Ignorante Kritik an Ökonomen 4. Der Wettbewerb

Wettbewerb gehört zu den Grundvoraussetzungen, unter denen die unsichtbare Hand wirken kann, denn Monopole und Oligopole beuten die Konsumenten aus und beschränken die Produktion. Freilich ist nur der Wettbewerb zwischen Anbietern ähnlicher Leistungen gut. Wenn Anbieter komplementäre Leistungen anbieten, ist er schlecht, sogar noch schlechter als ein Monopol. Ein Beispiel bietet der Wettbewerb zwischen Gewerkschaften, die denselben Berufsstand innerhalb eines Unternehmens vertreten. Solche Gewerkschaften schädigen nicht nur das Unternehmen und dessen Kunden, sondern auch die Arbeitnehmer, weil sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Deshalb hat Andrea Nahles recht, wenn sie die Lokführer und Piloten mit allen anderen Arbeitnehmern der Betriebe in eine Monopolgewerkschaft zwingen will.

Auch der Standortwettbewerb zwischen Staaten ist im Regelfall nicht effizient, weil die Marktfehler, die die Staatsaktivitäten ursprünglich begründeten, auf der Ebene des Wettbewerbs der Staaten von Neuem aufzutreten pflegen. Beispiele sind der Abschreckungswettbewerb der Sozialstaaten gegenüber Armutsflüchtlingen, der Steuersenkungswettbewerb oder der Deregulierungswettbewerb bei Banken und Versicherungen.

Ideologen gibt es links wie rechts. Man muss sich auch vor jenen hüten, die das Wettbewerbsprinzip immer und überall in den Himmel heben.

5. Der Neoliberalismus

Linke benutzen den Begriff Neoliberalismus als Schimpfwort. Dabei gehen sie von der Auffassung aus, der Neoliberalismus sei die Lehre von der Deregulierung der Wirtschaft und vom Nachtwächterstaat. Das ist nicht richtig. Zwar hat die angelsächsische Presse die "Chicago Boys", die unter Pinochet nach Chile kamen, um die Wirtschaft zu reformieren, als Neoliberale bezeichnet, aber der deutsche Begriff des Neoliberalismus hat eine gänzlich andere Bedeutung. Er stammt von Alexander Rüstow, der 1932 auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik das Ende des alten Liberalismus ausrief und stattdessen einen neuen Liberalismus mit einem starken Staat forderte, der den Firmen einen festen Rechtsrahmen vorgibt.

Der Begriff wurde 1938 auf einer Tagung in Paris, an der Rüstow teilnahm, international verbreitet. Er deckt sich mit dem Begriff des Ordoliberalismus, den später Walter Eucken benutzte. Die Fehlinterpretation des Neoliberalismus durch die Medien wurde vor Kurzem auch von Bundespräsident Gauck kritisiert.

6. Der Homo oeconomicus

Der Homo oeconomicus, der rational handelnde Egoist, den Volkswirte häufig bei ihren Analysen unterstellen, hat in letzter Zeit Kritik auf sich gezogen, weil er das wirkliche Verhalten der Menschen vielfach nicht gut abbildet. Experimente beweisen, dass die Prognosekraft dieser Kunstfigur begrenzt ist.

Aber der Homo oeconomicus dient gar nicht der Prognostik, sondern soll helfen, Marktfehler von Denkfehlern der Menschen zu trennen. Dem Volkswirt geht es darum, kollektiver Irrationalität nachzuspüren, und das gelingt am besten, wenn man in volkswirtschaftlichen Modellen unterstellt, dass die einzelnen Individuen rational handeln. Dieser "methodologische Individualismus" stellt sicher, dass Maßnahmen, die die Politik ergreift, niemals mit der Fehlbarkeit des Menschen und dessen Irrationalität erklärt werden, sondern immer nur mit Fehlern der Spielregeln, unter denen der Mensch agiert. Dies schützt davor, in einen diktatorischen Paternalismus abzugleiten.

Der analytische Wert des Homo oeconomicus zeigt sich besonders deutlich bei der Zockerei der Banken, die mit zu wenig Eigenkapital arbeiten und riskante Ausleihungen vornehmen. Wenn Gewinne anfallen, werden sie privatisiert, und wenn Verluste anfallen, die das Eigenkapital übersteigen, macht man den Laden halt dicht und überlässt die verbleibenden Verluste den Gläubigern oder noch besser: Man lässt sich vom Steuerzahler retten.

Diese Asymmetrie verleitet zum Glücksspiel. Die Banken wählen besonders riskante Investitionsprojekte, die zwar betriebswirtschaftlich rentabel, volkswirtschaftlich aber schädlich sind. Das Problem resultiert nicht aus der menschlichen Irrationalität, sondern tritt gerade dann auf, wenn die Banker besonders rational handeln.

Der Volkswirt empfiehlt der Politik daher auch nicht, den Bankern Vernunft oder Moral zu predigen, sondern ihnen eine höhere Eigenkapitalquote vorzuschreiben.

Hans-Werner Sinn, 66, ist Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München.