Konjunktur Niemand braucht Untergangsszenarien - sie schaden nur

Gelände des Stahlkonzerns Salzgitter AG in Salzgitter (Niedersachsen). Chinas abkühlende Konjunktur und der niedrige Ölpreis könnten die Konjunktur ausbremsen. Zu pessimistisch sollte man aber nicht sein.

(Foto: dpa)

Ja, dir Wirtschaft hat Probleme, Chinas Schwäche etwa oder den sinkenden Ölpreis. Aber Europa und die USA sind heute stabiler als 2008.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Das war eine Woche zum Wegschauen. Das Publikum sah deutsche Aktien mehrere Tage hintereinander abstürzen. Es handelte sich um mehr als eine Kurskorrektur: Die Turbulenzen reflektierten grundsätzliche Zweifel an Geschäftsmodellen europäischer Banken, und an ihrer Standfestigkeit. Das weckte trübe Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 - und an die konjunkturelle Katastrophe, die sie ausgelöst hat.

Erst am Donnerstag und Freitag hörten die Deutschen Positives von der Ökonomie. Die Aktien stiegen wieder, sie holten einen Teil ihrer Verluste wieder auf. Und vor allem zeigte sich: Die deutsche Wirtschaft wuchs auch im vierten Quartal 2015 anständig - allen negativen Prognosen zum Trotz, die monatelang die Bürger erschreckten. Damit spiegelt die vergangene Woche beispielhaft die Unklarheiten, die die Bundesrepublik vernebeln. Erleben wir gerade ein Börsenbeben, das die Jahre des Booms brutal beenden wird, wie es schon 2008 geschah? Oder sind solche Ängste übertrieben?

Wer die Ursachen der Kursverluste betrachtet, entdeckt durchaus Gründe zur Sorge. Europas Geldinstitute sind vielfach in schlechtem Zustand. Die Nullzinsen und das Ende der oft unsoliden Gewinne aus dem Investmentbanking erschweren es ihnen, Geld zu verdienen. Dazu kommen weitere Belastungen. Nachdem die Expansion der Schwellenländer die Weltwirtschaft so lange antrieb, schwächeln diese nun. Und der Verfall der Ölpreise trifft Förderländer von Saudi-Arabien über Venezuela bis Russland, die entsprechend weniger Waren im Westen nachfragen. Alle Faktoren zusammen könnten den Börsen weitere unruhige Wochen verschaffen und auf die reale Wirtschaft durchschlagen.

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Es spricht einiges dagegen, dass ein Kollaps wie 2008 bevorsteht

Das sind die Sorgen. Andererseits spricht einiges dagegen, dass die Welt ein Kollaps wie 2008 ereilt. Damals präsentierten sich Banken in den USA und Europa randvoll mit hochspekulativen Wertlospapieren. Heute dürfen sie weniger zocken und müssen mehr Kapital vorhalten. Die großen Volkswirtschaften der USA und Europas stehen konjunkturell besser da als damals, als Immobilienblasen die Wachstumsdaten schönten.

Bleiben die anderen Probleme. Ja, die Schwellenländer expandieren weniger, und Öl wird immer billiger. Das war allerdings schon 2015 so, ohne dass es die Weltwirtschaft in den Abgrund gestoßen hätte. China steckt nicht in der Rezession, es erwartet noch sechs Prozent Wachstum. Und die Ölländer sind kein so großer Block der globalen Ökonomie, dass sie allein die Weltwirtschaft abstürzen lassen.

Diese beiden negativen Entwicklungen werden die globale Konjunktur zweifellos bremsen. Doch sie müssen sie nicht stoppen, falls nichts anderes eskaliert, etwa eine chinesische Finanzkrise wegen der hohen Schulden von Banken und Firmen. Ökonomie hat viel mit Vertrauen und Psychologie zu tun. Das dauernde Wiederholen von Untergangsszenarien kann die Wahrscheinlichkeit der Dramen steigern, die sie voraussagen.

Der Mindestlohn wirkt sich positiv aus

Was heißt das alles für die deutsche Konjunktur? Noch gibt es keine harten Anzeichen, dass die bisherigen Prognosen falsch sind. Die Volkswirtschaft könnte ähnlich wachsen wie im vergangenen Jahr. Doch dem Land muss klar sein: Die Kraft kommt nicht wie sonst aus dem Außenhandel. Die Abschwächung in den Schwellenländern wirkt sich aus. Die Exporte gingen im vierten Quartal 2015 zurück, weitere Dämpfer sind zu erwarten.

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Damit sich der respektable Aufschwung in Deutschland fortsetzt, kommt es also auf die heimische Nachfrage an. Der Staat trägt mit Mehrausgaben für Flüchtlinge einiges bei. Aber das reicht nicht: Die Deutschen müssten ähnlich viel konsumieren wie 2015. Um das zu erreichen, sollten die Lohnabschlüsse über alle Branchen gesehen ähnlich hoch ausfallen. Obwohl das Lamento einiger Unternehmer und marktliberaler Ökonomen anderes nahelegt: Es spricht einiges dafür, dass die Firmen nach vielen Jahren niedriger Tarifabschlüsse wettbewerbsfähig genug sind, um das zu verkraften.

Positiv auf die Konjunktur wirkte sich 2015 neben den Lohnsteigerungen ein weiteres Instrument aus, das die orthodoxen Ökonomen geißeln: der Mindestlohn. Entgegen vielen Prognosen vernichtete er keineswegs massenhaft Jobs. In günstiger wirtschaftlicher Lage gestartet, ließ er traditionelle Niedrigzahler wie Hotels und Einzelhändler Zehntausende reguläre Stellen schaffen. Wer jetzt 8,50 Euro die Stunde verdient statt fünf, kann sich mehr kaufen. Der Mindestlohn schützt vor Ausbeutung und hilft der Konjunktur - die Ankunft vieler Flüchtlinge sollte nicht als Vorwand dienen, dieses Instrument wieder abzuschaffen.