Desaströse Perspektiven: Um die globale Finanzkrise besser zu überstehen, muss Deutschland mehr für die Binnennachfrage tun.
Die ökonomischen Zahlen brechen einen negativen Rekord nach dem anderen. Wie am Donnerstag bekannt wurde, schrumpften die deutschen Exporte zuletzt stärker, als es seit der Wiedervereinigung je der Fall war. Das Ausmaß des Desasters lässt sich daran erkennen, dass die Industrie im November ein Viertel weniger Aufträge erhielt als ein Jahr zuvor - ein gewaltiger Einbruch. Die Bundesrepublik ist in den Folgen der Finanzkrise gefangen. Es hilft den Deutschen wenig, dass sie ihre Firmen unter Mühen konkurrenzfähiger gemacht haben und deshalb Exportweltmeister sind. Im Gegenteil: Weil sie so abhängig sind von Ausfuhren, spüren sie die globalen Turbulenzen besonders stark.
Deutschland ist derzeit noch Exportweltmeister, doch schon Ende 2008 sind die Ausfuhren massiv eingebrochen. (© Foto: AP)
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Die Amerikaner, die jahrelang über ihre Verhältnisse konsumierten und so einen globalen Boom anfachten, fallen bis auf weiteres als Käufer aus. Das löst Tristesse bei deutschen Autoherstellern oder Maschinenbauern aus, die für die Volkswirtschaft so zentral sind. Und die Krise hat sich schon ausgeweitet. Längst halten sich China oder Japan ebenso mit Aufträgen zurück. Und die europäischen Nachbarn erwarben zuletzt sogar besonders wenig Waren. Gäbe es den Euro nicht, der die früher üblichen Aufwertungen der Mark gegen Franc oder Lira ausschließt, die Nachbarn würden noch weniger bestellen. So wie der Exportweltmeister vom globalen Aufschwung der vergangenen Jahre übermäßig profitierte, leidet er jetzt besonders stark. Darin zeigt sich die Schwäche eines Landes, dessen Wirtschaft fast zur Hälfte vom Verkauf über die Grenze lebt.
Um diese Verwundbarkeit zu reduzieren und das Wachstum insgesamt zu erhöhen, sollten die deutschen Politiker überlegen, wie sie langfristig die inländische Nachfrage stärken können. Dabei verbieten sich übertriebene Lohnabschlüsse, die am Ende nur Arbeitslosigkeit produzieren. Gefragt ist eine Tarifpolitik, die die Beschäftigten an den Erfolgen der Firmen beteiligt, wenn diese welche haben. Und gefragt sind Politiker, die vor allem Deutsche mit mittleren und niedrigen Einkommen von Abgaben entlasten - damit die guten Gewissens konsumieren, ohne in eine Schuldenfalle zu geraten.
Anders als die Amerikaner sind die Deutschen große Sparer und zaghafte Käufer. Sie werden nur dann auf Dauer mehr konsumieren, wenn die Politik ihnen das Gefühl gibt, sie auf Dauer von staatlichen Abgaben zu entlasten. Dieser Impuls ist nötig, um die deutsche Wirtschaft von ihrer zu großen Abhängigkeit vom Export zu befreien.
Natürlich ist das ein Prozess, der Zeit braucht. Es geht um eine langfristige Politik für die Zeit, wenn die heutige Krise vorüber ist. Im Moment sollte die Bundesregierung schon mal zeigen, dass ihr der Konsum wichtig ist. Sie darf dabei nicht zu lange grundsätzlich debattieren, sondern muss schnell und heftig handeln: Mit einem richtig großen Konjunkturprogramm. Es droht die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg, aber die deutschen Parteien gefallen sich im Schaulaufen vor der Bundestagswahl.
Der neue US-Präsident Barack Obama forderte am Donnerstag drastische Schritte gegen den Einbruch und warnte vor einer Arbeitslosenrate von mehr als zehn Prozent. Dieses Gefühl für die Dramatik der Situation vermisst man bei deutschen Politikern nach wie vor. Die kleinlichen Streitereien über Details des Konjunkturpaketes verleiden es den Bürgern, Geld auszugeben, wenn sich die Regierung dann endlich auf Entlastungen geeinigt hat.
Amerika hat die Finanzkrise maßgeblich verschuldet, doch nun sieht es so aus, als ob die Amerikaner besser auf den Wachstumseinbruch reagieren, mit einem schnellen und gewaltigen Krisenpaket. Richtig so - jetzt ist keine Zeit für Grundsatzdebatten über die Rolle des Staates. Das Zögern der Deutschen ist umso unverständlicher, als sie sich das Konjunkturprogramm viel eher leisten können als die hochverschuldeten USA.
