Kommentar Kapitalismus für alle

Die Idee, Mitarbeiter an ihren Unternehmen zu beteiligen, wird immer wieder diskutiert. Und sie ist gut. Beschäftigte stärker am Produktivkapital teilhaben zu lassen, ist in diesen Zeiten sinnvoll, die Frage ist nur: In welcher Form könnte das geschehen?

Von Catherine Hoffmann

Vor Kurzem sorgte Siemens-Chef Joe Kaeser mit einer Idee für Aufsehen, die man vom führenden Kopf eines der größten deutschen Industrieunternehmen nicht unbedingt erwartet hätte: Der Konzernchef regt an, dass Angestellte künftig mit Belegschaftsaktien fürs Alter vorsorgen sollen. Das so angesparte Vermögen soll nach dem Willen Kaesers weitgehend steuerfrei bleiben. Damit schaffe man Stabilität in einer immer schneller werdenden globalen Welt.

Der Gedanke, Mitarbeiter an ihren Unternehmen zu beteiligen, ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Und auch in jüngerer Vergangenheit tauchte die Idee immer wieder auf. So warb vor zehn Jahren der damalige Bundespräsident Horst Köhler für einen "Investivlohn", der den Arbeitnehmern einen fairen Anteil am Volkseinkommen sichern sollte. Die Literatur über solche Modelle füllt ganze Bibliotheken. In der Praxis allerdings sind sie bis heute die große Ausnahme geblieben. Dabei ist die Idee aktueller denn je: Wenn aus Mitarbeitern Mitunternehmer werden, wird der Gegensatz von Arbeit und Kapital entschärft. Die Vermögensverteilung wird gerechter, zumindest ein wenig. Man muss es nur richtig anpacken.

Aktien sind die einzig logische Alternative in einer Zeit extrem niedriger Zinsen

Früher war mit solchen "Kapitalpartnerschaften", wie es die CDU einmal nannte, vor allem ein Ziel verbunden: Die Beschäftigten sollten an ihren Betrieb gebunden und zu unternehmerischem Denken ermuntert werden. Neu ist das Argument, durch Belegschaftsaktien ließen sich Arbeitnehmer am Erfolg ihres Unternehmens beteiligen, und zwar auch dann, wenn die Gewinne im Ausland gemacht werden oder dem Einsatz von intelligenten Roboten und vernetzten Computern zu verdanken sind.

Auf diese Weise könnten Angestellte als die vermuteten Verlierer der Globalisierung und der Digitalisierung an den Gewinnen der modernen Wirtschaft teilhaben. Sie müssten sich nicht nur mit oft mäßigen Lohnzuwächsen bescheiden. Mehr noch: Die Beteiligung am Produktivvermögen könnte ein Weg zu einer gleichmäßigeren Verteilung von Wohlstand in Deutschland sein. Auch die Förderung der privaten Altersvorsorge ist dabei ein Motiv. Kaeser hält Belegschaftsaktien für ein "probates Mittel" zur Sicherung des Lebensstandards im Alter.

Finanzielle Grundlage für den Ruhestand ist und bleibt die gesetzliche Rente, deren Niveau in den kommenden Jahren jedoch sinken wird. Um das auszugleichen, haben Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf betriebliche Altersvorsorge und die staatlich geförderte Riester-Rente. Obendrein sorgen viele Menschen selbst vor, so gut es eben geht.

Nur leider läuft etwas grundsätzlich schief in der kapitalgedeckten Altersvorsorge: Lebensversicherer, die das Geld ihrer Kunden anlegen, Firmen, die Mitarbeitern betriebliche Pensionen anbieten, und vor allem auch die Sparer selbst sind in der Illusion vermeintlicher Sicherheit gefangen: Sie legen das Geld zum ganz überwiegenden Teil in festverzinslichen Wertpapieren an, obwohl sie damit nach Abzug der Inflation Geld verlieren.

Höchste Zeit also, verstärkt in Sachwerte zu investieren. Nur leider sind die Deutschen Aktienmuffel. Sie begeistern sich vielleicht für Immobilien und Gold. Wenn aber Aktien der Altersvorsorge dienen sollen, schrecken sie zurück. Dabei sind Aktien die einzig logische Alternative in einer Zeit extrem niedriger Zinsen und langsam wachsender Inflation. Viele Firmen schütten zwei, drei oder vier Prozent des Kurses als Dividende aus. Zudem haben Anleger die Chance auf Kursgewinne.

Wenn es richtig ist, dass die Rente den Wohlstand im Alter nicht mehr sichert und durch kapitalgedeckte Vorsorge ergänzt werden muss, dann ist die Zeit reif dafür, Arbeiter und Angestellte zu Miteigentümern von Unternehmen zu machen. Wenn es stimmt, dass die direkte Entlohnung von Arbeit in Zeiten der Digitalisierung und des scharfen globalen Wettbewerbs unter Druck steht, dann müssen Beschäftigte stärker am Produktivkapital beteiligt werden.

Die Frage ist nur: in welcher Form?

Belegschaftsaktien bergen ein doppeltes Risiko: Wenn ihre Firma pleitegeht, sind die Arbeitnehmer beides los, ihren Job und ihr angespartes Betriebsvermögen. Sie haben ein Klumpenrisiko. Besser wäre es deshalb, wenn zum Beispiel Siemens-Mitarbeiter nicht nur Siemensaktien erwerben, sondern - vom Staat systematisch gefördert und vom Betrieb unterstützt - in einen Fonds einzahlen, der sich an vielen Unternehmen beteiligt. Dies streut nicht nur das Risiko. Es ermöglicht den Beschäftigten auch, einmal erworbene Beteiligungen bei einem Arbeitsplatzwechsel zu behalten und weiter anzusparen. Es wäre gut angelegtes Geld.