Kommentar Europas Restrisiko

Die Atomenergie hat zwar keine Zukunft - doch die Vergangenheit wird bis zur letzten Megawattstunde ausgereizt. Aber was passiert, wenn Material ermüdet und ein Werk schlichtweg verschleißt? Ausprobieren sollte man das nicht.

Von Michael Bauchmüller

Fukushima. Für immer wird der deutsche Atomausstieg mit diesem Namen verbunden bleiben. Mit einem Schlag besiegelte der Nuklearunfall in Japan das Schicksal der hiesigen Atomwirtschaft, auf den Tag genau fünf Jahre ist das her. Mit großer Geste verabschiedete sich damals eine schwarz-gelbe Bundesregierung aus der Kernkraft, die Welt wunderte sich. Dabei läuft in ganz Europa ein Atomausstieg, nur viel leiser. Nicht die Politik ist die treibende Kraft, sondern die Ökonomie.

Das bewirkt schon allein der Strompreis. Am 11. März 2011, dem Tag des Tsunamis in Japan, brachte die Megawattstunde Elektrizität an Europas Strombörsen noch 54 Euro. Fünf Jahre später ist es nur noch die Hälfte. Die Preise für Kohle sind tief gesunken, ebenso die für Erdgas. Wachsende Mengen von Ökostrom tun ihr Übriges: Es gab zuletzt Werktage, an denen brachte der Strom gerade mal gut 20 Euro. Bei solchen Preisen werden auch die günstigsten Kraftwerke unrentabel. Selbst abgeschriebene Atomkraftwerke, lange Zeit wahre Gelddruckmaschinen, produzieren den Strom bei derlei Preisen mit Verlust.

Was passiert, wenn Material ermüdet, wenn ein Werk verschleißt?

Der Beginn jedes Atomausstiegs ist der Verzicht auf neue AKWs - wie er sich vielerorts abzeichnet. In Tschechien verweigerte die Regierung 2014 Garantien für die Erweiterung des Atomkraftwerks Temelin. Seither ist sie gestoppt. In den Niederlanden blies AKW-Betreiber Delta schon 2012 den Bau eines zweiten Blocks bei seinem Atomkraftwerk Borssele ab, der Grund: das "ungünstige Investitionsklima". Derweil steckt auch Borssele I in finanziellen Nöten, der Strompreise wegen. Im Baltikum gibt es zwar noch Pläne für einen neuen Reaktor, doch sie kommen nicht voran. Die estnische Regierung will erst einmal abwarten, wie sich die Strompreise entwickeln. Auch Polens Idee, ein Kernkraftwerk an der Ostsee zu errichten, hat längst alle Zeitpläne gesprengt. So dämmert die einst beschworene "Renaissance der Kernkraft" dahin.

Wo aber tatsächlich gebaut wird, sind die Kosten enorm. In Finnland etwa entsteht seit 2005 das Atomkraftwerk Olkiluoto. Seit 2009 hätte es fertig sein sollen, zum Preis von 3,2 Milliarden Euro. Der Preis hat sich mittlerweile fast verdreifacht. Vor 2018 wird es nicht ans Netz gehen. Ob es je die Milliarden einspielt, ist unsicher. Nicht anders sieht es im französischen Flamanville aus, eine Baustelle seit 2007: Europas Neubauten sind allesamt Milliardengräber.

Nicht umsonst warnen Ratingagenturen Frankreichs Strom-Monopolisten EDF davor, sich auch noch den Bau eines Atomkraftwerks in Großbritannien aufzuhalsen. Sowohl Moody's als auch Standard & Poor's entdeckten in dem britischen Atomprojekt Hinkley Point zuletzt Gründe für eine Herabstufung des EDF-Ratings - wegen der "inkrementellen Risiken", wie Moody's schrieb. Und das, obwohl die britische Regierung für den Atomstrom milliardenschwere Preisgarantien abgab.

Die Reaktoren hätten es selbst dann schwer, wenn sich der Markt erholt. Eine wachsende Konkurrenz von Wind- und Sonnenstrom wird den Strompreis in Zukunft immer stärker schwanken lassen. Das aber entzieht neuen Atomprojekten die Kalkulationsbasis. Längst macht der massive Preisverfall bei Wind- und Solaranlagen den Ökostrom zunehmend wettbewerbsfähig. Obendrein ist er deutlich risikoärmer - und damit auch den Banken sympathischer. Die kaum zu beziffernden Kosten der Atommüllentsorgung sind da noch gar nicht eingerechnet.

Atomkraftgegner sollten sich aber nicht zu früh freuen. Die Ökonomie mag den Neubau von Reaktoren zwar vereiteln. Sicherer wird es dadurch aber in Europa nicht, im Gegenteil. Denn auf ihre alten Reaktoren wollen die wenigsten Staaten verzichten. Die Niederlande haben zwar Borssele II erst mal beerdigt - dafür aber soll Block I nun 60 Jahre lang laufen. Ähnliche Laufzeiten sind in der Schweiz im Gespräch, wo mit Beznau I das älteste Atomkraftwerk der Welt steht. Belgiens Regierung hält an längeren Laufzeiten fest, ungeachtet der Zwischenfälle in seinen Kraftwerken Doel und Tihange. Und in Frankreich wird die Stilllegung des Pannenmeilers Fessenheim Jahr um Jahr verschoben. Es ist das älteste AKW im Land.

So hat die Atomenergie in Europa zwar keine Zukunft - doch die Vergangenheit wird bis zur letzten Megawattstunde ausgereizt. Der Reaktor in Tschernobyl war keine zehn Jahre alt, als er schmolz. Dem Meiler in Fukushima gaben Tsunami und Erdbeben den Rest. Was aber passiert, wenn Material ermüdet, wenn ein Atomkraftwerk schlichtweg verschleißt? Das hat noch keiner ausprobiert. Klüger wäre es, auf dieses Experiment zu verzichten.