Konjunktur Chinas triste neue Normalität

China spielt längst eine zentrale Rolle für die Weltwirtschaft - nun lahmt die Industrie im Land. Dabei bräuchte die Regierung in Peking den Erfolg dringend.

(Foto: AFP)

Die Exporte sacken ab, die Importe sogar noch mehr - und es wird immer deutlicher: Das Wachstumsmodell der Volksrepublik steckt in ernsten Schwierigkeiten.

Analyse von Christoph Giesen

Die erste Woche des chinesischen Frühlingsfests ist vorbei, an den Börsen in Shanghai und Shenzhen wird wieder gehandelt, und allmählich kehrt Leben ein in den Metropolen an der Ostküste. Alles beim Alten also in China. Das Jahr des Affen knüpft nahtlos an das Jahr des Schafes an: mit schlechten Wirtschaftsnachrichten aus der Volksrepublik. Erst waren es die gewaltigen Kursstürze an den Börsen, die im vergangenen Sommer Chinas Führung unter Druck setzten. Die Regierung griff mit Milliarden ein und verhängte Handelsverbote, um die Märkte zu stützen. Nun sind es die Export- und Importzahlen, die Anlass zur Sorge geben.

Im Januar fielen die chinesischen Ausfuhren um 11,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das teilte die Zollverwaltung am Montag mit. Auch die Einfuhren sackten um 18,8 Prozent ab. Analysten hatten lediglich einen Rückgang um ein, zwei Prozent erwartet. Überdurchschnittlich stark nahmen die Exporte in die Europäische Union ab, auch die Ausfuhren in benachbarte Staaten wie Südkorea und Taiwan schrumpften deutlich. Insgesamt lagen Chinas Exporte im ersten Monat des Jahres bei 1,14 Billionen Yuan, das entspricht etwa 155 Milliarden Euro. Die Importe wurden auf 737,5 Milliarden Yuan, also etwa hundert Milliarden Euro, beziffert. Ein schwacher Trost: Immerhin konnte ein Exportüberschuss erzielt werden.

Zumindest teilweise dürfte für die außerordentlich schlechten Zahlen auch das chinesische Neujahrsfest verantwortlich gewesen sein. Alljährlich stehen während der Feierlichkeiten für zwei Wochen die Fabriken still. Im vergangenen Jahr war das Neujahrsfest auf den 19. Februar gefallen. In diesem Jahr feierten die Chinesen elf Tage früher, also bereits am 8. Februar. Viele Unternehmen versuchten offenbar, noch vor Beginn der langen Urlaubzeit ihre Fracht ins Ausland zu verschiffen. Weshalb die Exporte im Dezember das erste Mal seit neun Monaten leicht anzogen, dann aber im Januar wieder stark zurückgingen. Abschließend beurteilen können wird man die Lage wohl erst in zwei Monaten, wenn valide Zahlen für den Februar und den März vorliegen. Auffällig ist dennoch wie weit die Analystenschätzungen von den eigentlichen Zahlen abweichen.

Alles deutet auf eine mangelnde Nachfrage in der Volksrepublik hin. Und das belastet auch deutsche Firmen. 2015 ging zum Beispiel erstmals der Absatz der deutschen Autohersteller in China zurück. BMW, Daimler und VW verkauften im vergangenen Jahr zusammen 4,4 Millionen Autos und damit ein Prozent weniger als noch 2014. Das ergab eine Analyse des Wirtschaftsprüfungskonzerns Ernst & Young.

Chinas Regierung gibt sich dennoch gelassen. Seit Wochen schon spricht Premierminister Li Keqiang von der "neuen Normalität". Die alten zweistelligen Wachstumsraten gehörten der Vergangenheit an, propagiert er. Sechs bis sieben Prozent Wachstum, das werde China auch in diesem Jahr wieder erreichen, verspricht er.

Die Welt fürchtet sich vor dem Absturz

Obwohl es der deutschen Wirtschaft gutgeht, stürzen die Aktienkurse ab. Ähnlich sieht es in anderen Ländern aus. Warum viele Anleger das Vertrauen verlieren. Kommentar von Nikolaus Piper mehr ...

Doch wie valide sind die chinesischen Zahlen? Wie kann es möglich sein, dass die Exporte einbrechen, das Bruttoinlandsprodukt aber kontinuierlich wächst? Welche Zahlen stimmen also?

Selbst Chinas Premier traut den eigenen Zahlen nicht und schaut lieber auf andere Indikatoren

Sieht man sich zum Beispiel einmal den Stromverbrauch an, fällt auf, dass dieser im vergangenen Jahr nur um gut ein Prozent gestiegen ist. Hat Chinas Industrie damit begonnen, Energie zu sparen? Waren die Sommermonate kühler als sonst, sodass die Klimaanlagen nicht so oft eingeschaltet werden mussten? Oder stimmen die Konjunkturzahlen schlicht nicht?

(Foto: SZ Grafik)

Premier Li jedenfalls erzählte bereits 2007 amerikanischen Diplomaten, dass er den offiziellen Zahlen nicht traue. Er schaue sich stattdessen lieber drei andere Indikatoren an: So werfe er ein Auge auf den Energieverbrauch, dazu die Kreditvergaben und die Eisenbahnfrachttonnen. Als Ende 2010 mit der Veröffentlichung der amerikanischen Botschaftsdepeschen Lis Misstrauen bekannt wurde, widmete der Economist Li einen eigenen Keqiang-Index. Derzeit liegt dieser deutlich unter den offiziellen Wachstumszahlen. Allerdings gilt auch hier die Frage: Wie aussagekräftig ist Lis Dreiklang in einer stärker auf Dienstleistungen ausgerichteten Gesellschaft? Unstrittig ist, dass die Kommunistische Partei eine starke Wirtschaft braucht, sie ist ihre Legitimation, um die Macht in China auszuüben.

Aus Furcht vor einem zu raschen Abkühlen der eigenen Wirtschaft nach der weltweiten Finanzkrise 2008, als plötzlich die Nachfrage nach chinesischen Exportgütern einbrach, legte Lis Vorgänger Wen Jiabao gemeinsam mit dem damaligen Parteichef Hu Jintao ein massives Konjunkturprogramm auf, um die Folgen der Finanzkrise im Westen abzuschwächen. Kurzfristig wirkte das. Doch seitdem haben sich die Schulden vieler chinesischer Kommunen vervielfacht. Auch die Devisenreserven schmelzen derzeit in Rekordzeit ab.

Um das Wachstum aufrechtzuerhalten, müsste die Führung in Peking ihre Staatsausgaben wohl noch weiter steigern. Wirklich nutzen dürften neue Konjunkturprogramme allerdings kaum: Staatlich gesteuerte Investitionen, die sich überwiegend auf etablierte Branchen und den Staatssektor konzentrieren, führen oft zu Überkapazitäten. Und die gibt es in China schon zur Genüge - wie nicht zuletzt der aktuelle Stahlstreit mit der Europäischen Union belegt.

Warum Chinas Niedrig-Wachstum uns interessieren sollte

Peking meldet mit 6,9 Prozent das niedrigste Wirtschaftswachstum seit einem Vierteljahrhundert. Für die Welt und für Deutschland könnte das dramatische Folgen haben. Analyse von Jakob Schulz mehr ...