Zentralbank Die EZB gefährdet Deutschland

Die Europäische Zentralbank (EZB) bei Nacht

(Foto: dpa)

Langfristig birgt die Nullzinspolitik mehr Risiken als Chancen - besonders für deutsche Unternehmen und Arbeitsplätze.

Kommentar von Caspar Busse

Auf den ersten Blick sieht das für die deutschen Unternehmen doch ganz erfreulich aus, kurzfristig zumindest: Nachdem Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), in der vergangenen Woche die Geldschleusen noch weiter geöffnet, den Leitzins auf null gesenkt und die Strafzinsen für Einlagen erhöht hat, ging der Kurs des Euro erst einmal nach unten. Kaum jemand glaubt inzwischen noch an eine schnelle Erholung der europäischen Gemeinschaftswährung. Zusammen mit den niedrigen Öl- und Energiepreisen wirkt der schwache Euro wie ein großes Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft: Deutsche Waren, seien es Maschinen, Autos oder Chemieprodukte, werden im Ausland billiger und attraktiver. Das ist gut für die deutschen Exporte.

Im Inland werden viele angesichts der Nullzinspolitik Draghis ihr Geld lieber ausgeben, die Anlage bei der Bank bringt nichts mehr ein, sondern sie kostet. Die Folge: Der Konsum wird weiter steigen. Auch das hat positive Auswirkungen auf den Absatz. Dazu kommt: Die Kurse von Aktien und Unternehmensanleihen, die nun ebenfalls verstärkt von der EZB aufgekauft werden sollen, steigen.

Für Unternehmen birgt Draghis Geldpolitik große Risiken

Doch es wäre verhängnisvoll, angesichts dieser kurzfristig positiven Auswirkungen die langfristigen Folgen aus den Augen zu verlieren. Draghis unbeirrtes (und falsches) Festhalten am Kurs des leichten Geldes ist nicht nur für Sparer und Anleger ein Ärgernis, die nun mit keinen oder sogar negativen Zinsen konfrontiert sind und damit faktisch enteignet werden. Die Politik der EZB ist auch für die Unternehmen, ob groß oder klein, vor allem in Deutschland und den anderen prosperierenden (Nord-)Volkswirtschaften in der EU, eine große Gefahr. Und zwar nicht nur, weil der solide und ohne übermäßige Verschuldung wirtschaftende deutsche Mittelständler bei der Bank jetzt keine Zinsen mehr auf sein Vermögen bekommt. Es geht um grundsätzliche Risiken, die Kollateralschäden durch den Draghi-Kurs sind immens.

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Natürlich versucht die EZB unter der Führung des Italieners Draghi mit ihrer Politik auch die noch immer lahmende Wirtschaft vor allem in Südeuropa anzukurbeln. Kein Wunder, dass dort der EZB-Kurs auch überwiegend begrüßt wird. Ein zusätzliches Konjunkturprogramm gerade für die dortigen Unternehmen ist willkommen, auch damit neue Jobs geschaffen und die sozialen Probleme abgefedert werden können. Aber sind die Firmen in Italien, Spanien, Griechenland, Portugal oder auch Frankreich überhaupt in der Lage, davon zu profitieren? Haben sie die richtigen Produkte, um auf den Exportmärkten auch zu reüssieren? Produzieren sie effizient? Zweifel sind angebracht, denn auch bisher kamen sie kaum voran.

Ein wenig erinnert die Situation an ein altes Bauerhaus mit einer schlechten Heizung. Unten in der Stube wird kräftig eingefeuert, so dass es dort immer heißer wird (die deutsche Wirtschaft etwa könnte durchaus auch ein wenig Abkühlung vertragen). Oben in den Zimmern (also in Südeuropa) kommt die Hitze aber kaum an, dort ist es noch immer empfindlich kalt, es tut sich nur wenig.

Als Steuerungsinstrument ist der Zins wertlos geworden

Dazu kommt: Wenn Geld im Überfluss zu haben ist, dient der Zins nicht mehr als Steuerungsinstrument. Nach welchen Kriterien sollen nun Investitionsentscheidungen getroffen werden? Jetzt möglicherweise überteuerte Übernahmen zu wagen oder unkontrolliert in den Aufbau von Kapazitäten zu investieren, wäre jedenfalls falsch. Bislang sind die Unternehmen gut damit gefahren, besondere Vorsicht walten zu lassen, Investitionen oder Akquisitionen sehr genau zu prüfen und ein Auge auf kontinuierliche Effizienzsteigerungen zu haben, auch wenn die Geschäfte gut laufen. Von diesem Kurs sollte die deutsche Wirtschaft auch angesichts der Geldflut nicht abweichen.

Das ist umso wichtiger, als die Nullzinspolitik von Draghi enorme Belastungen gerade für deutsche Unternehmen mit sich bringt. Sie haben in der Vergangenheit an ihre Mitarbeiter milliardenschwere Pensionszusagen geleistet. Diesen Verpflichtungen können viele bei der aktuellen Lage an den Finanzmärkten mit Anlagenotstand und Nullzinsen kaum noch finanzieren. Einige Firmen mussten bereits Milliarden Euro in ihre Rücklagen stecken. Ob das ausreichen wird, ist noch keineswegs ausgemacht. In den Bilanzen der Unternehmen schlummern damit Risiken, die sich noch als verhängnisvoll erweisen können.

Die Lage ist also gefährlich. Denn am Erfolg der deutschen Unternehmen hängt viel - die Arbeitsplätze, unser Wohlstand und damit nicht zuletzt auch der in den übrigen Ländern Europas.

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