Von Björn Finke

Unverhoffter Wirtschaftsboom: Warum die Freude über den deutschen Aufschwung nicht ungetrübt ist und Experten befürchten, dass das Wachstum bald nachlässt.

Volkswirte liegen mit ihren Prognosen häufig daneben, aber so deutlich wie jetzt haben sie sich selten verschätzt: Deutschlands Wirtschaft ist in den ersten drei Monaten des Jahres um 1,5 Prozent gewachsen und damit doppelt so schnell, wie die Ökonomen im Durchschnitt geschätzt haben.

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Träger des Aufschwung: Die Baubranche hat ihr Auftragsvolumen deutlich gesteigert. (© Foto: dpa)

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Daher hoben einige der verdutzten Experten ihre Vorhersagen für das Gesamtjahr schnell an, nachdem sie die Daten des Statistischen Bundesamts gelesen hatten. Die Prognosen bewegen sich nun zwischen 2,0 und 2,5 Prozent. Im günstigsten Fall würde der Aufschwung also gar nicht an Fahrt verlieren, denn im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft auch um 2,5 Prozent.

Investitionen tragen den Aufschwung

Die Politik reagierte entzückt auf die Quartalsdaten: "Arbeitnehmer und Betriebe haben die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft so verbessert, dass uns nicht mehr jeder Windhauch umwirft", sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte, die anhaltend hohen Investitionen der Unternehmen seien ein Beleg für deren Vertrauen. In der Tat wurde das Wachstum dem Statistischen Bundesamt zufolge in erster Linie von den Investitionen getragen. Darunter fallen sowohl Bauprojekte als auch neue Maschinen.

Dies ist zugleich das Problem an den sensationellen Konjunkturdaten - und einer der Gründe dafür, warum die Volkswirte mit ihren Prognosen so desaströs danebenlagen. Denn beide Bereiche wurden im ersten Jahresviertel durch Sondereffekte enorm begünstigt. Baufirmen erlaubte das warme Wetter, Aufträge vorzuziehen, die eigentlich erst im Frühjahr anstanden. Diese Bestellungen fehlen nun im laufenden Quartal.

Und das dicke Plus bei den Maschinen ist wohl auch eine Spätfolge davon, dass zum Jahreswechsel eine günstige Steuerregel für Investitionen auslief. Daher haben zahlreiche Firmen im Herbst noch Anlagen bestellt. Da die Maschinenbauer am Anschlag produzieren, haben sie vermutlich einige Order erst im neuen Jahr abgearbeitet. Weil diese Einflüsse im laufenden Quartal fehlen, gehen die meisten Volkswirte davon aus, dass das Wirtschaftswachstum sich nun deutlich abschwächen wird.

Ende des Käuferstreiks

Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, macht noch ein weiteres Detail Sorgen: "Die Lagerbestände der Firmen haben sich im ersten Quartal stark erhöht." Das sei ein Zeichen für eine bevorstehende Abschwächung der Konjunktur, sagte der Volkswirt. Der Grund: Die Unternehmen produzieren zwar weiterhin viel, können das aber gar nicht mehr alles absetzen - darum füllen sich die Lager. In den folgenden Quartalen muss dann entsprechend weniger gefertigt werden, was die Wirtschaft belastet.

Einen kleinen Beitrag zu dem Spitzenwachstum leisteten auch die Verbraucher, schreibt das Statistische Bundesamt. Dazu passt, dass die Umsätze der Einzelhändler in den ersten drei Monaten gestiegen sind, nachdem sie im vergangenen Jahr noch geschrumpft waren. Offenbar beenden die Konsumenten dank der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt und den Lohnsteigerungen ihren Käuferstreik. Der Außenhandel hingegen steuerte nichts bei zum Zuwachs.

Lohnerhöhungen als Gefahr

Schon seit zweieinhalb Jahren legt Deutschlands Wirtschaft nun kräftig zu. Die Politik sei dafür aber höchstens zu einem Teil verantwortlich, meint Wolfgang Franz, Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Die Wachstumszahlen spiegelten einfach das normale Auf und Ab der Konjunktur wieder - nun geht es eben weltweit aufwärts. "Doch ist der Standort auch besser geworden", erklärt der Ökonom.

Die niedrigen Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre und die Reformen der Politik zeigten Wirkung. Dank der umstrittenen Hartz-Gesetze der rot-grünen Regierung sei die Zahl der Langzeitarbeitslosen gesunken. Dass die große Koalition die Steuerlast für Unternehmen gesenkt hat, habe ebenfalls geholfen. Die hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften seien aber eine Gefahr, sagt Franz: "Wir müssen aufpassen, dass wir die Erfolge nicht wieder verspielen."

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(SZ vom 16.5.2008/jkf/mel)