Kommentar Wissen für die neue Welt

Die Digitalisierung wird klassische Berufsbilder verdrängen. Ob Betroffene in der Lage sein werden, neu entstehende Jobs zu besetzen, ist fraglich. Deshalb müssen Grundkenntnisse vermittelt werden.

Von Guido Bohsem

Mit der Digitalisierung ist es wie mit der Steuererklärung. Wann immer man sie anpacken möchte, hat man plötzlich etwas anderes, viel Wichtigeres zu tun. Manchmal scheint die Sonne einfach zu schön. Manchmal, ganz manchmal, gibt es tatsächlich etwas Wichtigeres zu tun. 2015 zum Beispiel. Das Jahr wollte die Bundesregierung voll ins Zeichen der Digitalisierung stellen. Doch erst dominierten Griechenland und dann der Zuzug der Flüchtlinge das politische Geschehen. Regierungsklausur, Generaldebatte, IT-Gipfel - die Digitalisierung war stets das wichtige Thema, über das zu sprechen keine Zeit blieb.

Nicht dass die Ressorts untätig gewesen wären, jeder zuständige Minister beackert seine Scholle. Nur entwickelt keiner von ihnen so die ausreichende Wirkung, um dem Thema die angemessene Bedeutung zu sichern. Ganz grob gesprochen gibt es zwei Herausforderungen zu bewältigen - und beide sind von fundamentaler Bedeutung für die Zukunft und den Wohlstand des Landes.

Deutschlands Unternehmen müssen erstens darauf achten, dass sie auch weiterhin die Stelle im Geschäft besetzen, an dem die meisten Gewinne zu erzielen sind. Die große Gefahr ist derzeit, dass selbst die oft unbekannten Weltmarktführer im deutschen Mittelstand zur verlängerten Werkbank der Googles oder Apples oder anderer Softwarekonzerne werden. Die Arbeit würde ihnen nicht ausgehen, sie würden allerdings abhängig.

Wie das passieren kann? Ganz einfach und vor allem ganz schnell: Eine junge Firma mit einem clever gestalteten Portal schiebt sich zwischen den deutschen Hersteller und seine Kunden. Die Plattform bietet viel mehr an Service, Bequemlichkeit und Optimierung, sodass der Kunde gar nicht mehr auf den Gedanken kommt, mit dem Hersteller selbst zu verhandeln.

Der Hersteller verliert nicht nur den Kunden selbst, sondern auch dessen Bedürfnisse und Wünsche aus den Augen. Die zu kennen, macht aber gerade den Unterschied zwischen einer hohen Wertschöpfung und einer niedrigen aus. Das gilt gerade dann, wenn die Gestaltung einer Dienstleistung über geschäftlichen Erfolg oder Flop entscheidet.

Selbst wenn die positiven Erwartungen zutreffen und die deutschen Unternehmen den Umstieg in die digitalisierte Welt schaffen - das hieße noch lange nicht, dass auch die Arbeitnehmer hierzulande diesen Umschwung schaffen. Die Wissenschaftler sind sich noch nicht einig, wie die Geschichte ausgeht. Ernst zu nehmende Forscher gehen davon aus, dass etwa die Hälfte aller Jobs durch die Digitalisierung verloren gehen wird. Andere, ebenso ernst zu nehmende Forscher halten das für Unsinn und argumentieren, dass jede grundlegende technologische Neuerung bisher unter dem Strich mehr Jobs geschaffen als zerstört hat.

Einig sind sich die Experten nur in einem Punkt: Die Übergangszeit wird kurz. Das heißt, die technologischen Neuerungen werden mit hoher Geschwindigkeit in den Betrieben ankommen und klassische Berufsbilder verdrängen. Ob die Betroffenen in der Lage sein werden, die neu entstehenden Jobs zu besetzen, ist fraglich, weil ihre derzeitige Qualifikation mitunter nichts mit dem dann benötigten Wissen zu tun hat.

Klar ist deshalb - und das ist die zweite große Herausforderung -, dass heutige und künftige Arbeitnehmer für die digitalen Zeiten geschult werden müssen. Wie genau das aber praktisch aussehen sollte, es weiß kaum jemand. Welche Fertigkeiten genau müssen vermittelt werden? Müssen wir alle Computer-Nerds und Hacker werden? Oder genügt es zu wissen, wie man ein Smartphone bedient?

Notwendig ist deshalb vor allem, die Grundvoraussetzungen für das Verständnis der digitalen Welt zu schaffen. Das heißt nichts anderes, als Grundkenntnisse zu vermitteln über die Gesetzmäßigkeiten, nach denen diese Welt funktioniert. Jeder muss sich zumindest auf laienhaftem Niveau über Algorithmen unterhalten können. Der grundlegende Austausch über Programme und ihre Funktion wird in der neuen Arbeitswelt zentral sein.

Das Erlernen einfacher Formen von Algorithmen muss daher für die Kinder bereits in der Grundschule beginnen und dann schrittweise vertieft werden. Für Arbeitnehmer braucht es Fortbildungskurse, die ihnen eine Einführung bieten - und auf Wunsch mehr. Die Sprache der Software, des Programmierens und der Algorithmen muss so zu einer neuen Lingua Franca werden - einer Sprache, die jeder zumindest ansatzweise beherrscht, in der er versteht, wovon die Rede ist, und in der er sich verständlich machen kann. Ansonsten wird er sich wie ein Analphabet durch die Welt bewegen.