Kommentar Weiß, männlich, gefährlich

Das ist der Vorstand der Talanx AG - und nur ein Beispiel für die nicht vorhandene Vielfalt in der deutschen Wirtschaft.

(Foto: dpa)

Wo alle ähnlich denken, herrscht erst Stillstand und dann Krise. Die deutsche Wirtschaft braucht mehr Frauen, mehr Junge, mehr Ungewöhnliche. In einem Wort: Vielfalt.

Kommentar von Nakissa Salavati

Als junger Mensch kommt einem das Jungsein oft ziemlich anstrengend vor. Ständig muss man sich beweisen. Denn die unter 30-Jährigen haben so viel Erfahrung nicht, im Leben und im Beruf. Nun konnte man vor wenigen Tagen lesen, dass es ein 92-Jähriger auch nicht einfacher hat.

US-Unternehmer Sumner Redstone musste einem Gericht beweisen, dass er noch bei Sinnen ist und Hauptaktionär seines Medienimperiums bleiben darf. Der Richter befand: Ja, der Mann könne klare Gedanken fassen. Fraglich ist nur: Reicht das? Müssen die Alten nicht den Platz räumen? Wissen die, was Whatsapp und Snapchat ist? Und muss man das nicht wissen, um Produkte oder Dienstleistungen für die Digital-Generation zu entwickeln? Fragen, die man nicht nur einem 92-Jährigen, sondern auch schon 60- oder 70-Jährigen stellen kann. Die Antwort lautet: Nein, es ist kein Problem, wenn man als älterer Mensch noch arbeiten will und kann. In Zukunft wird man dies sowieso müssen. Alte haben den Jungen Erfahrung voraus, sie kennen mehr Krisen und wissen besser, wie man diese bewältigt.

Das Problem ist ein anderes: Die alten Bestimmer bleiben unter sich. Die Eintönigkeit lässt sich gerade wieder gut beobachten, weil Vorstände und Aufsichtsräte deutscher Unternehmen auf Hauptversammlungen ein Bild abgeben: alt, weiß, männlich. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf die Chefs. Jede Fachkonferenz wichtiger Branchen ist: eine Großversammlung aufstrebender Anzugträger. Man kennt sich, man fördert sich, man blockiert sich.

Denn Homogenität ist nicht nur wahnsinnig langweilig, sie ist für Gesellschaft und Konzerne auch schädlich. Ein Unternehmen braucht Menschen, die Traditionen wie Hierarchiesysteme, starre Arbeitszeiten und die Rolle eines Chefs hinterfragen. Dafür braucht man nicht nur mehr Frauen jeden Alters, sondern unbequeme Andersdenker aller Art und Herkunft. Kurzum: Vielfalt.

Vielfalt wird gefördert - aber nicht konsequent genug

Wo sie fehlt, herrscht Stillstand, und es folgt die Krise. Beispielhaft zeigt sich das bei Volkswagen. Kritische Stimmen zur Abgasmanipulation kamen im System Martin Winterkorn nicht zu Wort, jetzt hat das Unternehmen in Matthias Müller einen neuen alten Chef, der ebenfalls aus dem Kreis der Auto-Mächtigen stammt.

Wie beschränkt die Sicht hierzulande ist, hat sich auch gezeigt, als Anshu Jain vor Jahren Co-Chef der Deutschen Bank wurde. Politiker nannten ihn "den Inder", in der Branche und in den Medien hieß es: "Der kann ja gar kein Deutsch." Als bedeute dies, dass ihm die Sprache fehle, er wortwörtlich nichts zu sagen habe. Inhaltlich konnte man kritisieren, dass Jain Investmentbanker ist und mitverantwortlich dafür, dass die Bank große Probleme hat. Überhaupt Geldinstitute: Hochriskante Finanzprodukte, Zins-Manipulation und Steuertrickserei können nur überleben, wenn alle regeltreu ihren Mund halten. Sicher, Vielfalt allein wäre keine Lösung, aber ein Anfang, um Denkmuster zu durchbrechen.

Viele kleine und große Unternehmen, auch VW, betreiben durchaus diversity management, um Mitarbeiter zu fördern, die es im System schwerer haben. Das ist sinnvoll, dringt aber nicht bis dort, wo die Mächtigen Entscheidungen treffen. Wäre Vielfalt Realität, wären längst Frauen oder türkische Einwanderer Dax-Vorstände. Noch fehlen oft ausgebildete Bewerber für hohe Posten - auch wegen mangelnder Bildungschancen und struktureller Benachteiligung von Frauen. Aber es gibt sie schon, die Neudenker. Unternehmen müssen sie fördern, ihnen in Zukunft Freiheit und Verantwortung geben. Einfach, weil es ihnen selbst nützt.

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