Ein Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

Es ist paradox: Für die Autoindustrie gibt es Zukunftsmärkte mit mehreren Milliarden potentiellen Kunden - aber die Konzerne ersticken an Überkapazitäten.

Der Zustand der Autoindustrie ist deprimierend. Der Absatz bricht weltweit ein. Von einigen Marken werden nur noch halb so viele Fahrzeuge verkauft wie vor einem Jahr.

Trotz aller Krisen: Das Auto hat die Zukunft noch vor sich (© Foto: Reuters)

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General Motors, einst der größte Autokonzern der Welt, steht vor der Pleite. Volvo und Opel suchen verzweifelt neue Eigentümer, finden aber keine. Zulieferbetriebe gehen reihenweise pleite, mehrere hunderttausend Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze, und Fiat-Chef Sergio Marchionne sagt voraus, bald werde es in der ganzen Welt nur noch sechs Autohersteller geben.

Nicht einmal BMW und Daimler haben in so einem Szenario noch eine Zukunft. Es sieht so aus, als sei die Autoindustrie am Ende.

Dies aber ist falsch. Denn das Auto hat die Zukunft noch vor sich. Die meisten Menschen auf der Welt warten noch auf ihr erstes eigenes Kraftfahrzeug. Lediglich in den Industrieländern - in Nordamerika, Westeuropa und Japan - sind die Märkte bereits gesättigt.

Zwei Krisen

Es ist paradox: Für diese Industrie gibt es Zukunftsmärkte mit mehreren Milliarden potentiellen Kunden, aber die Autokonzerne scheinen an ihren Überkapazitäten zu ersticken. Der Blickwinkel der Branche macht klar, dass sie in der Vergangenheit ziemlich viel falsch gemacht hat.

Die Autoindustrie ist von zwei Krisen zugleich erfasst, das erschwert ihre Lage. Als Folge der Finanzkrise schmiert gerade die Konjunktur weltweit so stark ab, wie vielleicht niemals zuvor. Die Läden sind leer und Fabriken stehen still. Dafür können die Automanager nichts. Aber auch sie haben zur eigenen Misere beigetragen. Die wurde schon sichtbar, bevor der Käuferstreik einsetzte.

Schon im vergangenen Jahr, erst recht aber in der ersten Hälfte des Jahres 2008 wurde deutlich, dass die Autoindustrie auf dem falschen Weg ist. Besonders gilt dies für die amerikanische. Die baut immer noch hauptsächlich große Spritsäufer, mit denen sie jahrzehntelang viel Geld verdiente.

Wegen der drastisch gestiegenen Benzinpreise liefen jedoch die Kunden davon. Die Autos der Europäer verbrauchen viel weniger Sprit, aber auch diese Fahrzeuge könnten noch effizienter sein, wenn die Ingenieure sie nicht immer größer und stärker machen würden. Sie erfinden immer neue Luxus-Mätzchen, die Gewicht und Spritverbrauch in die Höhe trieben.

Falscher Eindruck

Der Kernfehler der Autoindustrie aber ist: Sie hat bis vor zwei Jahren fast vollständig auf den Verbrennungsmotor gesetzt. Man tat so, als werde es Rohöl, Benzin und Diesel noch ewig geben, und dies zu bezahlbaren Preisen.

Die Industrie hat sich viel zu wenig darum bemüht, Antriebsformen zu entwickeln, die ohne Öl auskommen. Damit hat sie sich ihrer Verantwortung für den globalen Klimaschutz entzogen. Jedem musste aber lange schon klar sein, was mit dem Weltklima passiert, wenn sich auch noch die Milliardenvölker Chinas und Indiens mit Verbrennungsmotoren fortbewegen.

Neuerdings denkt die Branche ein wenig um. Sie spricht plötzlich über das sogenannte Downsizing. Sie will also in große Autos in Zukunft kleinere Motoren einbauen, die weniger Sprit verbrauchen.

Die Industrie rührt auch kräftig die Reklametrommel für das Elektroauto und vermittelt den falschen Eindruck, sie könne das mit Strom angetriebene Fahrzeug schon bald in großer Stückzahl liefern. Bis zehn Prozent der Autos mit Strom fahren, werden aber noch zwei Jahrzehnte vergehen, sagen Fachleute.

Man sieht daran: Diese Industrie ist für die Zukunft nicht gut gerüstet. Sie muss sich aber beeilen, weil die Welt auf das Auto von morgen wartet. Wenn die Branche keine Lösung bietet, machen es andere.

Wer sagt denn, dass VW, Toyota oder Daimler das Auto der Zukunft bauen müssen? Die Geschichte ist voll von Beispielen von Unternehmen, die sich für unfehlbar hielten und untergingen. Die Autoindustrie wäre nicht die erste Branche, in der ganz neue Spieler die alten Anbieter verdrängen.

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(SZ vom 13.12.2008/hgn)