Die deutsche Automobilindustrie hat die Hybridtechnik verpennt und das Feld der günstigen Kleinwagen zu bereitwillig den Japanern überlassen - Insider Helmut Becker findet klare Worte für die Defizite in der Branche.
"Wir sind gar keine Global Player mehr!" Dieses Urteil über Deutschlands Autoindustrie schmerzt, und zwar nicht nur wegen seiner Härte, sondern auch wegen seines Ursprungs. Denn immerhin war der Kritiker Helmut Becker früher einmal Chefvolkswirt bei BMW und der hiesigen Branche damit besonders nahestehend.
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In seinem neuen Buch "Ausgebremst. Wie die Autoindustrie Deutschland in die Krise fährt" wirft Becker den deutschen Herstellern nun aber strategische Versäumnisse und Fehlentschiedungen vor - was den Japanern Vorschub leistet. Und das, wo sich Volkswagen, BMW & Co. doch eigentlich gerade prächtig entwickeln, und sogar Daimler sich nach der Chrysler-Misere zu erholen scheint.
Der strategische Fehler der Deutschen ist laut Becker eindeutig: "Wir haben die Hybridtechnik verpennt", sagte er zu sueddeutsche.de. Der japanische Autobauer Toyota, in den neunziger Jahren noch für den ersten Prius mit Hybridantrieb verlacht, feiert heute bei steigenden Energiepreisen und einem größer werdenden Umweltbewusstsein riesige Erfolge mit seinen verbrauchsarmen Modellen.
Die deutsche Industrie dagegen wirft immer neue PS-starke Karossen auf einen Markt, den es dafür eigentlich nicht mehr gibt. Folge dieser aus Sicht Beckers wenig zukunftsreichen Strategie: "Die deutschen Hersteller haben sich in die Premiumecke abdrängen lassen - das war ihr größter Fehler."
Den Markt der billigen und sparsamen Kleinwagen haben sich die Japaner gesichert, nachdem die hiesigen Autobauer so bereitwillig das Feld geräumt haben. Zu spät, um auf diesen Zug nochmal aufzuspringen, ist es aber noch nicht. "Wir brauchen wieder einen richtigen Volkswagen im Wortsinn", sagt der Volkswirt, "preisgünstig und vor allem verbrauchsarm."
Die Deutschland Automobil AG
Der einzige Global Player ist laut Becker momentan Toyota: Das japanische Unternehmen produziert in 27 Ländern und fertigte 2006 neun Millionen Autos. Zum Vergleich: Bei BMW liefen im gleichen Zeitraum knapp 1,2 Millionen Pkw vom Band. Dementsprechend fährt Toyota höhere Gewinne ein, als alle deutschen Hersteller zusammen.
Mit seinen Vorstellungen, wie die deutschen Unternehmen wieder wettbewerbsfähig werden könnten, macht sich der Branchenaussteiger aber keine Freunde: Kosten senken - und das über Stellenabbau.
Bei VW sei beispielsweise jeder dritte Arbeitsplatz zu viel. Sowieso brauchten Arbeiter in Wolfsburg durchschnittlich 36 Arbeitsstunden für einen Pkw. Beim japanischen Konkurrenten Toyota sind es gerade mal 18 Arbeitsstunden im Schnitt. Trotz hervorragender Qualität führen die Premiumprodukte deshalb vergleichsweise geringe Gewinne ein.
Dass die westliche Autoindustrie es doch noch kann, demonstriert ausgerechnet Opel: Jahrelang kämpfte die deutsche Tochter des US-Automobilriesen General Motors mit Absatz- und Kostenproblemen. Doch das neue Astra-Modell, das voraussichtlich 2009 auf den Markt kommt, soll in 16 Stunden gefertigt werden - quasi auf Toyota-Niveau.
Allein mit Stellenabbau und Effizienzsteigerungen könnten die deutschen Autobauer aber nicht gegen die asiatischen Hersteller bestehen, so Becker. Auch die Kooperation der heimischen Hersteller müsse deutlich verbessert werden: "Während sich hier BMW, Audi und Mercedes behacken, wächst in Asien die neue Konkurrenz." Dabei könnten die hiesigen Firmen "alles, was unterm Blech ist" gemeinsam fertigen, um so Kosten zu sparen und neue Innovationen zu entwickeln. "Mein Traum", so Becker, "ist die Deutschland Automobil AG."
(sueddeutsche.de)
Mubarak-Prozess in Ägypten
...nicht immer der Automobilindustrie zuschieben.
Ich denke, dass in der Diskussion um das Verschlafen von Trends der deutschen Automobilindustrie ein in meinen Augen wichtiger Faktor nicht erwähnt wird:
der Konsument. Wenn es in Deutschland tatsächlich Leute geben würde, die Hybrid-Autos fahren wollten (mal abgesehen von den statistisch irrelevanten Prius-Besitzern und mangelnden Vorteilen gegenüber sparsamen Dieselmotoren), dann hätte sie jeder Hersteller im Programm. In meinen Augen kann man keinem Automobilhersteller, der auch sehr sparsame Modelle im Angebot hat, die auch mit einem Prius, zumindest bei geringen Stadt-Anteilen, konkurrieren können (vgl. BMW 118d etc.), einen Vorwurf machen, wenn er nur den Markt bedient.
