Ein Kommentar von Marc Beise

Es hat bei Siemens seit Jahrzehnten dunkle Machenschaften im großen Stil gegeben. Viele Mitarbeiter haben sich dabei mindestens moralisch schuldig gemacht.

Siemens ist nicht die Mafia. Man muss das vielleicht so deutlich sagen, um Missverständnisse zu vermeiden. Siemens ist das deutsche Weltunternehmen, einer der größten Konzerne überhaupt, aktiv in 190 Staaten der Welt, wo 400.000 Mitarbeiter für jährlich mehr als 70 Milliarden Euro Umsatz sorgen.

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Siemens ist auch eines der ältesten deutschen Unternehmen, gegründet im Jahre 1847. Über die Zeit hat Siemens Millionen Menschen Arbeit gegeben. Dieser Konzern hat zum Glanz der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt erheblich beigetragen - weshalb auch der Schatten, den er jetzt wirft, sich übers ganze Land legt.

Verwerfungen im großen Stil

Dies ist das eigentliche Drama des Korruptionsskandals, dessen ganze Dimension Stück für Stück bekannt wird. Es hat bei Siemens, daran kann ernsthaft kein Zweifel mehr bestehen, seit Jahrzehnten dunkle Machenschaften im großen Stil gegeben.

Wie man heute weiß, wurde nach allen schlechten Regeln geschmiert und korrumpiert, gelogen, geheuchelt und weggesehen. Längst reden wir nicht mehr über einige wenige, die dem Unternehmen einen schlechten Dienst erwiesen haben, sondern über Verwerfungen im großen Stil, in mehreren Bereichen, ein weitgespanntes System.

Viele der bereits bekanntgewordenen Verhaltensweisen, der gegenseitigen Abhängigkeiten, der Verschwiegenheit im Vertrauen auf Wohlwollen kennt man so aus einschlägigen Büchern und Filmen. Die heißen "Der Pate" oder "Die Firma" und erfreuen sich großer Beliebtheit.

Lange Zeit haben viele Siemensianer gehofft, dass das alles nicht wahr sei. Dass die Staatsanwälte im Übereifer Einzelfälle zusammengetragen haben, hinter denen kein System stehe. Dass Medien um der schnellen Schlagzeile willen schamlos übertrieben.

Dass überhaupt mit zweierlei Maß gemessen werde und bei Siemens ans Licht gezerrt werde, was doch überall üblich sei. Wer das gehofft hat, muss sich nun eingestehen, zu kurz gedacht zu haben. Was heute, eineinhalb Jahre nach der großen Durchsuchungsaktion am 15. November 2006, bekannt ist, ist so unglaublich, dass man besser sachlich bleibt.

Viele Menschen bei Siemens, auf allen Hierarchiestufen, haben sich schuldig gemacht - mindestens moralisch. Ist es nicht die schlimmste Form von Chauvinismus, um des eigenen Geschäfts willen in Entwicklungsländern mit korrupten Cliquen zu paktieren und dem Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat im Wege zu stehen?

Juristisch hat Siemens ein Problem jedenfalls seit dem Jahr 1999, als auch in Deutschland Bestechung im Ausland verboten wurde. Viele exportorientierte Unternehmen, speziell im Großanlagenbau, haben sich seinerzeit auf die neue Situation eingestellt. Bei Siemens glaubte man, aufs Schmieren nicht verzichten zu können und machte weiter, anders, subtiler, jenseits der Legalität.

Jetzt wird vieles aufgeklärt, bei der Staatsanwaltschaft, bei Siemens selbst und in der Öffentlichkeit. Einige der Akteure an der Front werden vermutlich bald vor dem Richter stehen. Andere Verantwortlichkeiten sind noch nicht ganz aufgeklärt. Der langjährige Siemens-Chef Heinrich von Pierer etwa ist von der Staatsanwaltschaft bis heute nicht befragt worden - obwohl er seit Jahrzehnten bei Siemens in verantwortlichen Positionen tätig war; Pierer selbst weist jede Schuld von sich.

Nur gut, das Siemens selbst am eifrigsten aufklärt, dass das neue Management, das überwiegend von Nicht-Siemensianern geführt wird, einen radikalen Schlussstrich ziehen will, koste es, was es wolle. Der Konzern wird dabei womöglich auf das eine oder andere Geschäft verzichten müssen.

Denn Korruption ist immer auch ein Zeichen der Schwäche. Man kann nur mutmaßen, wie viele Aufträge Siemens nur bekommen hat, weil man geschmiert hat - und nicht, weil man das beste Produkt hatte.

Vor diesem Hintergrund ist der Schaden, den die früheren Siemens-Manager angerichtet haben, noch viel größer, als allgemein bekannt. Es wird Jahre dauern, bis sich der Konzern, bis sich aber auch die deutsche Wirtschaft insgesamt davon erholt hat. Wer dafür verantwortlich ist, muss bezahlen. Jeder.

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(SZ vom 15.4.2008/hgn)