Kommentar Messlatte höher legen

Immer mehr Anleger wollen ihr Geld umwelt- und verantwortungsbewusst anlegen. Dafür brauchen sie mehr Transparenz.

Von Caspar Dohmen

Die Verfechter von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit haben eine Menge erreicht. So stellt kaum noch jemand die Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens in Frage. Es gibt viele Normen, Ratings und Rankings, mit denen eine solche Unternehmensführung bewertet werden kann. Diese Instrumente dienen vor allem auch als Orientierung für institutionelle und private Anleger. Sie bekommen so mehr Transparenz, um bei Unternehmen auszusteigen, die etwa am Braunkohle- oder Uranabbau beteiligt sind. Geld aus umweltschädlichen, wenig verantwortungsbewussten Firmen abziehen, das ist einer der großen Trends in der Finanzbranche. Damit Anleger ihr Geld nachhaltig anlegen können, brauchen sie aber geeignete Bewertungsmethoden.

Die moderne Bedeutung des Begriffs Nachhaltigkeit hat die sogenannte Brundtland-Kommission 1987 entscheidend geprägt. Demnach ist eine Entwicklung dann nachhaltig, wenn sie den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden. Ein Ziel, von dem sich die Menschheit immer weiter entfernt.

Das Problem bei der Bewertung nachhaltiger Kapitalanlagen ist, dass fast alle Akteure auf den Best-in-Class-Ansatz zurückgreifen. Der beruht auf dem Prinzip, aus allen Branchen jeweils die Firmen mit der besten Nachhaltigkeitsleistung auszuwählen. Wer hier gut abschneidet, agiert aber nicht unbedingt besonders grün oder verantwortungsbewusst, sondern nur besser als seine Konkurrenten.

Dieses Auswahlverfahren entstand als eine Art Kompromiss, um möglichst viele, also auch nicht nachhaltige Akteure für eine freiwillige Bewertung zu gewinnen. Dieses Ziel haben die Vorreiter des Ansatzes erreicht. Jetzt ist es jedoch an der Zeit, die Bewertungsmethoden für nachhaltige Geldanlagen weiterzuentwickeln, so wie es in deren Geschichte schon mehrfach der Fall war. Bekannt ist, dass Menschen erstmals im 18. Jahrhundert Investments aus moralischen Überzeugungen ablehnten.

Verlässliche Prüfverfahren sind notwendig, sonst ziehen sich Geldgeber zurück

Es muss für Firmen darum gehen, nicht weniger schlecht, sondern wirklich gut zu sein. Das ist auch wichtig, um das Thema nachhaltige Geldanlage aus seiner Nische zu holen. Ein richtiger Wettbewerb unter nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen kann sich nur dann richtig entfalten, wenn sich immer mehr Firmen den damit verbundenen Zielen verschreiben.

Tatsächlich ist vieles schon besser geworden, aber eben nicht gut. Manche Akteure legen heute schon wesentlich strengere Maßstäbe an. Was fehlt, ist ein absoluter Bewertungsansatz für Unternehmen in puncto Nachhaltigkeit. Um das zu messen, wäre ein Maßstab hilfreich, wie ihn der Wissenschaftler Daniel Dahm in seinem Buch "Sustainability Zeroline" ausführt. Danach werden nur noch diejenigen Unternehmen positiv bewertet, die etwas für den Aufbau der ökologischen oder sozialen Ressourcen leisten. Der Großteil der heute als nachhaltig eingestuften Unternehmen dürfte daran gemessen tief im negativen Bereich landen.

Eine ehrliche Bestandsaufnahme ist jedoch unumgänglich, um zu zeigen, was Unternehmen tun müssen, um nachhaltig zu werden, und Anlegern aufzuzeigen, wo ihr Geld tatsächlich nachhaltig arbeitet. Gelingt das nicht, werden sich Geldgeber wohl enttäuscht zurückziehen. Und die Macher von Nachhaltigkeitsrankings müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie den Firmen mit ihren Bewertungen nur ein grünes Mäntelchen umlegen wollen, unter dem alles beim Alten bleibt.