Kommentar Zementierte Missstände

Die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie sind immer noch schlecht. Und das ist nicht nur in Asien oder Mittelamerika so.

Von Caspar Dohmen

Die Katastrophe von Rana Plaza war nicht die erste, aber die bisher schwerste in einer Kleiderfabrik in Bangladesch: 1134 Menschen starben vor knapp zwei Jahren. Danach kam endlich Bewegung in die Branche: Modelabel und Händler aus Europa gründeten mit Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Bangladesch die Arbeitsgemeinschaft Accord, um eines der dringendsten Probleme bei der Herstellung von Bekleidung zu lösen: die Verbesserung von Feuerschutz und Sicherheit der Fabriken, in denen allein in Bangladesch vier Millionen Menschen arbeiten.

Die Skepsis unter den heimischen Politikern und Produzenten war groß, fürchteten sie doch, dass die dominierende Exportbranche des Landes Schaden nehmen und die Textilindustrie in das nächste Billiglohnland weiterziehen könnte. Das war nicht der Fall, der Export von Bekleidung aus Bangladesch ist sogar gestiegen. Doch die Ergebnisse, die die unabhängigen Prüfer zu Tage förderten, waren erschreckend: Es gab mehr als 80 000 Sicherheitsmängel in 1100 untersuchten Fabriken. Mal fehlten Feuerlöscher, mal Notausgänge, mal war sogar die Statik eines Gebäudes fragwürdig.

Die Ergebnisse sind im Internet nachzulesen, kein Auftraggeber kann sich später damit herausreden, er hätte von Missständen in einer Fabrik nichts gewusst. Umgekehrt kann er nachweisen, dass er sich an einer Verbesserung der Zustände beteiligt hat. Das ist ein wichtiger Fortschritt. Die Abnehmer von Bekleidung zeigen sich nun zum Teil hilfsbereiter, geben großzügigere Vorschüsse auf Waren oder günstigere Lieferantenkredite. Auch das ist ein Beleg dafür, dass der Markt - zumindest teilweise - für bessere Arbeitsbedingungen sorgen kann. Und schließlich schaden die Bilder von Unfällen dem Ruf der Hersteller. Fast jeder Jugendliche in Deutschland hat schon einmal etwas von schlechten Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie gehört, wie eine Befragung im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace ergab.

Die Menschen werden weiter unter Druck gesetzt. Nur die Methoden sind subtiler

Ganz langsam verbessern sich die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie, jedenfalls, wenn es um gravierende Arbeitsrechtsverletzungen geht. Davon berichten Gewerkschafter und Aktivisten aus asiatischen und mittelamerikanischen Ländern. Prügelstrafen kommen heute seltener vor, ebenso die früher obligatorischen Schwangerschaftstests bei Frauen, die neu in einer Fabrik anfingen. Teilweise sind die Methoden aber auch einfach nur subtiler geworden. Da wird dann psychischer Druck ausgeübt, indem beispielsweise der Vorarbeiter der langsamsten Näherin ein rotes Fähnchen neben die Nähmaschine stellt. Sie bekommt dann schnell den Druck ihrer Kollegen in der Arbeitsgruppe zu spüren, deren Prämien vom Erreichen einer gemeinsamen Vorgabe abhängen.

Zementiert erscheinen einige zentrale Missstände, von deren Beseitigung aber eine wirkliche Verbesserung der Lebensbedingungen der Beschäftigten in den Textilfabriken abhängen: die Zahlung auskömmlicher Löhne, die Beseitigung unbezahlter Überstunden und die tatsächliche Gewährleistung der Organisationsfreiheit der Beschäftigten. Hier gibt es kaum Bewegung. In Bangladesch gibt es beispielsweise bisher nur in rund fünf Prozent der Textilfabriken Gewerkschaften. Und der Mindestlohn beträgt trotz einer Erhöhung auf 50 Euro monatlich nur ein Fünftel des existenzsichernden Mindestlohns, den die asiatische Grundlohnkampagne veranschlagt.

Armutslöhne in der Textilindustrie sind jedoch kein Phänomen, das nur entfernte arme Länder betrifft. Auch in den EU-Mitgliedsländern Rumänien und Bulgarien beträgt der gesetzliche Mindestlohn weniger als ein Fünftel dessen, was die NGO "Kampagne für Saubere Kleidung" für existenzsichernd hält.

Wie schwierig es ist, Veränderungen durchzusetzen, zeigt auch das Textilbündnis, das Entwicklungshilfeminister Gerd Müller vergangenen Oktober auf den Weg gebracht hat. Es hat unter anderem die Zahlung existenzsichernder Löhne in der textilen Wertschöpfungskette zum Ziel. Aber es macht kaum eine Firma mit.

Die Freiwilligkeit für die Lieferkettenverantwortung im Süden ist grotesk. Schließlich käme in den Industrieländern kaum jemand auf die Idee, grundlegende ökologische, soziale oder arbeitsrechtliche Standards auf freiwilliger Basis zu regeln. Wer wirklich verhindern will, dass Produkte nicht unter Ausbeutung von Mensch und Umwelt hergestellt werden, muss auf verbindliche Regeln setzen - am besten gleich auf europäischer Ebene. Und dies nicht nur für die Textilindustrie, sondern für sämtliche Produkte, die in globalen Lieferketten hergestellt werden.