Kommentar Ein Plädoyer für das Bargeld

Viele Ökonomen fordern nur noch elektronisches Bezahlen. Das soll Kriminalität bekämpfen. Doch Verbrecher arbeiten heute anders.

Von Andrea Rexer

Deutschland ist für seine Liebe zum Bargeld bekannt. In kaum einem anderen entwickelten Land wird so häufig mit Schein und Münze bezahlt wie hier. Doch es zeichnet sich ein Wandel ab: Immerhin ein Viertel der jungen Deutschen kann sich ein Leben ohne Bargeld vorstellen, zeigte eine Umfrage jüngst. Damit folgt Deutschland einem weltweiten Trend. Von Skandinavien bis Afrika kommt das Bargeld aus der Mode. Es gilt als zu unbequem, zu langsam, zu teuer.

Gegen einen Abschied auf Raten könnten sich die Bürger kaum wehren. Es gibt in Deutschland kein gesetzlich verankertes Recht auf Bargeld. Das ist ein grobes Manko. Eine Mindestversorgung für den privaten Gebrauch sollte gesetzlich verankert werden, bevor das Bargeld schleichend aus unserem Leben verschwindet.

Das könnte schneller passieren, als sich so mancher vorstellen kann. Bald können in ganz Europa Überweisungen in Sekundenschnelle abgewickelt werden, die regulatorischen Weichen sind schon gestellt. Dann werden es viele Menschen bequemer finden, an der Supermarktkasse kurz ihr Smartphone aus der Tasche zu ziehen, als die passenden Münzen aus der Geldbörse herauszukramen.

Es gibt in Deutschland kein Recht auf Bargeld. Das ist ein grobes Manko

Die Bequemlichkeit ist das eine, die Kosten sind das andere. Wie teuer die Bargeldversorgung ist, wird in den Diskussionen allzugern vergessen. Allein die Logistik, mit gesicherten Transporten Scheine und Münzen in alle Winkel der Republik zu verteilen, Geldautomaten und Ladenkassen zu befüllen, und die Bestände über Nacht sicher einzulagern, kostet Milliarden. In früheren Jahren haben Banken die Kosten dieser Infrastruktur ohne Murren bezahlt, doch seit die Zinsen so niedrig sind und die Renditen schmelzen, fällt jeder Kostenblock ins Gewicht. Die ersten Konsequenzen bemerken die Kunden in ländlichen Regionen schon. Die Zahl der Geldautomaten geht zurück.

Eine beachtliche Zahl von Ökonomen, Unternehmern und Politikern will auf den schrittweisen Abschied nicht warten, sondern Bargeld gleich abschaffen. Ihr Hauptargument: Bargeld helfe Kriminellen. Doch das Argument offenbart eine verzerrte und völlig veraltete Sicht auf Kriminalität. Große Steuerskandale wie etwa die Panama Papers haben eindrucksvoll gezeigt, dass Großkriminelle längst nicht mehr mit Geldkoffern durch die Welt reisen, sondern mit einer Vielzahl elektronischer Überweisungen und mithilfe eines verschachtelten Firmennetzwerks verschleiern, woher das Geld kommt und wohin es geht. Digitale Währungen wie Bitcoin bieten darüber hinaus ganz neue Möglichkeiten der Anonymität. Mit einem Bargeldverbot trifft man also allenfalls Kleinkriminelle, die sich teure Anwälte und neue Technologien nicht leisten können.

Warum ist Bargeld schützenswert? Man muss dabei nicht zu den Verschwörungstheorien greifen, die so manche Bargeldliebhaber vornehmlich aus dem politisch rechtskonservativen Lager anführen: Die Angst, dass die Europäische Zentralbank Negativzinsen durchsetzen will und uns deswegen ans Bargeld will, unterstellt eine Allmacht der Notenbank, die mit der Realität nichts zu tun hat. Zudem wird nicht nur in den USA, sondern auch in Europa derzeit über steigende Zinsen gesprochen.

Es gibt vielmehr ein Argument für Bargeld, das alle Gegenargumente aufwiegt: Freiheit. Wer mit Schein und Münzen zahlt, hinterlässt keine Datenspuren. Wer sich hingegen elektronischer Mittel bedient, überlässt seine Daten privaten Unternehmen. Man kann dabei natürlich hoffen, dass die Daten weder missbraucht noch gestohlen werden. Aber der effektivste Datenschutz ist und bleibt Bargeld. Deswegen muss es im Privatleben möglich sein, damit zu zahlen.

Gegen mehr Transparenz bei den Unternehmensfinanzen hingegen wäre natürlich nichts einzuwenden. Hier ist der hohe Schutz der Privatsphäre kein Argument. Zudem würden mehr bargeldlose Zahlungen den Mitarbeitern Zeit und den Unternehmen Kosten sparen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Noch immer strecken viele Mitarbeiter geschäftliche Auslagen etwa bei Dienstreisen in bar vor. Das erhöht den Abrechnungsaufwand. Hier könnte ein höheres Maß an digitalen Bezahlungen, zum Beispiel in Form von Firmenkreditkarten, allen Seiten Kosten und Zeit sparen.

Da elektronische Geldtransfers ohne Zweifel in Zukunft stark zunehmen werden, reicht eine Bargeld-Garantie für den Privatgebrauch nicht aus. Innerhalb Europas gelten unterschiedliche Datenschutzregeln. Die Politik muss sich der neuen Realität stellen und sich für einheitliche Datenschutzstandards in ganz Europa einsetzen.