Konjunktur Harte Zeiten

Seit 1868 stellt das französische Unternehmen Bodet Uhren für Kirchen, Bahnhöfe und Stadien her.

(Foto: Jean-Sebastien Evrard/AFP)

Griechenland musste zum dritten Mal gerettet werden. Aber wie geht es gerade eigentlich der Euro-Zone insgesamt? Ihr fehlt Wachstum.

Von Jan Willmroth

So sehen eigentlich Rezepte für Wirtschaftswachstum aus: Öl ist billig, das entlastet Verbraucher und Unternehmen. Der Kurs des Euro zum Dollar ist niedrig, das macht es Exporteuren leichter, die ihre Ware ins Ausland verkaufen. Kredite sind im Euro-Raum leicht zu bekommen. Die Situation wäre wie geschaffen für einen robusten Aufschwung, für höheres Wachstum, für ein "Wir-lassen-die Eurokrise-hinter-uns-Jahr". Das aber, schaut man auf die offiziellen Statistiken für die Euro-Zone, wird es wohl nicht geben.

Denn ohne das, was Ökonomen als Sonderfaktoren bezeichnen, niedrige Ölpreise und ein günstiger Wechselkurs, würde die Euro-Zone im Stillstand verharren.

Um eineinhalb Prozent ist die Wirtschaft der Währungsunion in 2015 nach ersten Hochrechnungen gewachsen. "Das ist insgesamt eine enttäuschende Erholung", sagt der Konjunkturforscher Christoph Große Steffen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Und: "Das geringe Wachstum ist recht fragil mit Blick auf die negativen Schocks, die im kommenden Jahr möglich sind."

Gerade sind die Länder der Währungsunion ins sechste Jahr der Euro-Krise gestartet. Nach langem politischem Ringen hatten sie im vergangenen Sommer das dritte Hilfspaket für Griechenland beschlossen und das Land damit erneut vor der Pleite bewahrt, jetzt stehen die ungelöste Flüchtlingskrise im Fokus und politische Risiken aus dem Erstarken nationalistischer Parteien. Wie sieht die wirtschaftliche Verfassung der Euro-Zone heute wirklich aus? Wie haben sich die Wachstumsaussichten entwickelt? Und: Hat die deutsche Strategie zur Lösung der Krise gewirkt, fiskalische Disziplin gepaart mit lockerer Geldpolitik und Strukturreformen?

"Mit der ständigen Forderung nach Strukturreformen sollte man vorsichtig sein", sagt Daniel Gros, ehemaliger IWF-Ökonom und Leiter des EU-Thinktanks Centre for European Policy Studies in Brüssel. Gerade Länder wie Frankreich, Italien und Spanien hätten in der Vergangenheit viele Reformen umgesetzt, immer mal wieder etwas geändert an Arbeitsmarkt- und Steuergesetzen. "Reformen hat es massenhaft gegeben, nur kein Produktivitätswachstum", sagt Gros.

Und das sei das eigentliche Rätsel: Warum die Produktivität nicht in Gang kommt. Sie gibt an, wie effizient eine Volkswirtschaft funktioniert. Mit der sogenannten totalen Faktorproduktivität messen Ökonomen den Teil des Wachstums, der nicht auf einen Anstieg der Investitionen oder der Beschäftigung zurückgeht. Sie gilt als wichtige Voraussetzung für die Wachstumsaussichten von Ländern. Und sie ist seit der Finanzkrise in der Euro-Zone jedes Jahr gesunken - ein Hinweis darauf, dass Kapital und Arbeitskräfte während der bis 2013 andauernden Rezession zunehmend ineffizient verteilt wurden.

Wenn schon kein robuster Aufschwung in Sicht ist, so entwickelt sich die Situation der Euro-Länder zumindest im Durchschnitt weiter in Richtung Normalität. Die Arbeitslosenquote sank im Verlauf des vergangenen Jahres kontinuierlich und liegt aktuell mit 10,7 Prozent nur noch einen Prozentpunkt über dem langfristigen Mittel.

