Kommentar Alles muss auf den Tisch

30 nicht einmal eng beschriebene Seiten, kein einziger Name. Das ist keine Aufklärung, sondern eine Farce. Mit Worten wie Dieselthematik und Dieselkrise verharmlosen Volkswagen-Manager das, was es war: Betrug.

Von Klaus Ott

Das soll es also gewesen sein. 30 nicht einmal eng beschriebene Seiten, in denen kein einziger Name vorkommt. Das soll alles sein, was Volkswagen über fast ein ganzes Jahrzehnt zu berichten hat, in dem der deutsche Autokonzern eine betrügerische Software für Schadstoffmessungen bei Dieselfahrzeugen entwickelt, eingesetzt, verfeinert und vertuscht hat. So stellt sich VW allen Ernstes die Aufklärung des Abgasskandals vor. Es handelt sich um jene "Darstellung der Fakten", die das US-Justizministerium kürzlich nach einem Vergleich mit dem Konzern über Strafzahlungen in Milliardenhöhe veröffentlich hat. Mehr gibt es aus Sicht von Volkswagen nicht zu sagen.

Das ist keine Aufklärung, das ist eine Farce. Das ist der billige und dreiste Versuch, die Affäre kleinzureden und sich aus der Verantwortung zu stehlen. Bliebe es dabei, dann wären vor allem sechs Personen an dem Betrug schuld: A, B, C, D, E und F, die in dem Bericht nur verschlüsselt aufgeführt sind und deren Namen VW nicht nennt, obwohl sie sich leicht entschlüsseln ließen. Irgendwer halt.

"Dieselkrise", "Dieselthematik": So verharmlosen die VW-Manager den Betrug

Mit dieser Veröffentlichung, teilt VW mit, erübrige es sich, einen eigenen, separaten Bericht anzufertigen und zu präsentieren. Genau das hatte die Konzernspitze um Vorstandschef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch einst in Aussicht gestellt; auf Basis eigener Untersuchungen. Aber nun liege ja der US-Bericht vor, der die Untersuchungsergebnisse beinhalte, erklärt VW. Doch das sind keine vollständigen Ergebnisse.

A bis F schuld, Akte zu, Affäre erledigt? So stellen sich Müller und Pötsch offenbar den Umgang des Konzerns mit dem Betrug vor. So heißen das wohl die VW-Hauptinhaber gut, die Familien Porsche und Piëch. So nehmen das ersichtlich Mitaktionär Niedersachsen, Betriebsrat und IG Metall hin, die auch im Aufsichtsrat vertreten sind. Und das sehr prominent, mit Ministerpräsident Stephan Weil, Betriebsratschef Bernd Osterloh und IG-Metall-Vorsitzender Jörg Hofmann. Was Müller und Pötsch, die Porsches und Piëchs, Weil, Osterloh und Hofmann ganz offenkundig betreiben oder geschehen lassen, ist ein verantwortungsloser Umgang mit den 600 000 Beschäftigten, mit Millionen getäuschter Kunden und mit den anderen Aktionären. Das macht alles nur noch schlimmer. Das wirkt so, als folge auf die erste Vertuschung des Betrugs nun ein zweiter Versuch der Vertuschung. Der Versuch zu verschleiern, wer letztlich für die Affäre und den horrenden Schaden in Höhe von bereits jetzt etwa 20 Milliarden Euro verantwortlich ist.

Die Belegschaft, die getäuschten Kunden und die vielen Mitaktionäre haben ein Recht darauf, dass vollständig aufgeklärt wird. Dass die zentrale Frage beantwortet wird: Was wusste die damalige Konzernspitze um Vorstandschef Martin Winterkorn von den manipulierten Schadstoffmessungen? Winterkorn weist alle Vorwürfe zurück. Aber es gibt Spuren, die zu ihm führen. Spuren, denen Staatsanwälte in Deutschland und in den USA nachgehen. Spuren, denen auch VW nachgehen müsste. Doch der Konzern lässt offen, ob er die Affäre überhaupt weiter untersucht. Das werde "zu entscheiden sein", nachdem der Vergleich mit der US-Justiz wirksam geworden sei.

Alle Bemühungen von Winterkorns Nachfolger Müller um eine neue Unternehmenskultur wären am Ende unglaubhaft, wenn VW nicht alles daransetzte, die Affäre selbst vollständig aufzuklären. Wie will Müller der Belegschaft den Neuanfang vermitteln, wenn die alte Konzernspitze geschont würde? Dieser gehörte auch Aufsichtsratschef Pötsch an, als Finanzvorstand, der mitverantwortlich war, die Aktionäre korrekt zu informieren. Viele große und kleine Anleger, die sich von Winterkorn und Pötsch hintergangen sehen, verklagen VW auf Schadenersatz in Milliardenhöhe. Diese Aktionäre werden sich gegen jeden Versuch wehren, die Affäre zu den Akten zu legen. Dass die Konzernspitze genau dies vorhat, zeichnet sich immer deutlicher ab.

VW will Millionen Dokumente unter Verschluss halten, die der US-Justiz zur Abgasaffäre vorliegen. Der Konzern will sich bei Millionen betroffenen Kunden außerhalb der USA - das legen Prozessakten nahe - trickreich in die Verjährung retten, um keinen Schadenersatz zahlen zu müssen. Diese Taktik in der "Dieselkrise" und "Dieselthematik", wie Müller und Pötsch den Betrug verharmlosen, wird nur eines zur Folge haben: Jahrelange Prozesse. VW wird nicht zur Ruhe kommen, zum Schaden von Konzern und Belegschaft. Weil Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptaktionäre den falschen Kurs einschlagen. Weil sie versagen.