Kommentar Zeit der Verschwörungstheorien

Die Europäische Kommission stellt Vorwürfe gegen Lufthansa in den Raum, die mit dem laufenden Genehmigungs­verfahren zur Übernahme von Niki allenfalls indirekt zu tun haben. Das ist sehr bemerkenswert.

Von Jens Flottau

Was sich in diesen Tagen zwischen der Europäischen Kommission und der Lufthansa abspielt, ist bemerkenswert. Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager stellt während des laufenden Genehmigungsverfahrens zur Übernahme von Niki zwei Vorwürfe in den Raum, die mit dem Fall allenfalls indirekt zu tun haben: Sie werde prüfen, ob es im Verlauf der Air-Berlin-Pleite illegale Absprachen gab, durch die Lufthansa Zugriff auf große Teile des Ex-Konkurrenten zu bekommen versucht habe - und ob diese nun die Kunden mit Wucherpreisen schädige. Selbst die E-Mails des Vorstandes will Vestager auswerten lassen.

Bislang gibt es keinen einzigen Hinweis darauf, dass die Lufthansa in der Causa Air Berlin zu irgendeinem Zeitpunkt Illegales getan hätte. Der Vorwurf des Wuchers ist bei genauerem Hinsehen auch falsch, dazu später mehr. Was gern vergessen wird: Air Berlin ist pleite. Davon wird Lufthansa in ihrem Heimatmarkt am meisten profitieren, auf welche Weise auch immer.

Die Brüsseler Kommission hat ein Dilemma

Die Europäische Kommission befindet sich, offenbar zu ihrer großen Frustration, in einem nicht auflösbaren Dilemma. Sie will die Übernahme der Air-Berlin-Tochtergesellschaft Niki durch die Lufthansa eigentlich nicht genehmigen, weil sie zu Recht befürchtet, dass dies die größte deutsche Fluggesellschaft weiter stärkt und der Wettbewerb leidet. Zieht sie diese Haltung aber durch, wird Niki nach menschlichem Ermessen noch am Tag der Entscheidung Insolvenz anmelden: Flugzeuge würden am Boden bleiben, 1000 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren und Zehntausende Kunden auf ihren wertlosen Tickets sitzen bleiben. Wie die Kommission es also macht, es wird falsch sein.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man ein paar Wochen zurückschauen und bleibt bei Air-Berlin-Sachwalter Frank Kebekus hängen. Dieser musste entscheiden, ob er das Lufthansa-Angebot denen von Thomas Cook und International Airlines Group (IAG) vorzieht. Lufthansa bot mit Abstand am meisten Geld und sicherte zudem zu, den Niki-Flugbetrieb bis zur Genehmigung aus Brüssel zu finanzieren. Thomas Cook und IAG wollten diese Kosten beim Kaufpreis gegenrechnen. Andererseits hat die Europäische Kommission offenbar schon damals deutlich gemacht, was sie davon hält, Lufthansa den Zuschlag zu geben: sehr wenig. Kebekus wollte das Beste für die Gläubiger herausholen, musste aber wissen, dass er damit auch ein sehr hohes Risiko eingeht. Das Lufthansa-Angebot war übrigens auch das einzige, mit dem er den Überbrückungskredit der Bundesregierung in Höhe von 150 Millionen Euro zurückzahlen konnte. Durch diesen konnte der Air-Berlin-Flugbetrieb nach dem Insolvenzantrag gut zwei Monate lang aufrecht erhalten werden.

Dass die Lufthansa mit Thomas Winkelmann einen der Ihren als Chef zu Air Berlin geschickt und sogar die Pleite von langer Hand geplant habe, um möglichst viel vom Kuchen abzubekommen, ist eine weit verbreitete Verschwörungstheorie. Sie ist nur leider falsch. Es gab tatsächlich den Plan, Winkelmann als Verbindungsmann bei Air Berlin zu installieren. Nur hatte den nicht Konzernchef Carsten Spohr, sondern James Hogan, der damalige Chef des Hauptaktionärs Etihad. Dieser suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, Air Berlin irgendwie bei Lufthansa unterzubringen, weil er keine weiteren Milliardenkosten tragen wollte. Lufthansa hat damals offen gesagt, dass sie einen größeren Teil von Air Berlin übernehmen wollte. Air Berlin hatte schon einen Teil der Flotte an Lufthansa vermietet. Nachdem Hogan bei Etihad geschasst worden war, präsentierte Winkelmann den Etihad-Eignern eine McKinsey-Studie, die die Air-Berlin-Aussichten offenbar realistisch beschrieb. Daraufhin kappte Etihad jede Finanzhilfe, die Insolvenz war zwangsläufig. Alle, inklusive Lufthansa, hatten plötzlich ein riesiges Problem, denn auch die Miet-Jets drohten, am Boden zu bleiben.

Auch der Wucher-Vorwurf ist populär, aber nach den derzeit bekannten Informationen falsch. Es stimmt, im November und auch im Dezember noch war und ist es teurer als sonst, innerdeutsch zu fliegen. Die Nachfrage ist stark, das Angebot eingebrochen. Lufthansa hat versucht, schnell noch viele Zusatzflüge aufzulegen, gemäß der in der Branche üblichen Logik sind kurzfristige Buchungen aber teuer. Diese Logik außer Kraft zu setzen, wäre ein bisschen viel verlangt. Hingegen hat die Lufthansa die Preisstruktur nicht angefasst. Und es genügt ein Blick in den Januar, um festzustellen, dass sich die Preise, wenn man wieder rechtzeitig buchen kann, normalisieren.