Von Franziska Roscher

Die deutsche Automobilindustrie hat die Hybridtechnik verpennt und das Feld der günstigen Kleinwagen zu bereitwillig den Japanern überlassen - Insider Helmut Becker findet klare Worte für die Defizite in der Branche.

"Wir sind gar keine Global Player mehr!" Dieses Urteil über Deutschlands Autoindustrie schmerzt, und zwar nicht nur wegen seiner Härte, sondern auch wegen seines Ursprungs. Denn immerhin war der Kritiker Helmut Becker früher einmal Chefvolkswirt bei BMW und der hiesigen Branche damit besonders nahestehend.

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In seinem neuen Buch "Ausgebremst. Wie die Autoindustrie Deutschland in die Krise fährt" wirft Becker den deutschen Herstellern nun aber strategische Versäumnisse und Fehlentschiedungen vor - was den Japanern Vorschub leistet. Und das, wo sich Volkswagen, BMW & Co. doch eigentlich gerade prächtig entwickeln, und sogar Daimler sich nach der Chrysler-Misere zu erholen scheint.

Der strategische Fehler der Deutschen ist laut Becker eindeutig: "Wir haben die Hybridtechnik verpennt", sagte er zu sueddeutsche.de. Der japanische Autobauer Toyota, in den neunziger Jahren noch für den ersten Prius mit Hybridantrieb verlacht, feiert heute bei steigenden Energiepreisen und einem größer werdenden Umweltbewusstsein riesige Erfolge mit seinen verbrauchsarmen Modellen.

Die deutsche Industrie dagegen wirft immer neue PS-starke Karossen auf einen Markt, den es dafür eigentlich nicht mehr gibt. Folge dieser aus Sicht Beckers wenig zukunftsreichen Strategie: "Die deutschen Hersteller haben sich in die Premiumecke abdrängen lassen - das war ihr größter Fehler."

Den Markt der billigen und sparsamen Kleinwagen haben sich die Japaner gesichert, nachdem die hiesigen Autobauer so bereitwillig das Feld geräumt haben. Zu spät, um auf diesen Zug nochmal aufzuspringen, ist es aber noch nicht. "Wir brauchen wieder einen richtigen Volkswagen im Wortsinn", sagt der Volkswirt, "preisgünstig und vor allem verbrauchsarm."

Die Deutschland Automobil AG

Der einzige Global Player ist laut Becker momentan Toyota: Das japanische Unternehmen produziert in 27 Ländern und fertigte 2006 neun Millionen Autos. Zum Vergleich: Bei BMW liefen im gleichen Zeitraum knapp 1,2 Millionen Pkw vom Band. Dementsprechend fährt Toyota höhere Gewinne ein, als alle deutschen Hersteller zusammen.

Mit seinen Vorstellungen, wie die deutschen Unternehmen wieder wettbewerbsfähig werden könnten, macht sich der Branchenaussteiger aber keine Freunde: Kosten senken - und das über Stellenabbau.

Bei VW sei beispielsweise jeder dritte Arbeitsplatz zu viel. Sowieso brauchten Arbeiter in Wolfsburg durchschnittlich 36 Arbeitsstunden für einen Pkw. Beim japanischen Konkurrenten Toyota sind es gerade mal 18 Arbeitsstunden im Schnitt. Trotz hervorragender Qualität führen die Premiumprodukte deshalb vergleichsweise geringe Gewinne ein.

Dass die westliche Autoindustrie es doch noch kann, demonstriert ausgerechnet Opel: Jahrelang kämpfte die deutsche Tochter des US-Automobilriesen General Motors mit Absatz- und Kostenproblemen. Doch das neue Astra-Modell, das voraussichtlich 2009 auf den Markt kommt, soll in 16 Stunden gefertigt werden - quasi auf Toyota-Niveau.

Allein mit Stellenabbau und Effizienzsteigerungen könnten die deutschen Autobauer aber nicht gegen die asiatischen Hersteller bestehen, so Becker. Auch die Kooperation der heimischen Hersteller müsse deutlich verbessert werden: "Während sich hier BMW, Audi und Mercedes behacken, wächst in Asien die neue Konkurrenz." Dabei könnten die hiesigen Firmen "alles, was unterm Blech ist" gemeinsam fertigen, um so Kosten zu sparen und neue Innovationen zu entwickeln. "Mein Traum", so Becker, "ist die Deutschland Automobil AG."

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(sueddeutsche.de)