Ein trauriger Beleg für Deutschlands Kinderfeindlichkeit, so beklagen viele Ärzte, ist die Anwendung von Arzneimitteln für Erwachsene bei Kindern und Jugendlichen.
80 Prozent aller Medikamente, die Minderjährigen in Krankenhäusern verabreicht werden, seien für diese nicht zugelassen, moniert Hannsjörg Seyberth, Direktor der Marburger Universitäts-Kinderklinik.
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Auch für die 6800 niedergelassenen Kinderärzte ist das ein Problem: 10 bis 20 Prozent der im ambulanten Bereich eingesetzten Mittel sind nicht auf Kinder zugeschnitten.
Sie wurden nur an Erwachsenen getestet - es gibt kaum Studien mit Kindern. "Kinder und Jugendliche sind Patienten zweiter Klasse", moniert Seyberth bei einem Expertengespräch der Firma Hexal.
Dabei ist die Verabreichung ungetesteter Mittel nicht ungefährlich: Der Stoffwechsel eines Kindes lässt sich nur schwer mit dem eines Erwachsenen vergleichen. Die Arzneimittel werden je nach Alter unterschiedlich abgebaut: Ein Baby braucht eine andere Dosierung als ein Teenager.
"Therapeutische Waisen"
Auch die Entwicklung kindgerechter Formen wie Säfte oder Lutschtabletten werde vernachlässigt, kritisiert Dietrich Reinhardt, Direktor des Haunerschen Kinderspitals an der Universität München. "Ein Neugeborenes schluckt keine Kapsel", so Reinhardt.
Das Fazit der Mediziner: Die Situation ist geprägt von der Angst der Eltern und der rechtlichen Grauzone der Ärzte. Diese dürfen nach eigenem Ermessen verabreichen, laufen aber Gefahr, im Unglücksfall gemeinsam mit dem Hersteller zu haften.
Gründe für die Misere gibt es mehrere. So genießen Kinder und Jugendliche per Gesetz besonderen Schutz, der sich auch auf Arzneimittel-Studien auswirkt.
Bis zum August durften Kinder, anders als Erwachsene, nur dann an Studien teilnehmen, wenn ein therapeutischer Nutzen für die Testperson als wahrscheinlich galt. Im März hat die rot-grüne Regierung das Arzneimittelgesetz angepasst (12.AMG-Novelle).
Danach dürfen kranke Kinder auch dann an Studien mitwirken, wenn sie "für die Gruppe der Patienten, die an der gleichen Krankheit leiden wie die betroffene Person, mit einem direkten Nutzen verbunden" ist.
Voraussetzung ist, dass Eltern und Kind - soweit es sich artikulieren kann - einwilligen. Der gut gemeinte Schutz, so Kinderarzt Reinhardt, mache Kinder zu "therapeutischen Waisen".
Aber die Novelle des Arzneimittelgesetzes, sagt Andreas Franken vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller, habe "nicht viel gebracht". Schuld daran sei das fehlende Geld. "Der Markt der Kinderarzneien ist zu klein", beklagt Reinhardt.
So betrugen 2003 die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen für Medikamente 24,2 Milliarden Euro. Nur fünf bis zehn Prozent der Ausgaben, also 1,2 und 2,4 Milliarden Euro, wurden für Kinderarznei ausgegeben.
Dies ist zu wenig, um die Pharma-Industrie zu locken. Die Konzerne scheuen die bis zu 800 Dollar teuren komplexen Tests, da die Medikamente später nur wenig Umsatz bringen.
Eine Lösung kommt aus den Vereinigten Staaten: Dort wird die Pachtlaufzeit eines Medikaments um ein halbes Jahr verlängert, wenn die Hersteller die darin enthaltenen Wirkstoffe an Kindern und Jugendlichen testen. So können die Firmen die Zeit verlängern, in der sie allein an dem Medikament verdienen dürfen.
Die Folge: Deutlich mehr Kinderarznei sind in den letzten Jahren zugelassen worden. Dieser finanzielle Anreiz, so meint auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde, könnte auch hierzulande für sichere Kinderarznei sorgen.
(SZ vom 24.09.2004)
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