Die Eurokrise war anfänglich keine Staatsschuldenkrise, zu einer solchen ist sie erst geworden

In reichen Volkswirtschaften sind niedrige Wachstumsraten an sich verkraftbar, in der Euro-Zone ist das anders. Beinahe alle Euro-Staaten mussten in der Finanzkrise hohe Kredite aufnehmen, um die Konjunktur in der tiefen Rezession zu stützen und weitere Bankenpleiten zu verhindern. Sie refinanzieren sich heute zwar nicht zuletzt durch die lockere Geldpolitik und die Staatsanleihenkäufe der EZB größtenteils so billig wie nie zuvor; die hohen Schuldenstände abzubauen wird aber ohne höheres Wachstum nicht so rasch funktionieren. Denn die Staatsverschuldung wird immer relativ zur Wirtschaftsleistung ausgedrückt: steigt diese, sinkt die Quote. Und nur durch Wachstum steigen von allein die Steuereinnahmen und sinken die Kosten für Sozialprogramme.

Christian Odendahl, Chefökonom am Londoner Centre for European Reform ist überzeugt: Dazu muss die Euro-Zone ihre eigene Nachfrageschwäche in den Griff bekommen. "Die Konjunktur seit 2011 wurde von einem Anstieg der Nettoexporte getragen. Wenn man das Ausland heraus lässt, hätte es in den meisten Ländern kein Wachstum gegeben", sagt er. Nun hat die Bedeutung des Außenbeitrags nach DIW-Berechnungen zuletzt sehr stark abgenommen, im dritten Quartal 2015 wurde das Wachstum in der Euro-Zone der Europäischen Zentralbank zufolge fast ausschließlich von der Inlandsnachfrage getrieben. Das zeigt: Bislang ist der Beitrag des günstigen Euros überschaubar. Und der Ölpreis wird nicht bis in alle Zeit niedrig bleiben.

Kann das dauerhaft gut gehen, wenn Unternehmen sich mit Investitionen zurückhalten? "Offensichtlich sind die Impulse auch noch nicht groß genug, um die Investitionstätigkeit anzuregen", sagt DIW-Forscher Große Steffen. "Sie kommt auch in Deutschland und den Niederlanden nicht in Gang." Die Unsicherheit in den Ländern der Euro-Zone sei noch zu groß. Dazu trügen die Erfolge politischer Extremisten bei, die Terrorgefahr, der Streit in der Flüchtlingsfrage und das Risiko, dass Großbritannien die EU verlässt. Zudem ist die Entwicklung der Absatzmärkte in den Schwellenländern unsicher. Unternehmen hielten sich deshalb mit Investitionen zurück, sagt Große Steffen.

Sich aus dieser Situation wieder zu befreien, wird nicht leicht. Aber der Anfang ist gemacht. Der Brüsseler Ökonom Gros hat im November gemeinsam mit namhaften Ökonomen den ersten Essay in einer Reihe geplanter Diskussionsbeiträge verfasst: "Rebooting Europe", lautet der Titel, Europa neu starten, wie einen PC. Im ersten Beitrag fordern die Autoren, einen Konsens zu finden in der Betrachtung der Ursachen der Schuldenkrise, denn auch nach sechs Jahren habe sich noch kein allgemein anerkanntes Narrativ durchgesetzt. Sie zeichnen die Entwicklung der Euro-Krise von einer Banken- zu einer Staatsschuldenkrise nach und fordern, diese Betrachtung zum Standard zu machen: Es war gar keine Staatsschuldenkrise, zu einer solchen ist sie erst geworden.

Die anhaltende europäische Krankheit, heißt es in dem Papier, sei nicht nur ein langsamer Aufschwung. Millionen junger Europäer würden die Chancen verpassen, die für frühere Generationen selbstverständlich gewesen sind. "Das ist nicht mehr nur eine ökonomische Krise", schreiben die Autoren. "In einem Umfeld, das instabiler ist als jedes seit den 1930er-Jahren, wird Anti-Euro und Anti-EU-Rhetorik zum Mainstream."