Die Wirtschaftskrise ist an vielen vorbeigegangen wie ein Schuss mit Schalldämpfer: Irgendwas Gefährliches war, doch hören konnte man es kaum. Doch das bleibt nicht so.
Das sind Daten, die keinen beunruhigen müssen. Im August blieb die Zahl der Arbeitslosen konstant. Und bis Jahresende wird sie weniger zunehmen, als zunächst befürchtet. Die Wahlkämpfer hören die Nachrichten aus Nürnberg erleichtert. Und sind wie die Bundeskanzlerin versucht, die positiven Meldungen ihrer eigenen Politik zuzuschreiben.
Die Politik sollte aufhören, den Deutschen Sand in die Augen zu streuen. (© Foto: ddp)
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Sie sollten aufhören, den Deutschen Sand in die Augen zu streuen. Die Wirtschaftskrise wird die Arbeitslosigkeit noch deutlich steigern. Es wird Zeit, dass sich die Parteien endlich damit beschäftigen, wie sich Arbeitsplätze schaffen lassen, statt sich weiter wegzuducken.
Mehr Arbeitslose - das ist gewiss
Die Krise ist bisher an vielen Deutschen vorbeigegangen wie ein Schuss mit Schalldämpfer: Irgendwas Gefährliches war, doch hören konnte man es kaum. Es gibt Angst vor Arbeitslosigkeit, ohne dass bereits viele Menschen arbeitslos geworden wären. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass es so bleibt: Der Schuss war leise, doch er traf sein Ziel.
Die Krise wird zu mehr Arbeitslosigkeit führen, das ist gewiss. Nur eben später. Zuletzt gab es in Deutschland 1,4 Millionen Kurzarbeiter. Diese Überbrückung ist gut und lobenswert, aber sie hält nicht ewig. Mitte nächsten Jahres rechnet die Arbeitsagentur mit einer Million Arbeitslosen mehr als heute. Und danach wird es noch schlimmer. Der Internationale Währungsfonds erwartet diese Entwicklung in vielen Industriestaaten: Das dicke Ende der Finanzkrise kommt später als gedacht, nämlich erst 2011.
Verantwortlich wäre eine Politik, die sich mit dieser traurigen Realität auseindersetzt. Und Parteien, die den Deutschen verschiedene Lösungen zur Auswahl bieten, wenn schon mitten in der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg gewählt wird. Doch über die Frage, wie in Deutschland mehr Arbeitsplätze entstehen können, schweigen sich die Parteien weitgehend aus. Bei der Union wirkt der Heidelberg-Effekt.
Reformgeist verloren
Nachdem die SPD vor der Wahl 2005 erfolgreich die Steuerideen von Paul Kirchhof attackiert hatte, des "Professors aus Heidelberg", hat die Kanzlerin den Reformgeist verloren. Stattdessen setzt die Union auf die unseriöse Suggestion, sie werde trotz horrender Staatsschulden womöglich die Steuern senken. Und die SPD lässt zwar gottlob nicht locker, was eine Regulierung der Finanzmärkte betrifft. Wirtschaftspolitisch fällt ihr aber wenig ein, was deutsche Arbeitsplätze sichern würde.
Diese Absenz wirkt umso gefährlicher, als die Bundesrepublik ihre Jobs in den kommenden Jahren hart verteidigen muss. Die Krise teilt den Erdball bereits in Verlierer wie Deutschland und Staaten, die den Schock schnell überwinden. China und Indien wachsen mitten im globalen Chaos stärker als erwartet. Die Chinesen haben im ersten Halbjahr den Exportweltmeister Deutschland entthront. Selbstbewusst rüsten die Asiaten ihre Industrie, um neue Märkte zu erobern.
Um als Hochlohnstaat mitzuhalten, müssen die Deutschen ihre Arbeitskosten und die Rahmenbedingungen für Beschäftigung ständig überprüfen. So wie es Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 tat. Die allerdings dient heutigen Wahlkämpfern vor allem als Fußabstreifer. Und die große Koalition versank nach der Rente mit 67 in Tiefschlaf, statt das Sozialsystem weiter zu reformieren. Das Finanzkrisen-Management der Gegenwart ist zu wenig: Deutschland braucht Politiker, die sich den Herausforderungen der Zukunft stellen.
