Krise der Versorger Endspiel für die Stromkonzerne

Kernkraftwerke wie das in Grohnde in Niedersachsen sind eine aussterbende Art in Deutschland. An ihre Stelle treten zunehmend kleine, dezentrale und effiziente Anlagen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Trotz Atomausstiegs haben sich die Großen der Energiebranche lange gegen Veränderungen gewehrt. Nun müssen sie endgültig umschwenken. Schuld hat angeblich die Politik - dabei wäre ohne die Energiewende alles noch schlimmer.

Kommentar von Markus Balser

Es waren nur wenige Minuten, die die Welt der größten deutschen Energieversorger wie RWE und Eon vor fast genau vier Jahren aus den Angeln hoben: Zuschauer auf der ganzen Welt sahen am 11. März 2011 zu, als im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi eine Jahrhundertkatastrophe begann. Druckwellen einer mächtigen Explosion erschütterten den ersten Reaktor. Als sich der graue Rauch verzog, stand von seiner Außenhülle nur noch das Gerippe. Vier Jahre später ist klar: Fukushima war nur der Beginn von Schockwellen ganz anderer Art. Die Bundesregierung reagierte mit einem so harten Einschnitt, wie ihn zuvor keine andere Branche erlebt hat. Nur Tage später ließ sie die acht ältesten Meiler der vier deutschen AKW-Betreiber Eon, RWE, EnBW und Vattenfall abschalten - urplötzlich standen die wichtigsten Gewinnlieferanten der Konzerne still. Auch in Deutschland ist von der einst so mächtigen Branche nur noch ein Torso geblieben.

Eon spaltet sich auf, RWE befindet sich auf radikalem Schrumpfkurs, Vattenfall zieht sich mehr und mehr aus Deutschland zurück, EnBW denkt laut über das Ende der Stromproduktion nach. Und der Absturz ist noch lange nicht zu Ende. Wenn die beiden größten deutschen Energiekonzerne am Dienstag und Mittwoch ihre Jahresbilanzen vorlegen, ist mit neuen Schreckensnachrichten zu rechnen. Eon wird wohl den größten Verlust der Konzerngeschichte verkünden, bei RWE droht ein neuer Stellenabbau.

Eine neue Form der Versorgung - ohne riesige Kraftwerke

Der Spannungsabfall in den Konzernzentralen macht klar: In Deutschlands Energiebranche hat vier Jahre nach Beginn des beschleunigten Atomausstiegs das Endspiel um die eigene Zukunft begonnen. Mit dem Fortschreiten der Energiewende ist vieles in Bewegung geraten. In einem weltweit mit Spannung verfolgten Pilotprojekt entsteht eine neue Form der Energieversorgung - weg von den riesigen Kraftwerken, hin zu kleineren, umweltfreundlichen Anlagen und einer dezentralen Versorgung.

Deutschlands Energiekonzerne, die sich lange gegen genau diese Veränderungen zur Wehr setzten, müssen in diesen Monaten endgültig umschwenken - gezwungen von der Angst um die eigene Existenz. Große, einflussreiche Konzerne, so lehrt es die Wirtschaftsgeschichte, werden schwerfällig und angreifbar. Kleine, erfinderische Unternehmen, teils aus anderen Branchen, übernehmen ihr Geschäft. "Schöpferische Zerstörung" nannte dies der Ökonom Joseph Schumpeter.

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Schuld hat für die Konzerne die Politik

Vor allem Deutschlands größter Energiekonzern Eon versucht die nun selbst in die Hand zu nehmen. In einem beispiellosen Schritt hat der Konzern die eigene Aufspaltung beschlossen und stößt in einer neuen Gesellschaft ab, was mal das eigene Kerngeschäft war: die Stromproduktion aus Kohle, Gas und Atom. Das Unternehmen konzentriert sich künftig auf grüne Energie und Netze. Kein Konkurrent reagierte bislang so radikal. Doch auch bei RWE, EnBW und Vattenfall stehen die Zeichen auf Ab- und Umbau.

Hat die Energiebranche also ihren Frieden gemacht mit dem beschleunigten Atomausstieg? Nein, in der Schuldfrage etwa lebt altes Denken wieder auf. Dass Eon die Verkündung eines historischen Verlusts in dieser Woche auf den Jahrestag der Fukushima-Katastrophe terminiert, ist ein deutlicher Hinweis an die Politik. Er soll klarmachen, wer für die Milliardenverluste haftet, wenn der Rauch sich gelegt hat und die Aufräumarbeiten zu Ende sind: Bund und Länder, die gemeinsam den beschleunigten Atomausstieg durchboxten.

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Mit den Atommeilern wäre die Krise nur noch dramatischer

In Dutzenden Klagen fordert die Branche vor deutschen Gerichten bereits Schadenersatz. Milliarden hätten allein RWE und Eon nur deshalb an Wert verloren, heißt es darin. Doch die Schuldzuweisungen sind falsch. Fukushima hat den Niedergang der Branche in Wirklichkeit nur beschleunigt - nicht ausgelöst. Das Endspiel hat viel früher begonnen: Mit dem rasanten Ausbau erneuerbarer Energien. Eine Entwicklung, die die Branche lange unterschätzte. Die Folge des Baus Tausender grüner Kraftwerke war ein wachsendes Energieangebot, das derzeit den Strompreis purzeln und konventionelle Kraftwerke reihenweise still stehen lässt. Wären die Atomkraftwerke noch am Netz - die Krise der Energiekonzerne wäre nicht etwa kleiner, sondern noch dramatischer

Der Umbau der Branche steht noch immer ganz am Anfang. Die Verluste der Kraftwerke werden weiter wachsen. Neue Geschäftsmodelle entstehen, in denen es weniger um Stromversorgung als um Energiemanagement geht - durch neue Anbieter. Das Wettrennen um die Zukunft der Versorger ist eröffnet. Wer sich jetzt nicht bewegt, wird untergehen.

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