Wenn schon den Herstellern eins auf die Mütze gegeben wird, bitte mindestens in gleichem Maße den Käufern dieser Automobile, denn dort wird entschieden, ob Zugeständnisse der persönlichen Eitelkeit zugunsten der Umwelt gemacht werden.
Der Entwurf Beckers hat den falschen Ansatz, geht man vom gesamten Problem aus, das sich in weitere unterteilt. Stellenabbau wird weitere Menschen von der Möglichkeit ausgrenzen, an der Prosperität heute, der Produktivität von morgen und der Kreativität von übermorgen. Bildung ist der kostbarste Rohstoff, über den dieses Land verfügt. Er ist zu wertvoll, um der Verfügungsgewalt von betriebswirtschaftlich bedingt Blinden überlassen zu werden, die nicht in der Lage sind, Strategien zu entwerfen, allenfalls im doppelten Sinn billige Taktik. Die eigentlich schon alte Forderung aus der SPD nach einer Maschinensteuer oder Wertschöpfungsabgabe war nicht das Dümmste. Daß sie nicht konsequent verfolgt und verwirklicht wurde, könnte sich bitter rächen. Zu spät für ein vernünftiges Unterfangen ist es nie, aber die Zeit drängt und offenbar sind andere politische Konstellationen nötig, sie umzusetzen. Eine Hoffnung mehr, die der Linken überantwortet werden muß mit der Maßgabe, sorgsam damit umzugehen.
...nutzt mit seinen Vorschlägen aber auch nur die Technik von vorgestern - Kostensenkung durch Stellenabbau.
Als ehemaliger Chefvolkswirt von BMW müßte er allerdings die entsprechenden Zahlen noch im Kopf haben und wissen, daß die Personalkosten nur einen Bruchteil der eigentlichen Kosten für die Herstellung eines Automobils ausmachen. Ansonsten sollte Herr Becker beispielsweise mal all den Käufern eines VW schlüssig erklären können, warum die Fahrzeuge für den deutschen Kunden nicht deutlich billiger geworden sind, obwohl VW nach eigenen Angaben hauptsächlich durch die Senkung der Personalkosten Milliardenbeträge einsparen konnte (man beachte bitte, daß diese Angabe von VW und nicht von mir stammt - nur, um die "eben, da hat VW doch recht gehabt!"-Rufer gleich im Vorfeld einzubremsen).
Und wer darüber hinaus immer noch die Märchen eines Herrn Bernhard Glauben schenkt, nachdem die Produktion eines Passat in Emden 53 Stunden beanspruchen täte, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen, sollte dann aber auch nicht von sich selbst als "Insider" reden bzw. durch die Presse als solcher bezeichnet werden. "Münchhausen" wäre vermutlich politisch inkorrekt und möglicherweise sogar justiziabel, aber treffender.
Wenn vor 30 Jahren einer hier sein Hybrid-Konzept vorgestellt hätte, wäre er als Spinner nicht ernstgenommen worden. Vor wenigen Jahren hingegen mußte Toyota in den USA eine weitere Fabrik bauen, um die unerwartete Nachfrage nach dem "Auto des Jahres" decken zu können...
Die hiesige Automobilindustrie hat überhaupt kein Zukunftskonzept; es sei denn, sie setzt weiter wie bisher auf das Erfolgsrezept "Vorsprung durch PS-Steigerung". Das wird aber fürchterlich in die Hose geh'n. Und das Gegenteil zu hoffen rettet keinen zukünftigen Arbeitsplatz in hiesigen Autofabriken.
Die ökonomen unter den Autobauern können das bereits entspannter betrachten: Schließlich wollen die umweltfreundlichen Autos alle erst einmal gekauft sein, die die gegenwärtige Generation ersetzen werden. Daß die Gewinnmargen sinken, die Autoindustrie damit schrumpfen wird, wird nichts daran ändern, daß jener homo ökonomicus weiterhin nur auf Spitzengeschwindigkeit und Straßenlage achten wird - beim Erwerb seiner Spielzeuge.
Kaufleute waren immer schon die, welche Ingenieure bei ihrem Ritt durch die Wüste lediglich als Kamele benötigten. Und die VDI-Nachrichten habe ich früher deshalb stets verachtet, weil sie die Phantasie, die in jedem Ingenieur steckt, aus opportunistischen Gründen bekämpft hat. Die verkehrte Welt ist aber doch die: Bestand hat, was sich verändert. Die Zeitkonstanten hingegen verkürzen sich, nicht zuletzt infolge technischer Veränderungen; und Schläfrigkeit wird somit immer lebensbedrohlicher.
Noch etwas zu dem "öffentlichen Druck", der Hybrid hier salonfähig machen wird:
Angeblich bauen die einen die Autos, die der Kunde wünscht. Andererseits kauft der Kunde die Autos, die die andern gebaut haben...
Es ist ja nicht nur der Temporausch, der abklingen wird. Veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen lassen den (Massen-) Kunden auch nicht mehr soviel Geld für neue Gefährte locker machen. Da kommt ein's zu andern; viele Parameter ändern sich.
Die Leute wollen zukünftig die Autos, die sie sich leisten können, und die ihnen zugleich ein ruhiges Gewissen ermöglichen. Und jemand wird sie bauen müssen.
... steht im zweiten Posting zu diesem Beitrag. Ich hab' mich hier nur noch mal öffentlich gewundert ;-))
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