Der Vorschlag der Versicherungskonzerne zur Reorganisation der Krankenversicherung stößt auf große Beachtung. Doch die Tücken stecken im Detail.
Vermittler von privaten Krankenversicherungen dürften in diesen Tagen bei ihren Beratungsgesprächen in Erklärungsnot geraten. Denn seitdem über Gedankenspiele der großen Versicherer berichtet wird, das jetzige Gesundheitssystem durch eine Einheitsversicherung zu ersetzen, sind die Kunden verunsichert.
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Und nicht nur die: Auch in den Strategieabteilungen der großen Versicherer herrscht Ratlosigkeit. "Die ganze Diskussion ist aus dem Ruder gelaufen", stöhnt der Mitarbeiter eines großen Versicherungskonzerns. Niemand könne mehr mit Gewissheit sagen, worum es inhaltlich eigentlich noch gehe.
Alle sind dafür
Was war geschehen? Am Dienstag wurde berichtet, große Versicherungskonzerne wie die Allianz, Axa und Ergo würden über die Einführung eines Basistarifs für Krankenversicherte nachdenken. Ein Konzept, das offenbar nicht nur eine Einheitsprämie zur Folge hätte, sondern auch eine Einheitskasse. Zum Leidwesen kleinerer Privatkrankenkassen wie Signal Iduna und Debeka, die befürchten, zum reinen Dienstleister für Zusatzversicherungen degradiert und so durch die Hintertür abgeschafft zu werden.
Schon da fiel auf, dass das Konzept verdächtig viel politischen Applaus bekam - und zwar quer über alle Parteien hinweg, die normalerweise in dieser Frage über Kreuz liegen. Das Konzept galt zunächst als unionsnah: Eine einheitliche Prämie für alle, unabhängig von Alter und Geschlecht; die Grenzen zwischen Gesetzlicher und Privater aufgehoben - das klang nach eben jener Kopfpauschale, mit der die Union einst die steigenden Gesundheitskosten von der Höhe der Löhne und Gehälter abkoppeln wollte, auch um die im internationalen Vergleich hohen Lohnnebenkosten in Deutschland zu senken.
Dann aber lobte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach die Vorschläge als "Schritt in die richtige Richtung". Er wiederum mag das Modell als Variante der von der SPD favorisierten Bürgerversicherung verstanden haben, bei der alle Bürger in eine Pflichtversicherung einbezogen werden müssen - egal ob gesetzlich oder privat. Lauterbach stellte Unterstützung für das Konzept in Aussicht, vorausgesetzt, privat und gesetzlich Versicherte würden gemeinsam in die neue Einheitsversicherung einzahlen und der gerechte Ausgleich zwischen Besser- und Schlechterverdienenden sei gewährleistet.
Offene Fragen
In den Versicherungsunternehmen wundert man sich über die plötzlich ausgebrochene Debatte. "Es handelte sich um erste Ideen zum Umbau des Systems, über die konkreten Komponenten ist noch längst nicht abschließend debattiert worden", heißt es dort. "Fragen wie 'Wie stark sollen Leistungen gedeckelt sein?' oder 'Soll das System kapitalgedeckt oder nach dem Umlageverfahren funktionieren?' seien nicht abschließend beantwortet, sagt der Manager eines Versicherungskonzerns.
Ein heikler Punkt: Noch ist es so, dass sich die Gesetzliche Krankenversicherung nach dem Umlageverfahren - auch Solidaritätsprinzip - trägt. Leistungen werden aus Beiträgen der einzelnen Zahler finanziert. Wer einzahlt, hat einen Anspruch auf Leistung im Falle der Bedürftigkeit. Beim Kapitaldeckungsverfahren der Privaten dagegen werden die Beiträge angespart und verzinst, um so für die Zukunft der einzelnen Versicherten vorzusorgen.
In den Versicherungskonzernen geht man nicht davon aus, dass das Thema Gesundheitsreform in der großen Koalition noch einmal auf den Tisch kommt. Hier bereitet man sich auf die nächste Legislaturperiode vor. "Wie der Reformplan am Ende aussehen wird, wird davon abhängen, wie die nächste Bundestagswahl ausgeht", heißt es in der Branche. Daher seien die Pläne zurzeit vor allem ein "Diskussionsbeitrag".
(SZ vom 12.6.2008/hgn)
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