Krankheitserreger in der Tierhaltung Gefahr aus dem Stall

Mehr als drei Viertel der Schweine und des Mastgeflügels erhält im Laufe ihres Lebens zu viel Antibiotika, warnen Humanmediziner und Veterinäre.

(Foto: AP)

Weil Antibiotika in der Massentierhaltung die Regel sind, wirken sie bei vielen Menschen nicht mehr - und werden für Patienten zum Gesundheitsrisiko. Ein Team aus Ärzten und Pharmazeuten will das jetzt ändern.

Von Silvia Liebrich

Ärzte stehen immer häufiger vor dem Problem, dass die von ihnen verschriebenen Antibiotika nicht wirken. Ein Grund dafür sind multiresistente Keime, die betroffene Patienten bereits in sich tragen. Zumindest ein Teil dieser Erreger hat seinen Ursprung in der Tierhaltung.

Eine Gruppe von Humanmedizinern und Tierärzten hat deshalb eine Kampagne gegen Massentierhaltung gestartet. Keime aus agrarindustriellen Anlagen, die resistent gegen Antibiotika seien, bedrohten massiv die menschliche Gesundheit, sagten die Initiatoren am Mittwoch in Hannover. Die erste bundesweite Kampagne dieser Art wird von 250 Ärzten, Pflegern und Pharmazeuten unterstützt. Sie fordern eine tiergerechte Haltung, schärfere Kontrollen sowie Sanktionen bei einem Einsatz von Antibiotika in der Tiermast.

Wenn dies nicht geschehe, könnten Antibiotika demnächst nicht mehr als Waffe gegen bakterielle Infektionen für Menschen und Tiere zur Verfügung stehen, warnte der Veterinär-Professor Siegfried Ueberschär. Ärzte versuchten oft vergeblich, das Leben und die Gesundheit immungeschwächter Patienten zu retten, sagte die Bremer Internistin Imke Lührs. Neue Antibiotika seien jedoch nicht in Sicht.

Die Verbreitung sogenannter Krankenhauskeime, in Fachkreisen auch unter dem Kürzel MRSA bekannt, ist aus Sicht der kritischen Ärzten inzwischen alarmierend: In Gegenden mit einer hohen Dichte von Tierhaltung stammten bereits bis zu 30 Prozent der MRSA-Keime bei Hochrisikopatienten aus dem Umfeld der Landwirtschaft.

Antibiotika in Ställen die Regel

Antibiotikaresistente Keime sind auch in der Lebensmittelkette zu finden. Den Angaben zufolge ist das Auftauwasser von Tiefkühlgeflügel oder frisches Hähnchen- und Putenfleisch bis zu 42 Prozent mit resistenten Keimen befallen. Bei einer Untersuchung im Mai wurden Kontrolleure auch bei frischer Mettwurst fündig.

Als Hauptursache wird der hohe Medikamenteneinsatz in den Ställen genannt. Demnach erhalten mehr als drei Viertel der Schweine und des Mastgeflügels im Laufe ihres Lebens eine Menge an Antibiotika, "die ungefähr einer 20-jährigen Dauermedikation beim Menschen entspräche". Wie viel Antibiotika die deutschen Tierhalter insgesamt einsetzen, wird erst seit 2011 bundesweit erfasst. Ein Gesetz, das die Viehalter- und Tierärzte dazu verpflichtet, die Abgabe zu melden, gilt erst seit kurzem.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht ein erhöhtes Risiko durch die Massentierhaltung. "Resistenzen bei Krankheitserregern in Tieren und auf Lebensmitteln sind ein gravierendes Problem im gesundheitlichen Verbraucherschutz", stellt BfR-Präsident Andreas Hensel fest. In den Fachbereichen der Behörde wird an Vorschlägen gearbeitet. "An weiteren Verbesserungen der Haltungsbedingungen führt kein Weg vorbei. Das ist schwer umzusetzen, muss aber Priorität haben", sagt Bernd-Alois Tenhagen, BfR-Experte für Antibiotikaresistenz. Ziel in der Landwirtschaft müsse es sein, Tiere so zu halten, dass sie gar nicht erst krank werden. "Dafür brauchen sie genügend Platz, Frischluft und gute Fütterung".

Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte reagierte zurückhaltend auf die Initiative der kritischen Ärzte: Der Verband werde sich der Kampagne nicht anschließen. Es sei Aufgabe der Politik, nicht der Tierärzte, für bessere Bedingungen in den Ställen zu sorgen.