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(SZ vom 02.09.2009/hgn)
Linke mit neuer Führung
...in der Tat scheint es nicht wenige Beobachter zu schmerzen, wenn die Krise schneeler beendet wäre oder uns weniger schlimm träfe, als das die professionellen Schwarzseher geweissagt haben... Dann würde das zu weniger zusätzlicher Reformdynamik führen, wohl war.
Nur zu weissagen, es käme doch alles ganz schlimm, nur halt später... oder vielleicht der W-förmige Konjunkturverlauf... das ist Kaffeesatzleserei, ohne Basis.
Wir sollten erleichtert sein, das Deutschland (u.a. durch die Sozialreformen von 2002-05) doch ganz gut vorbereitet war, dass das Krisenmanagement mit Kurzarbeitergeld etc. gut funktioniert hat, ... jedenfalls sieht es eher so aus als ob es 2010 mit der Weltkonjunktur und folglich Nachfrage wieder aufwärts geht, und dann wird auch niemand mehr die Kurzarbeiter entlassen wollen, sondern froh sein, die Belegschaften gehalten zu haben... und unseren Reformeifer können wir dann darauf konzentrieren, die öffentlichen Finanzen wieder ins Lot zu bringen...
Also 2011 soll nun das dicke Ende auf uns warten. Ich glaube jedoch dass es kein einziges Wirtschaftsinstitut gibt das sich in letzter Zeit nicht gehörig geirrt hat. Sämtliche Propheten ala Sinn und Konsorten schreien alle paar Monate neue Prognosen auf den Markt die 3 Monate später schon komplett überholt sind.
Da fällt mir folgender Spruch ein:"Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt".
Sollte natürlich heissen: Bei denen sehe ich auch eher eine WENIGER korrupte Arbeitspolitik im Sinne der Arbeitnehmer.
"Diese Absenz wirkt umso gefährlicher, als die Bundesrepublik ihre Jobs in den kommenden Jahren hart verteidigen muss."
Diesen Propagandaspruch der Arbeitgeberseite hören wir inzwischen wiederholt seit 40 Jahren. Das ist ein echter Klassiker, den der Autor Alexander Hagelücken bemüht.
"Doch über die Frage, wie in Deutschland mehr Arbeitsplätze entstehen können, schweigen sich die Parteien weitgehend aus. Bei der Union wirkt der Heidelberg-Effekt."
Hallo Herr Hagelücken, haben Sie die Arbeitsmarktreformen von SPD/Grüne verpasst? Die haben eine Menge neue Jobs geschaffen. Na gut, halt überwiegend in der Leiharbeit und im prekären Niedriglohnbereich. Normale reguläre Stellen zusätzlich leider nicht.
Das war so gewollt. Die Unternehmer nahmen dies dankend an. Bei den Selbstständigen und Unternehmern steigen die Einkommen, die Löhne der Arbeitnehmer sind im Schitt gesunken. Ob so eine Politk von SPD oder Union gemacht wird, ist komplett egal.
Und die Stillhaltetaktik der Union wird ihr gar nichts nützen. Wir haben gerade erst wieder gesehen, daß Umfragewerte mit der Realität kaum etwas zu tun haben. Diese Zahlen trügen und sind leider nicht belastbar.
Gefährlich und schädlich ist für die deutsche Demokratie ist das Parteispendenunwesen. Das ist das viel größere Problem. Deswegen haben wir auch solche volksfremde Politiker in den noch Volksparteien.
Ich werde jedenfalls maßgeblich meine Stimme auch davon abhängig machen, ob Parteien Parteispenden annehmen. SPD, FPD und Unionsparteien fallen somit schonmal raus. Die LINKE rangiert bei Spenden weit dahinter. Bei denen sehe ich auch eher eine korrupte Arbeitspolitik im Sinne der Arbeitnehmer.
Recht hat der Kommentator. Wir brauchen tatsächlich Reformen, aber solche, die aus dem Sozialsystem wieder ein soziales System machen. Reformen, die die Menschen wieder als Bürger sehen und nicht als lästige Bittsteller, die man schikanieren kann, um ihnen die geringe Unterstützung noch zu kürzen. Reformen, die die Leistungsstarken zur Verantwortung zwingen, nachdem sie nicht freiwillig Verantwortung übernommen haben.
Diesen Reformstau gibt es und es gibt nur wenige Parteien, die bereit sind, die nötigen Reformen gegen den Druck einer übermächtigen Lobby durchzusetzen. Zum Wohle der Menschen, und zum Wohle des Landes!
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