Kriminalität am Bau Einstürzende Neubauten

In der Bauwirtschaft herrscht Verantwortungslosigkeit. Der immer stärkere Sparzwang, unqualifizierte Arbeiter und Aufsichtsfehler fördern die kriminelle Energie.

Von H. Leyendecker und C. Jiménez

In Köln werden traditionell Regeln und Gesetze geknetet und gebogen, bis sie passen - oder nicht. Außenstehende reden vom "Kölner Klüngel", die Rheinländer selbst predigen die Philosophie vom "Leben und leben lassen".

Aber ist der massenhafte Diebstahl von Metallankern, die beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn in Köln für Stabilisierung sorgen sollten, sind die offenkundige Fälschung Dutzender Messprotokolle und der Verzicht auf ausreichend Beton auf die üblichen Zustände in der "leichtfertigen Stadt" zurückzuführen, wie Heinrich Böll seine Heimatstadt nannte?

Mussten deshalb vor einem Jahr zwei Menschen beim Einsturz des Stadtarchivs sterben? An fünf der acht entstehenden Haltestellen könnte es, so die örtliche Staatsanwaltschaft, kriminelle Machenschaften gegeben haben - und das ist nur eine Zwischenbilanz.

Oder hat der geheimnisvolle Zeuge der Kölner Staatsanwaltschaft die Wahrheit gesagt, als er vorige Woche erklärte, auch beim Bau der ICE-Trasse München - Nürnberg sei gepfuscht worden?

Bei dem U-Bahn-Abschnitt in der Domstadt ist der Baukonzern Bilfinger Berger federführend, der auch die ICE-Trasse mitgebaut hat. Spekuliert wird nun, dass es sogar beim Bau der Düsseldorfer U-Bahn gefährliche Auffälligkeiten gegeben hat. Also: Ist Köln doch überall?

Klaus Wiesehügel, Vorstandschef der IG-Bau, sieht die Lage so: In den vergangenen Jahren sei der Lohn der Bauarbeiter immer schlechter, ihre Qualifikation immer geringer geworden. Es fehle an Fachkräften, die Kommunen sparten an jeder Ecke.

Diese Umstände hätten "eine kriminelle Energie gefördert. Und diese kriminelle Energie hat zum kompletten Versagen der Bauaufsichten geführt." Material und Personal würden verschoben. Und so werde Verantwortungslosigkeit organisiert.

Michael Kummer, Leiter der Bauaufsicht der Stadt Frankfurt, findet diese Aussagen "feuilletonistisch". Kleinkriminalität, Beschäftigung von Wanderarbeitern habe es zu allen Zeiten gegeben. Und "Fragen zur Bauherrenkompetenz" seien immer schon gestellt worden.

Auch warnt er vor der Vorstellung, bei solchen Großprojekten müssten die Bauherren immer alles im Griff haben. Es gebe "inhärente Risiken. Shit happens". Nicht verständlich sei allerdings, dass es in Köln keine Aufsicht durch Fachingenieure gegeben habe. Die sei zwar nicht vorgeschrieben, aber notwendig. Auch habe es an Prüfstatistikern gefehlt.

Ilona Klein, Sprecherin des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes, ist näher bei Wiesehügel als bei Kummer. Die öffentliche Verwaltung habe die Bauherrenaufsicht wegen Stellenabbaus "so gut wie aufgegeben." Subunternehmer beschäftigten "immer mehr unterqualifizierte Kräfte, und es gibt immer weniger Überwachung", sagt sie.

Immer weniger Beschäftigte in der Bauwirtschaft

Heiko Stiepelmann, stellvertretender Geschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, sieht gravierende Unterschiede zwischen Hochbau und Tiefbau, in dem "sehr spezielles und ausgesprochen komplexes Fachwissen nach wie vor verlangt wird". Im Fall Köln gehe es um "Probleme in der Bauaufsicht. Dort ist nicht ordnungsgemäß gehandelt worden. Ich frage mich: Wieso konnte das durchgehen?"

Das fragen sich auch die Kölner, deren Verkehrsbetrieb KVB der Bauherr der U-Bahn ist. Sind die Prüfer hereingelegt worden oder haben sie weggeschaut? Der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) hat die Gründung einer "AG-Stadtbahn-Bau" angekündigt, in die interne und externe Fachleute berufen werden sollen. Er stellte die Frage, ob bei öffentlichen Bauten weiterhin die Aussage "privat vor Staat gelten" solle.

Seit vielen Jahren geht es mit der privaten Bauwirtschaft in Deutschland steil bergab. Vor fünfzehn Jahren gab es im Bauhauptgewerbe 1,4 Millionen Mitarbeiter, 2008 waren es 715.000. Die Zahl der Facharbeiter hat sich in diesem Zeitraum mehr als halbiert - von 783.068 auf 369.491. Ähnlich sieht es bei den Fachwerkern und Werkern aus, die auf Baustellen früher unverzichtbar waren: Von 263.351 verringerte sich ihre Anzahl auf 112.675. Kein anderer Beschäftigungszweig musste in den vergangenen Jahren so viele Beschäftigte entlassen.

Viele Firmenpleiten hat der Staat zu verschulden

Lange Zeit gab es wegen der leeren Staatskassen immer weniger öffentliche Aufträge, erst das Konjunkturprogramm der Bundesregierung sorgt für Entlastung. Auch lassen sich Bund, Länder und Gemeinden oft monatelang Zeit, bis sie ihre Rechnungen begleichen. Viele Firmenpleiten wurden durch Zahlungsverzug des Staates ausgelöst.

Gleichzeitig hat sich die Konkurrenz durch Billiganbieter aus Ost- und Südosteuropa verschärft. Zwar dürfen diese nach dem "Entsendegesetz" nicht unter dem deutschen Tarif-Mindestlohn beschäftigt werden, aber das Gesetz hat mit der Realität oft nichts zu tun.

Immer wieder kommen angesehene Manager von Baukonzernen mit dem Gesetz wegen Beihilfe zum Lohnwucher in Konflikt, weil Subunternehmer die Beschäftigten für Hungerlöhne beschäftigt haben. Auf der Stadtbahn-Baustelle in Köln sind derzeit 240 Arbeiter tätig: 25 kommen von Bilfinger Berger, 105 von dessen Partnern Wayss & Freytag und Züblin. Der Rest kommt von diversen Subunternehmern.