Krise in Zypern Politik der großen Scheine

Gazprom ist an Gasvorkommen interessiert, die russische Regierung ist hinter Steuerflüchtlingen her. Die Kirche mischt auch mit, und die EU will den Bankensektor zurückstutzen. Zypern ist zum Schauplatz eines gigantischen Geschacheres geworden. Um das Wohl der Kleinsparer geht es dabei schon lange nicht mehr.

Von Christiane Schlötzer, Nikosia

Im "Checkpoint Charlie Berlin" sind alle Tische besetzt nach der Abstimmung in Zyperns Parlament. Vor dem Abgeordnetenhaus waren Tausende Demonstranten aufgezogen, viele hielten Plakate mit Verwünschungen der deutschen Kanzlerin hoch. Aber in dem beliebten Souvlaki-Restaurant in Nikosias Innenstadt, das die Erinnerung an die deutsche Teilung im Namen trägt, ist von Deutschenfeindlichkeit nichts zu spüren. Auch nicht von Katastrophenstimmung. Nur das Bier im Checkpoint Charlie, unweit der Demarkationslinie zum türkischen Teil der Stadt, geht an diesem turbulenten Abend zu früh zur Neige. Protest macht durstig.

Am Mittwochmorgen sehen die Zyprer dann schon zum Frühstück den Erzbischof auf allen TV-Kanälen. Chrysostomos II. hat in aller Frühe den Präsidenten Nikos Anastasiadis besucht. Beim Verlassen des Präsidentenpalasts sagt der höchste Vertreter der orthodoxen Kirche auf der Insel, "für das Vaterland" sei er bereit, den gesamten Besitz von Kirchen und Klöstern auf Zypern "zu beleihen".

Zypern solle auf eigenen Füßen stehen, meint der Mann noch - und solle gute Beziehungen zu Russland pflegen. Die Kirche ist größter Anteilseigner der zyprischen Hellenic Bank und hat den Rettungsplan der Euro-Gruppe vehement kritisiert. Die Zyprer gelten nicht als sehr religiös, trotzdem hat die Kirche beträchtlichen Einfluss. Ihre Führung war 2004 auch strikt gegen den UN-Plan zur Wiedervereinigung der Insel.

Gute Verbindungen nach Moskau

Informierte Kreise erzählen in Nikosia, der erst kürzlich gewählte Anastasiadis wollte den Erzbischof bitten, über Moskaus Patriarch Kyrill I. ein gutes Wort bei Russlands Präsident Wladimir Putin einzulegen für das vor dem Staatsbankrott stehende Zypern. Anastasiadis, so berichten zyprische Zeitungen, hatte Putin in einem halbstündigen Telefonat in der Abstimmungsnacht persönlich über die letzten Entwicklungen unterrichtet. Finanzminister Michalis Sarris befindet sich schon seit Dienstag in Moskau.

Zypern hofft, nicht nur eine Verlängerung eines schon 2011 von Russland gewährten Kredits von 2,5 Milliarden Euro zu erreichen. Moskau soll auch Interesse an den Gasfeldern vor Zyperns Küste haben. Gazprom-Flaggen gab es am Dienstagabend auch vor dem Parlament, wo 36 Abgeordnete gegen das EU-Hilfspaket stimmten und keiner dafür. Die anwesenden 19 Vertreter der Partei Disy von Anastasiadis enthielten sich.