, Irland und Schweden.

Neue Technologien zögerlicher eingesetzt

Der Währungsfonds führt das Auseinanderdriften von Europa und den Vereinigten Staaten unter anderem auf die unterschiedliche Entwicklung der Arbeitsproduktivität zurück.

Sie stieg in den USA seit Mitte der 90er Jahre im Schnitt um gut zwei Prozent pro Jahr. In der Europäischen Union lag der Zuwachs dagegen nur bei rund 1,5 Prozent.

Einer der wesentlichen Gründe sei, dass neue Technologien, vor allem in den Bereichen Information und Kommunikation, in der EU sehr viel zögerlicher eingesetzt würden als in den USA, heißt es in dem Bericht, der Mitte April zur Frühjahrstagung von IWF und Weltbank offiziell in Washington vorgestellt wird.

Das gelte sowohl für den Einzel- und den Großhandel, als auch für den Bankensektor. Hinzu komme, dass es weniger High-Tech-Firmen in Europa gebe und weniger in diese Sektoren investiert werde.

Der Anreiz zu arbeiten wird laut IWF zudem durch den großen Unterschied zwischen Brutto- und Nettolöhnen sowie eine großzügige Arbeitslosenversorgung verringert.

Als weiteren Grund nennt der Internationale Währungsfonds die "Freizeitneigung" der Europäer, sprich: Die Menschen in den EU-Staaten arbeiten oft weniger als die Amerikaner.

Die IWF-Ökonomen empfehlen den Staaten, die hinterherhinken, einen Blick nach Großbritannien und Schweden. Beide Länder hätten mit sehr unterschiedlichen Konzepten in der Lohn-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik bessere Ergebnisse erzielt als viele andere.

IWF für neue Wechselkurse

Der Abstand zwischen den USA und den Mitgliedsländern der Europäischen Union dürfte auch in diesem Jahr wachsen. So sagen die Experten des IWF für die Vereinigten Staaten in diesem Jahr ein Wachstum von 2,6 Prozent voraus und für kommendes Jahr von 3,0 Prozent.

Europa dagegen muss sich mit Zuwächsen von jeweils 2,3 Prozent begnügen; dies ist allerdings mehr, als der IWF noch im Herbst vorausgesagt hat. Deutschland, das 2006 nach langen Jahren der Stagnation wieder die Rolle der Konjunkturlokomotive übernommen hatte, fällt laut Währungsfonds mit einem Plus von je 1,8 Prozent wieder hinter den europäischen Durchschnitt zurück. Notorisch schwach bleibt auch Italien, während Frankreich stärker zulegt.

Insgesamt sieht der IWF die Entwicklung der Weltkonjunktur mit verhaltenem Optimismus. Es gebe allerdings kurzfristige Risiken wie die wackelige US-Konjunktur, den Ölpreis, mögliche Finanzmarktturbulenzen und Inflationsgefahren. Auf mittlere Sicht seien zudem die alternden Gesellschaften und der Klimawandel ein Problem.

Sorgen bereiten dem Währungsfonds auch die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, vor allem das immense Defizit in der US-Leistungsbilanz. Hier müssten die sieben führenden Industriestaaten (G 7) eng zusammenarbeiten: So sollte in den USA die Sparquote erhöht werden, während EU und Japan ihr Wachstum ankurbeln müssten.

Zudem wünscht sich der IWF eine deutliche Korrektur der Wechselkurse, um die Ungleichgewichte abzubauen: Der Dollarkurs sollte weiter sinken, während der japanische Yen, der chinesische Renminbi und die Währungen der ölexportierenden Länder im Nahen Osten stärker werden sollten. Kurzfristig werde sich allerdings an den Währungsparitäten nichts Grundsätzliches ändern. Das Gleiche gelte für das US-Defizit im Handel vor allem mit China: Für die Volksrepublik sagen die Fonds-Ökonomen erneut Wachstumsraten von 10,0 und 9,5 Prozent voraus.

Keinen großen Handlungsbedarf sieht der IWF in der Geldpolitik. Angesichts des robusten Wachstums in der Eurozone könne die Europäische Zentralbank den Leitzins aber noch einmal leicht auf etwa vier Prozent anheben, heißt es im Bericht. Derzeit liegt er bei 3,75 Prozent.