Kluft zwischen Arm und Reich Ungleichheit kann auch etwas Gutes sein

Wohnen in Untergiesing (l.) und in Obergiesing (r.): keine 10 Minuten Fußweg trennen diese Wohnhäuser.

(Foto: Jessy Asmus)

Die Unterschiede zwischen Arm und Reich gehen weltweit zurück - entgegen dem allgemeinen Vorurteil. Und es zeigt sich: Radikale Umverteilung bringt gar nichts.

Kommentar von Nikolaus Piper

Dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, gehört zum als gesichert geglaubten Wissen vieler Menschen. Die Überzeugung prägt politische Programme und das gesellschaftliche Klima. Immer wieder gibt es Nachrichten, die das Bild zu bestätigen scheinen. Gerade veröffentlichte die Unternehmensberatung BCG in New York und Zürich ihren neuen Global Wealth Report. Sollten die BCG-Leute recht haben, dann wird im Jahr 2021, also in gerade einmal fünf Jahren, 51 Prozent des Weltfinanzvermögens in den Händen von Millionären sein werden (heute sind es 45 Prozent).

Das Problem mit solchen Zahlen ist, dass sie die sehr komplexe Wirklichkeit der internationalen Einkommens- und Vermögensverteilung nicht wiedergeben. Zum Beispiel, dass die Ungleichheit der Einkommen (im Gegensatz zu den Finanzvermögen) weltweit seit Jahren schon sinkt und nicht etwa steigt. Maßstab dafür ist der Koeffizient, den der italienische Soziologe und Statistiker Corrado Gini 1912 erfunden hat. Wenn alle Mitglieder der Gesellschaft genau gleich viel Geld verdienen, liegt der Gini-Koeffizient bei null, bekommt einer alles, ist der Wert 100. Die Wirklichkeit liegt immer irgendwo dazwischen. Nach Zahlen, die der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, veröffentlichte, sank der globale Gini-Koeffizient in den 20 Jahren zwischen 1988 bis 2008 signifikant von 74 auf 69. Wichtigste Ursache dieser Entwicklung ist der Aufstieg einer neuen globalen Mittelklasse außerhalb der alten Industrieländer.

Nein, acht Menschen besitzen nicht so viel wie die Hälfte der Welt

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Nach einer neuen Studie der Brookings Institution gehören heute 3,5 Milliarden Menschen zu dieser Schicht, knapp die Hälfte der Weltbevölkerung. Besonders in Asien ist die Mitte der Einkommenspyramide noch schneller gewachsen, als bis vor Kurzem erwartet. Man muss nicht nach China, Indien oder Indonesien reisen, um diese epochale Veränderung wahrzunehmen, es reicht ein Gang durch die Münchner Fußgängerzone, wo unzählige Touristen aus diesen Ländern ihr Geld ausgeben. Und es ist nicht nur die Mittelschicht. Der Kampf gegen die Armut war erstaunlich erfolgreich. Noch nie in der jüngeren Geschichte gab es im Verhältnis weniger Menschen, die mit unter 1,90 Dollar am Tag auskommen mussten. Diese Wirklichkeit kommt nur schwer gegen das Klischee von der verarmenden Dritten Welt an.

Trotzdem ist klar, dass die Ungleichheit weiter sinken muss, wenn die Welt ein friedlicherer Platz werden soll. Eine kritische Frage ist dabei, wie sich Gleichheit und Ungleichheit auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken. Augenfällig sind die vielen Beispiele, in denen Ungleichheit die Unterentwicklung perpetuiert: Bolivien (Gini-Koeffizient 56,3), Paraguay (52,4), Haiti (59,2). Andererseits ist eine gleichmäßigere Einkommensverteilung kein Garant für Fortschritt. In Afghanistan haben die Statistiker mit 27,8 einen niedrigeren Gini gemessen als in Deutschland (28,3). Der sagt überhaupt nichts aus über die Zukunftschancen des Landes. Die Zahlen stammen von den Vereinten Nationen und beziehen sich auf das Jahr 2013.

Mehr Ungleichheit kann einem Land auch nutzen

Jetzt hat Francesco Grigoli, ein junger Ökonom beim Internationalen Währungsfonds, versucht, den Zusammenhang genauer zu ergründen. Er untersuchte die Einkommensverteilung in 77 Ländern und kam zu zwei bemerkenswerten Ergebnissen: Erstens gibt es so etwas wie einen mittleren Gini. Er liegt bei 27, also etwas niedriger als in Deutschland. Wird der Wert höher, schadet die Ungleichheit dem wirtschaftlichen Fortschritt, liegt er darunter, könnte mehr Ungleichheit dem Land nutzen. Als Beispiel dafür nennt Grigoli Finnland. Zweitens gibt es einen inequality overhang, was bedeutet, dass zunehmende Ungleichheit umso mehr schadet, je ungleicher eine Gesellschaft bereits ist.

Die ökonomische Logik hinter Grigolis Studie ist einfach. Damit überhaupt wirtschaftliche Entwicklung in Gang kommt, ist eine gewisse Konzentration von Kapital nötig, das dann in Unternehmen und Arbeitsplätze fließen kann. Wird die Ungleichheit größer, dann hören mehr und mehr Reiche auf, produktiv zu investieren, sondern betreiben das, was der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz "rent seeking" nennt: Sie nutzen ihr Talent für das Streben nach leistungslosen Einkommen, legal und oft auch illegal, durch Druck auf Politiker, durch Steueroptimierung oder die Flucht in Steueroasen. IWF-Ökonom Grigoli schreibt: "Wenn die Einkommen in den Händen weniger reicher Individuen konzentriert sind, kann dies zu geringerer Nachfrage seitens der breiten Bevölkerung und geringeren Investitionen in Gesundheit und Bildung führen, was dem langfristigen Wachstum schadet."

Aber was sollen Politiker mit diesen Erkenntnissen anfangen? Etwa die Staats-und Regierungschefs der G-20-Staaten, die sich Anfang Juli in Hamburg treffen werden, unter anderem um Afrika beim wirtschaftlichen Aufstieg zu helfen. Grigoli ist, wie viele Ökonomen, sehr zaghaft, wenn es um konkrete Vorschläge geht. Helfen würde es, sagt er, wenn die breite Bevölkerung besseren Zugang zu Finanzdiensten hätte, um sparen und investieren zu können. Das könnte aber auch nach hinten losgehen, wenn etwa einfache Leute von den Banken diskriminiert werden oder wenn sie sich überschulden. Auf jeden Fall richtig sei es aber, wenn der Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt verbessert werde. Dies erhöht den Talentpool der Volkswirtschaft und mindert die negativen Folgen der Ungleichheit.

Was ganz sicher nicht funktioniert, ist radikale Umverteilung. Die sozialistischen Führer von Venezuela schöpften von der Wirtschaft ab, was sie konnten und verteilten es an einen Teil der Armen und sich selbst. Heute steht das einst relativ wohlhabende Land vor dem politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch.

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