Konjunktur in Deutschland Absturz in Sicht

Siemens merkt es, Audi merkt es und die Chemieindustrie auch: Die Krisen dieser Welt kommen in Deutschland an. Und die Regierung? Streitet über die richtige Prognose.

Von Guido Bohsem, Berlin, Helga Einecke, Frankfurt, Thomas Fromm und Christoph Giesen

Wenn die Stimmung gerade in den Keller rauscht, dann braucht man keine Frühindikatoren und keine Wirtschaftsgutachten. Keine Tabellen, keine Diagramme, und keine Torten. Dann reicht es, einfach nur den Menschen zuzuhören, die hinter den Zahlen stehen. Zum Beispiel Merck-Chef Karl-Ludwig Kley.

Der stand neulich beim jährlichen Treffen des Branchenverbandes VCI im Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengartens. Ein Ort, den Manager gerne aufsuchen, wenn es gediegenes Ambiente sein soll. Und Kley rief den VCI-Mitgliedern zu: "Die globale Wettbewerbssituation für die deutsche Chemie hat sich in den letzten Jahren deutlich verschärft." Wenn einer wie Kley das sagt, dann heißt das: In der Chemieindustrie, dem drittgrößten Industriezweig der Republik mit 440 000 Beschäftigten, sinkt die Zuversicht.

Vor ein paar Tagen dann saß Audi-Chef Rupert Stadler beim Pariser Autosalon, sprach von "riesigen Herausforderungen" und großen Turbulenzen, und sagte diesen Satz: "Wir spüren in der gesamten Landschaft Krisenherde." Krisenherde spüren, das klang nach heftigen Schmerzen.

So war es wohl auch gemeint.

Siemens hat Probleme auf dem Gasturbine-Markt

Und dann auch noch Siemens, der deutsche Industriekoloss schlechthin. Vor ein paar Tagen lehnte sich die neue Energie-Chefin des Konzerns ziemlich weit aus dem Fenster, und zwar weiter, als das bei Managern, die erst seit zwei Monaten im Amt sind, üblich ist. Statt eines Kennenlerngesprächs wurde ihr erstes Interview eine Warnung. "Der Markt für große Gasturbinen steht unter enormem Druck", sagte Lisa Davis. Es gebe zu viele Turbinen inzwischen, weil in den vergangenen Jahren zu viele Fabriken gebaut worden seien. Und nun? "Wir werden in den nächsten zwei bis drei Jahren ein niedrigeres Margenniveau sehen." Selbst dass Standorte geschlossen werden müssen, schloss sie nicht aus.

Um Frau Davis zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Was für Mercedes die S-Klasse ist, das sind bei Siemens die Gasturbinen - das mit Abstand lukrativste Geschäft. Im Hause nennen sie ihre S-Klasse "800-Pfund-Gorillas", und das nicht ohne Stolz: In den vergangenen Jahren ließen sich mit den Turbinen noch Umsatzrenditen von mehr als 20 Prozent erzielen. Aus und vorbei. Chemie, Autoindustrie, Siemens: Die Menschen aus der Industrie haben längst geahnt, was jetzt schwarz auf weiß auf den Tisch kommt.

Der Industrie brechen die Aufträge weg

Chronik eines Crescendos. Zuerst waren da die Frühindikatoren, die zeigten: Da wächst nicht mehr viel in der Wirtschaft. Es geht abwärts. Das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer, das Ifo-Geschäftsklima, ging im September den fünften Monat in Folge zurück; Institute landeten mit ihren Konjunkturprognosen immer weiter unten. Dann schließlich kam der Montag dieser Woche, und es war ein ziemlich blauer Montag, der zeigte: Der Industrie brechen die Aufträge weg, und zwar allein im August um 5,7 Prozent. Dass Experten mit einem Minus von 2,5 Prozent gerechnet hatten, zeigte wieder einmal: Oft ist die Wahrnehmung um einiges besser als die Wirklichkeit.

Nach dem blauen Montag kam dann der schwarze Dienstag. Der Tag, an dem ein seltsames Gefühl durch die Wirtschaft waberte: Ist das nun das dicke Ende eines Booms? Eine Zeitenwende und der Anfang einer Rezession? Energieversorger, Baubranche, Industrie - insgesamt ging die Industrieproduktion im August um vier Prozent im Vergleich zum Vormonat zurück. So steil war es seit Januar 2009 nicht mehr bergab gegangen. Damals war es die Bankenkrise, die am Ende auch die Realwirtschaft durcheinanderwirbelte. Und jetzt? Jetzt kommt alles zusammen: der Terror an der türkisch-syrischen Grenze, der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, und, immer noch, die Krisen und Rezession in der Euro-Zone. Alles zusammen ergibt einen hoch explosiven Mix.