Konzerne und Start-ups Biete Schreibtisch und Geld, suche Innovation

In Berlin sitzen viele Start-ups. Die Räume der "Factory" zum Beispiel teilen sich 22 kleine Firmen.

(Foto: Getty Images)

Einen Fonds mit 450 Millionen Euro für Förderprogramme: Kein Unternehmen in Europa steckt so viel Risikokapital in Start-ups wie die Telekom. Warum immer mehr Großkonzerne Millionen in junge Unternehmen pumpen.

Von Varinia Bernau, Berlin

Korbinian Weisser war im Urlaub an der Nordsee, als das Angebot von der Deutschen Telekom kam. Im Interview mit einem Gründerportal hatte er kurz zuvor erzählt, dass er Geld suche. Für sein Unternehmen qLearning, das er mit fünf anderen im Studium gegründet hat, um das digitale Pendant zu den Karteikarten für Vokabeln zu schaffen: Auf dem Smartphone sollen Studenten so testen, was aus dem Semester hängengeblieben ist. Und von großen Unternehmen nimmt qLearning Geld dafür, dass diese sich am Bildschirmrand bei den Akademikern in Szene setzen können. "Und zwar gezielter, als ein Banner in der Kantine aufzustellen", wie Weisser, 25, rote Jeans, akkurater Seitenscheitel, gehäkelte Krawatte, sagt.

Die Telekom fand die Idee so spannend, dass sie ihm nicht nur Geld gegeben hat. Sondern auch einen Schreibtisch in ihrem Inkubator Hub:Raum. Das bedeutet auch Hilfe, um an gute Programmierer zu kommen; einen Draht zu Investoren und weiteren Kunden. Im Gegenzug hat das Gründerteam Anteile an ihrer Firma abgetreten.

Allein im Telekom-Fonds liegen 450 Millionen Euro

Einen Fonds in Höhe von insgesamt 450 Millionen Euro für solche Beteiligungen hat die Telekom aufgelegt. Kaum ein Unternehmen in Europa steckt so viel Risikokapital in Start-ups. Und das liegt auch daran, dass kaum ein Konzern so stark unter Druck geraten ist, weil die Kleinen das Geschäft der Großen ins Wanken bringen. Ein Unternehmen zu gründen, ist heute einfacher als noch vor zehn Jahren: Man muss nicht erst ein teures Rechenzentrum bauen, sondern kann sich Speicherplatz und Rechenleistung nach Bedarf aus dem Internet holen. Bei der Schwemme immer neuer Start-ups ist es schwer, das nächste große Ding auszumachen.

Einer Studie der US-Eliteuni MIT zufolge haben nur vier Prozent der Start-ups, die ein Förderprogramm im Stile des Hub:Raum durchlaufen haben, durch den Verkauf an ein anderes Unternehmen oder einen Börsengang so viel Geld erlöst, dass auch die frühen Investoren etwas davon hatten. Und dennoch spüren die Konzerne, dass sie die Kreativen im Blick behalten müssen. Besser noch: sie an sich binden.

Der Versicherer Allianz, der Chemiekonzern Bayer oder die Commerzbank haben deshalb ähnliche Förderprogramme für Gründer aufgelegt. Dass viele dieser Brutkästen in Berlin stehen, ist kein Zufall. Die Stadt lockt Talente aus der ganzen Welt an. Und die deutschen Konzerne wissen, dass sie bei den ganz großen Deals im Silicon Valley sowieso nicht mit am Tisch sitzen. Fast die Hälfte der Beteiligungen im aktuellen Fonds hält die Risikokapitaltochter der Telekom im deutschsprachigen Raum.

