Klimaschutz Kemferts Rechnung

Die Ökonomin Claudia Kemfert appelliert an die Verbraucher: 70 Cent am Tag reichen, um das Klima zu retten. Nur leider hat sie ihre Rechnung ohne China und Michael Glos gemacht.

Von Stephanie Sartor, Berlin

Ein neuer Toyota Prius kostet etwa 25.000 Euro. Das ist viel Geld. Dagegen stellt Claudia Kemfert 70 Cent. 70 Cent pro Tag soll der Verbraucher am Tag bewusst für den Klimaschutz ausgeben - für Ökostrom, regionale Produkte oder eben für ein Hybridauto. So wünscht es sich jedenfalls die Ökonomin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Autorin des Buches "Die andere Klima-Zukunft: Innovation statt Depression".

Doch die Öko-Rechnung geht nicht auf: Wer täglich 70 Cent spart und sie nicht in Energiesparlampen oder Bio-Äpfel investiert, muss fast 100 Jahre warten, bis er genug Geld für den Prius zusammen hat. Angesichts energiehungriger Nationen wie China oder den USA könnte es dann aber zu spät sein für den Klimaschutz. Und ob Menschen sich mit weit über 100 Jahren noch hinters Steuer setzen sollten, ist eine ganz andere Frage.

Aufrütteln, informieren, begeistern

Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) ist trotzdem begeistert und freut sich sichtlich über den Optimismus der blonden Volkswirtin, die bei der Pressekonferenz lächelnd neben ihm sitzt. "Sie prophezeien nicht den Weltuntergang, sondern führen eine Diskussion auf sachlicher Ebene", lobt er Kemferts Buch. Und dass das Werk zudem leicht zu lesen sei, da auf kompliziertes Fachvokabular weitgehend verzichtet werde, gefällt dem gelernten Müller auch.

Die Idee der Volkswirtin, die Gelder für die Erforschung neuer Technologien zu erhöhen, abgezogen aus den 2,7 Milliarden Euro, die derzeit noch in die Kohlesubvention fließen, nimmt er dagegen erst einmal schweigend zur Kenntnis.

Es geht ja auch ums Geldausgeben, da werden Politiker immer ziemlich leise. Trotzdem reicht es für eine Floskel: "Je eher wir mit dem Klimaschutz anfangen, desto günstiger wird er", sagt Glos. Und darum dürfte es dem Wirtschaftsminister vorrangig gehen.

Für Claudia Kemfert geht es um etwas Anderes. Sie will informieren und die Konsumenten aufrütteln, klimabewusst zu leben. Immer wieder verweist sie auf die magische Zahl: 70 Cent am Tag - sie meint das Ernst.

Verpuffte Glaubwürdigkeit

Doch die Rechnung geht schon wieder nicht auf: Selbst wenn die Deutschen mehr als 70 Cent investieren, wenn sie ausschließlich heimische Produkte kaufen, das Geld in ein Bahnticket investieren anstatt im Flieger nach Hawai zu düsen, Energiesparlampen benutzen und mehr Bio-Waren kaufen - unterm Strich wird es nicht reichen. Das muss sich auch die optimistische Claudia Kemfert eingestehen: "Wir in Deutschland alleine können das Klima nicht retten, wir müssen die USA und China überzeugen."

Das könnte ein Problem werden. Doch Kemfert zeigt sich entschlossen: "Die Lösung liegt in der Technologie. Mit effizienten Produkten werden wir auch die USA und China an Bord bekommen." Momentan geht die Entwicklung allerdings noch in die andere Richtung: Im Schnitt geht in China alle drei Tage ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Über sechs Milliarden Tonnen CO2 sind im vergangenen Jahr im Reich der Mitte ausgestoßen worden, in Deutschland waren es gerade einmal 800 Millionen. Und auch die USA pumpen mehr als sechs Milliarden Tonnen CO2 jährlich in die Atmosphäre. Dazu kommt: In Deutschland sinken die Werte - in China und Nordamerika nicht.

Angesichts solcher Zahlen wird es schwierig, die Deutschen zu überzeugen, 100 Jahre lang auf ein Hybridauto zu sparen. Wirtschaftsminister Glos scheint davon auch nichts zu halten. Am Ende der Pressekonferenz steigt er in seine silbergraue bayerische Limosine - mit über 200 PS und einem Verbrauch von mehr als zehn Litern alles andere als umweltfreundlich. Und so verpufft die Glaubwürdigkeit mit den Abgasen in der warmen Berliner Nachmittagsluft.

Das Kabinett und seine Karossen

mehr...