Kommentar Mythos in Gefahr

Mit Daimler gerät eine weitere Ikone der deutschen Industrie unter Betrugs-Verdacht. Der Schaden solcher Affären geht womöglich bald weit über die jeweiligen Konzerne hinaus.

Von Karl-Heinz Büschemann

Jetzt auch noch Daimler. Möglicherweise hat nicht nur VW die Abgaswerte von Dieselmotoren manipuliert. Auch Mercedes gerät nun wegen dieses Vorwurfs in die Defensive. Und wieder ist eine Ikone der deutschen Wirtschaft betroffen, die in der ganzen Welt jedes Kind kennt. Mercedes ist mehr als ein normales deutsches Unternehmen. Die Marke mit dem Stern, die auf Carl Benz und Gottlieb Daimler, die Erfinder des Autos, zurückgeht, ist auch ein deutscher Mythos. Droht jetzt nicht ein Rückschlag für das Ansehen der gesamten deutschen Industrie? Die Befürchtung liegt nahe. Auch der Mythos von der robusten Industrienation Deutschland ist verletzlich.

Es hat ja schon vorher eine Reihe von peinlichen Skandalen gegeben. VW musste sich vor zwei Jahrzehnten mit dem US-Autokonzern General Motors wegen des Vorwurfs des Datendiebstahls herumschlagen. Später bestach der Wolfsburger Konzern, an dem auch noch das Land Niedersachsen beteiligt ist, wichtige Betriebsräte und jetzt der Abgas-Betrug, der den Konzern seit zwei Jahren schüttelt. Und haben zuletzt nicht auch Pannen-Baustellen wie der Berliner Flughafen oder die Hamburger Elbphilharmonie der Welt demonstriert, dass es mit der Ingenieurskunst der angeblich so tüchtigen Deutschen nicht so weit her ist, wie die selbst gern behaupten?

Noch ist nicht zu erkennen, dass die großen Pannen und Wirtschaftsskandale dem Ansehen der deutschen Unternehmen in der Welt ernsthaft Schaden zufügen. Das über mehr als 100 Jahre aufgebaute Image von Made in Germany hält den jüngeren Affären noch immer gut stand. Noch hat dieses Qualitätssiegel für deutsche Wertarbeit den besten Klang in der Welt. Man muss aber betonen: noch.

Noch hält "Made in Germany" den jüngeren Affären stand. Man muss betonen: noch

Klar ist dagegen, dass Konzerne, die auf kriminelle und betrügerische Art ihre Kunden täuschen, sich zunächst selbst schaden. VW spürt den Rückgang des Verkaufs von Dieselfahrzeugen nicht nur auf dem amerikanischen Markt. Umsatzeinbrüche schaden den eigenen Mitarbeitern, den Aktionären und der Volkswirtschaft. Zudem geht in Industriekreisen die Furcht um, dass auf die Dauer ein Schaden für alle eintreten wird.

Merkwürdigerweise wächst diese Gefahr noch, je mehr die aufgebrachte Öffentlichkeit nach der Aufklärung der Vorgänge und nach den Gerichten ruft. Das aberwitzig defensive Taktieren der VW-Spitze im Umgang mit der Öffentlichkeit, die Methode, seit zwei Jahren scheibchenweise nur das zuzugeben, was ohnehin bekannt ist, sorgt für den Frust bei Bürgern und Politikern über die schleppende Aufklärung dieser Affäre. Aber wo die Bürger sich völlig zu Recht ihre Ansprüche auf dem Rechts- und Klageweg zu sichern versuchen, gewinnen in den Konzernen die Juristen an Bedeutung, die jedes Eingeständnis von Schuld zu vermeiden suchen, auch wenn es der Sache guttäte und die Affäre damit schneller ausgestanden wäre. Am Ende steht das Paradox, dass die berechtigten Bedürfnisse der Kunden und Bürger nach Aufklärung der Beendigung einer Affäre sogar entgegenstehen können. Und wo der Wunsch der Öffentlichkeit nach Offenheit der Beendigung von Affären entgegensteht, wird die Sache gefährlich.

Noch halten sich die Folgen für die Gesamtwirtschaft in Grenzen. Noch sind Luxusautos aus Deutschland in China beliebt. Noch kauft die Welt die berühmten Werkzeugmaschinen von der Schwäbischen Alb, auch wenn Konkurrenten aus Asien oder Amerika günstiger sind. Noch hat die deutsche Chemieindustrie international einen guten Ruf. Aber mit jeder weiteren Affäre sinken die Chancen, dass die Folgen für alle gering bleiben.