Förderprogramme gegen Firmenanteile

Die Telekom steht sinnbildlich für viele deutsche Unternehmen: Konzernchef Tim Höttges will sich zwar nicht mehr damit zufrieden geben, nur der Klempner für die Netze zu sein; er will auch bei all den schicken Apps mitmischen. Aber er weiß auch, dass sein Unternehmen genau davon zu wenig versteht - und zu langsam ist. "Wendigkeit und Geschwindigkeit zählen mehr als je zuvor, manchmal sogar mehr als die Qualität", sagt Höttges. Deshalb reicht er denen, die wendiger sind, die Hand.

Mit dem Musikstreamingdienst Spotify zum Beispiel hat die Deutsche Telekom vor fast zwei Jahren eine exklusive Partnerschaft geschlossen: Spotify konnte so mehr Menschen erreichen, die Telekom mehr Menschen an sich binden. Noch lieber aber hätte Höttges sich damals Anteile an dem aufstrebenden Unternehmen gesichert, dessen Wert inzwischen auf vier Milliarden Dollar geschätzt wird.

Aber vielleicht ist qLearning das nächste Spotify? Das ist die Wette, die die Telekom eingeht. Bei jedem der zehn Gründerteams, die sie für ein Jahr im Hub:Raum aufnimmt, mit jeweils bis zu 300 000 Euro finanziert - und im Gegenzug zehn bis 15 Prozent der Firmenanteile erhält.

Im besten Falle können die Start-ups den etablierten Konzernen sogar das geben, was zwischen endlosen Meetings und starren Hierarchien verloren gegangen ist: eine Kultur, in der Neues entsteht.

"Innovation muss der Virus sein, der den Konzern infiziert"

Clemens Dittrich lässt sich in die aus Paletten und Pappkartons zusammengeschobene Sitzecke fallen. Die oberste Etage von Plug & Play hat den Charme eines alternativen Jugendzentrums - und soll damit das ganze Gegenteil des holzvertäfelten Salons im obersten Stockwerk des Axel-Springer-Hochhauses sein. Plug & Play ist für Springer das, was der Hub:Raum für die Telekom ist: Hier erhalten die Gründer zwar nur 25 000 Euro, müssen aber auch nur fünf Prozent abtreten. Für Dittrich, 29, der mit einer App junge Jobsuchende und Unternehmen zusammenbringen will, ist das trotzdem ein fairer Deal. Angefangen habe sein Team mit einem Gründerstipendium. "Das war gut, um im stillen Kämmerlein an der Technik zu tüfteln", sagt er. Zwischen Graffiti und Tischtennisplatte kann er sich hier nun aber mit den anderen Gründern darüber austauschen, auf welche Klauseln er in Verhandlungen mit Investoren achten soll.

Natürlich betreibt auch Springer seinen Brutkasten nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern weil man hofft, dass dort Ideen entstehen, die das schrumpfende Geschäft der alten Medienwelt abfedern - und eines Tages ersetzen können. Der oberste Mann für die Suche nach den zündenden Ideen ist Jörg Rheinboldt. Er hat selbst einige Unternehmen gegründet - etwa, gemeinsam mit den Samwer-Brüdern, die Auktionsplattform Alando, die sie später für einen üppigen Millionenbetrag an Ebay verkauft haben.

Rheinboldt erzählt davon, wie er die Leute von Stepstone, der digitalen Jobbörse, die Springer 2008 gekauft hat, mit Dittrichs Team zusammenbringt. Davon, dass auch die sich schließlich Gedanken darüber machen, wie sie ihren Dienst in eine Zeit bringen, in denen viele via Smartphone und nicht am PC nach einer Stelle suchen. Manchem, der schräg gegenüber im Axel-Springer-Hochhaus sitzt, seien die Chaoten bei Plug & Play durchaus suspekt. Aber es helfe, dass der Vorstand sich zu seiner Truppe bekennt. "Manchmal", sagt Telekom-Chef Höttges, "muss Innovation der Virus sein, der den Konzern infiziert. Und es ist mein Job als Konzernchef, sicherzustellen, dass es dann keine allergische Reaktion gibt, sondern dass wir von diesem neuen Geist angesteckt werden."