(SZ vom 09.01.2009/mel)
Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Ich hoffe die Demokratie überwindet den Kapitalismus und geht nicht daran zugrunde.
Die Kapitaleigner sind nicht in der Mehrzahl und wenn sich ein anderes Bewusstsein in der Bevölkerung durchsetzt, kann sich was ändern.
Wer sollte denn bei uns den Kapitalismus abschaffen ? "Die" Wirtschaft (die Kapitaleigner selbst) ??? Die Regierung ? Nichts anderes scheinen Sie nach Ihrem Beitrag aber für möglich zu halten ...
Ja, guter Beitrag. Wir haben mehr als genug Autos in Deutschland und ich finde auch, dass es grundlegende Änderungen geben muss, weil der Kapitalismus so nicht mehr funktioniert.
Die Wirtschaft braucht neue Ziele. Die Produktivität steigt jedes Jahr durch den Fortschritt und das ist gut so, aber ich sehe nicht, warum deswegen ein immer größerer Teil der Bevölkerung in Deutschland immer schlechter gestellt werden soll. Die Wirtschaft sollte sich darauf konzentrieren ein umweltverträglicheres Leben im Wohlstand zu ermöglichen und das dann in die Welt exportieren und die Politik soll eine gerechte Wirtschaftsordnung erarbeiten, das wäre ihre Aufgabe.
Ich kann nicht mehr hören, dass Deutschland getriebener der Globalisierung ist, Deutschland ist eine der größten Volkswirtschaften und treibende Kraft. Wirtschaftlich und Politisch überall eingebunden.
Mit dieser Einstellung braucht die Regierung nie wieder die Bürger zu Engagement und Courage auffordern, wenn man sich als Staat so treiben lässt und feige verhält.
Den Aktionismus zum Erhalt eines schlechten Systems lehne ich ab.
Wenn bei einem globalisierten Markt weltweit Überkapazitäten wie etwa in der Automobilindustrie zu finden sind , dann hilft es nichts mehr , die Löhne dort oder allgemein auf HartzIV-Niveau zu senken : - das würde die Halden nicht abräumen - schon deshalb , weil die Autos effektiv nicht gebraucht werden , unabhängig davon , ob sich zusätzliche Konsumenten diese leisten könnten .
Und die eingebrochene Auslastung der Autoindustrien ziehen andere Industrien mit auf die Talfahrt , abgesehen von auch dort schon vorher gegebenen Überkapazitäten .
Wer dem Kapitalverwertungssystem (in den hochkapitalisierten Industrieländern ) noch eine günstige Zukunftsperspektive zugestehen will , müßte andeuten können , in welchen Bereichen noch nicht vorhandene u/o bekannte , am Markt absetzbare Massengüter produziert werden könnten , die sowohl hohen Kapitaleinsatz als auch hohen Einsatz von Arbeitskraft voraussetzten . Ich sehe solche nicht ...
Auch wenn es sich widersprüchlich zu manchem was ich bisher geschrieben habe anhört, ja ich glaube auch, dass es nicht zu wenig Konsum in Deutschland. Ewiges Wachstum, noch mehr Ressourcenverbrauch in Deutschland, das ist natürlich nicht nachhaltig und schadet künftigen Generationen mehr als Schulden. Es gibt auch nicht zu wenig Wohlstand in Deutschland
- es gibt ein Verteilungs- und Gerechtigkeitsproblem.
Man muss die Schwächeren stärken, die sollen in der Tat mehr konsumieren, an der Gesellschaft voll teilhaben, warum nicht auch mal ins Restaurant oder Theater gehen. Die oberen 10% der Bevölkerung besitzen 60% des Vermögens, da sehe ich das Problem.
Die Wirtschaft und damit der Wohlstand in Deutschland ist auch nach der Globalisierung gewachsen, dessen Verteilung wurde aber immer ungerechter.
Wachstum brauchen die 5 Milliarden der Weltbevölkerung, die noch immer im Elend leben, aber genau das wird verhindert. Man baut Zäune zw. USA-Mexico, an den EU-Grenzen, zerstört den Lebensmittelmarkt in Afrika durch subventionierte EU-Lebensmittelexporte, beutet schwache Staaten aus... verhindert einen fairen Welthandel.
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