Kommentar Fortschritt und Katastrophe

Vor 40 Jahren ereignete sich das Giftgas-Unglück im italienischen Seveso. Es war ein Einschnitt für die westliche Welt: Der Glaube an den technischen Fortschritt ist seitdem erschüttert.

Von Michael Bauchmüller

Das böse Erwachen begann mit einem lauten Pfiff, gefolgt von einer kleinen, pilzförmigen Wolke. Nach einer Verkettung von unglücklichen Umständen, nach menschlichem und technischem Versagen, hielt der Kessel dem Druck nicht mehr stand. Nicht weit von Mailand entfernt, bei der italienischen Provinzstadt Seveso, verloren in den Tagen darauf Bäume ihr Laub, Tausende Tiere verendeten oder mussten geschlachtet werden. Hunderte Menschen erkrankten an Chlorakne, einer fiesen Hautkrankheit, die ihre Opfer ein Leben lang zeichnet. So gesellte sich zum technischen Fortschritt die Katastrophe.

Nicht, dass es kleine und große Umweltschweinereien, vergiftete Böden und Flüsse, sterbende Arten und umweltbedingte Gesundheitsschäden Mitte der 1970er-Jahre nicht schon hinlänglich gegeben hätte. Aber Seveso markierte eine neue Qualität: Nie zuvor waren die Risiken des technischen Fortschritts so überraschend und zugleich so folgenschwer in den Alltag von Menschen eingebrochen.

Das lag auch an einem bis dahin völlig unverkrampft freundlichen Verhältnis zum Fortschritt. Technische Innovationen, seien es Pharmazeutika, Pflanzengifte oder die Atomkraft, galten in den Industriestaaten als Garanten für Wohlstand und besseres Leben, für Jobs und Wachstum. Vor der Angst stand die "Beherrschbarkeit", ein Wort wie tausend Bände: Was der Mensch beherrscht, kann gar nicht schiefgehen. Dann kam Seveso.

Nach Seveso ereignete sich das Chemieunglück im indischen Bhopal, das schon in den ersten Tagen 3000 Menschenleben forderte, es folgten Katastrophen in Tschernobyl, im Chemielager von Sandoz bei Basel, und es regnete gelbe Chemie in Frankfurt, nach einem Bedienfehler in einem Werk der Hoechst-AG. So wurde der industrielle Fortschritt zum Geist, der irgendwie aus der Flasche geraten war, sich aber im Zweifel eben nicht mehr beherrschen lässt. Angst wurde zur Begleiterin des Fortschritts. Sie ist es bis heute.

Seit Seveso ist klar: Fortschritt und Katastrophe schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Sie bedingen einander. Technischer Fortschritt macht Technik nicht per se besser beherrschbar; er macht sie häufig komplexer, schwerer zu durchschauen. So kann die Katastrophe zum paradoxen Ergebnis des Fortschritts werden. Umgekehrt aber hat so mancher Störfall geholfen, Schwachstellen zu erkennen und zu schließen. Seveso machte, so bitter es klingt, die Störfallrichtlinien der EU erst möglich. Passenderweise heißen sie Seveso I, II und III.

Seveso, Bhopal, Tschernobyl - das Vertrauen in die technische Beherrschbarkeit ist verloren

Doch all die Vorkehrungen und Richtlinien haben ein Gift nie mehr aus der Welt schaffen können: das des Misstrauens. Die Industrie hat es in vielen Fällen selbst gesät, in der irrigen Annahme, dass eine Katastrophe, über die niemand spricht, auch gar nicht so schlimm gewesen sein kann. In Tschernobyl schwiegen Behörden den GAU erst tot, in Bhopal klassifizierte das Werk das tödliche Gift zunächst als vergleichsweise harmloses Tränengas, in Seveso produzierte die Fabrik sechs Tage lang seelenruhig weiter. Erst, als die Folgen nicht mehr zu übersehen waren, als in Bhopal Menschen starben, in Schweden erhöhte Radioaktivität gemessen wurde und bei Seveso die Tiere krepierten, kam die Wahrheit ans Licht, oft nur scheibchenweise.

Diese Taktik hat in der Vergangenheit jedes Problem zuverlässig potenziert, sie hat selbst Zwischenfälle auf dem Außengelände von AKWs zu scheinbaren Störfällen heranwachsen lassen. Vertrauen aber lässt sich leichter verlieren als erwerben: Wer einmal schweigt, dem glaubt man nicht. Manch hitzige Debatte auch hierzulande lässt sich auf derlei verlorenes Vertrauen zurückführen - in die vorgeblichen "Beherrscher" des Fortschritts. Macht uns das Pestizid Glyphosat krank? Führt der Tesla-Autopilot geradewegs in die Massenkarambolage? Verkauft sich Europa mit TTIP an die Amerikaner? Überall nagen Zweifel und Vorbehalte.

Der Pfiff, mit dem sich in Seveso die Giftwolke ihren Weg bahnte, war ein Weckruf. Er hat gezeigt, wie eine Industrie binnen Stunden jene Umwelt zerstören kann, von der sie lebt. Das Bewusstsein für diese Umwelt konnte bei vielen so erst entstehen. Die viel größere Zerstörung freilich konnte all das nicht aufhalten. Die Katastrophe der Erderwärmung schreitet schleichend voran, und sie wird sich nur durch eines aufhalten lassen: durch sauberen technischen Fortschritt. So kompliziert ist die Welt.