Kommentar Digitale Pleite

Die Deutsche Bank nannte ihr wichtigstes digitales Projekt Magellan - nach dem berühmten portugiesischen Weltumsegler. Der überlebte sein Abenteuer nicht. Die einst so stolze Bank muss aufpassen, dass es ihr nicht genauso ergeht.

Von Andrea Rexer

Für Projekte wählen Unternehmen gern illustre Namen. Auch die Deutsche Bank erlag dieser Verführung und nannte ihr wichtigstes IT-Projekt zur Einführung eines Kernbankensystems Magellan - nach dem berühmten portugiesischen Weltumsegler. Dass der sein eigenes Abenteuer nicht überlebte, bedachte man bei der Namenswahl wohl nicht. Im Rückblick passt es ganz gut zusammen: Jahrelang hatten die Banker daran gearbeitet, die Systeme der Postbank mit jenen der Deutschen Bank zu vereinen. Doch nun wird wieder entflochten, die Postbank steht zum Verkauf.

Mit der IT hat die Bank derzeit kein glückliches Händchen: Das Institut gab am Dienstag zu, dass knapp drei Millionen Kunden von doppelten Buchungen in ihrem Online-Banking-Account betroffen waren. Die Erklärung der Bank, es sei kein echtes Geld in falsche Kanäle geflossen, sondern lediglich die Anzeigen seien falsch gewesen, wirkt hilflos. Denn mehr als 60 000 Kunden hatten echte Probleme, an ihr Geld zu kommen, weil ihnen die Geldautomaten nichts ausspuckten.

Die Automaten beziehen ihr Wissen aus der digitalen Welt. Schmerzlich haben die Kunden erfahren, wie real die virtuelle Welt ist. Das sollte der Deutschen Bank eine Lehre sein. Der Fall macht erneut deutlich, dass sich die Zukunft der Banken im Digitalen entscheiden wird. Nichts wird so wichtig wie der verlässliche Umgang mit den Daten.

Ausgerechnet nach der großen IT-Panne stoppt Cryan das Digitalbank-Projekt

Ausgerechnet in diesen Tagen lässt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan, seine Mitarbeiter per Brief wissen, dass er das pompös angekündigte Projekt einer Digitalbank gestoppt hat. Ein fatales Signal in einer Zeit, in der es der Bank gut zu Gesicht stünde, eine Erhöhung der Ausgaben für digitale Infrastruktur bekannt zu geben. Der Stopp hat Signalwirkung.

Nun muss man wissen, dass das Wort "Digitalbank" schon von Anfang an mehr Schein als Sein war. Tatsächlich handelte es sich dabei nicht um eine umfassende digitale Bank, vielmehr sollte das Projekt ein Testcenter für verschiedenste Anwendungen sein. Die Bank stellt damit also nicht all ihre digitalen Ambitionen ein. Aber das Beispiel zeigt, wie schwer sie sich mit digitalen Projekten tut. Offensichtlich wird gern mit Pomp etwas verkündet, hinter dem dann wenig Substanzielles steckt. An den verschiedensten Ecken des Konzerns werden unterschiedlichste Projekte aus der Taufe gehoben, aber eine Digitalstrategie aus einem Guss gibt es nicht.

Dass Cryan nun die Mittel für die Digitalbank einfach einkassiert und sie laut Mitarbeiterbrief für die "Implementierung der Kernstrategie" verwenden will, lässt den Verdacht aufkommen, dass die Bank noch immer mehr damit beschäftigt ist, ihre Altlasten zu bereinigen, als an die Zukunft zu denken. Hätte es den Spielraum gegeben, hätte Cryan die frei werdenden Mittel auch dem Team um Privatkundenvorstand Christian Sewing zusprechen können, die eine "Digitalfabrik" aufbauen sollen. Das hätte unterstrichen, dass es die Bank ernst meint mit dem digitalen Wandel. Doch nun muss die Truppe fürchten, dass auch ihr irgendwann Mittel gestrichen werden, wenn es hart auf hart kommt.

Geld in Computersysteme zu stecken ist bei Unternehmen generell nicht beliebt: Denn den Kosten steht nicht sofort ein zusätzlicher Ertrag gegenüber. Es geht viel mehr darum, in Zukunft überhaupt noch auf dem Markt zu sein. Einerseits lässt sich durch neue Technologien Geld im laufenden Betrieb einsparen, andererseits fragen die Kunden bequeme, digitale Bankdienstleistungen zunehmend nach. Eine zusätzliche Herausforderung ist, dass sich die Kunden längst daran gewöhnt haben, dass vieles von dem, das digital daherkommt, kostenlos zu bekommen ist.

Was das in letzter Konsequenz bedeuten kann, zeigt das Beispiel des Finanz-Start-ups Number26: Das Berliner Fintech bietet mobile Bankkonten gratis an - und musste jetzt zugeben, dass sie all jene Kunden rausgeworfen haben, die durch zu häufige Abhebungen am Geldautomaten hohe Kosten verursacht haben. Die betroffenen Kunden haben dadurch gelernt, dass eine stabile Bankverbindung viel Wert ist.

Für die Bürger bedeutet das, dass sie künftig damit rechnen müssen, für verlässliches digitales Banking Geld zu bezahlen. Und dennoch werden nur jene Banken davon profitieren, die den digitalen Wandel entschieden vorantreiben. Denn der Preisdruck, den die Digitalisierung mit sich bringt, wird die Langsamen aus dem Markt drängen. Da hilft es auch nicht, wenn man - wie die Deutsche Bank - früher mal Marktführer war.