Von Guido Bohsem, Berlin

Krankenkassen und Ärzte schließen immer öfter Verträge auf eigene Faust. Kassenärzte protestieren - und sehen die medizinische Versorgung gefährdet.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht die flächendeckende medizinische Versorgung in Deutschland gefährdet, weil immer mehr Kassen und Ärztegruppen auf eigene Faust Behandlungsverträge schließen. "Obwohl sich alle darauf verlassen, wird das Sicherheitsnetz der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) immer weiter durchlöchert", sagte KBV-Chef Andreas Köhler der Süddeutschen Zeitung. Seine Organisation werde daher zu Beginn des Ärztetags kommende Woche in Mainz die Politik zu einem klaren Bekenntnis für das KV-System und den sogenannten Kollektivvertrag auffordern.

Ärzte, ap

Die deutsche Krankenversorgung steht in der Kritik: "Obwohl sich alle darauf verlassen, wird das Sicherheitsnetz der Kassenärztlichen Vereinigung immer weiter durchlöchert." (© Foto: ap)

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Der Kollektivvertrag ist ein Kernelement der medizinischen Versorgung in Deutschland. Mit ihm wird zwischen KBV und ihren regionalen Ablegern und den Krankenkassen die Honorierung der niedergelassenen Ärzte geregelt. Das System gilt als Voraussetzung dafür, dass jeder Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung seinen Arzt gegen Vorlage seiner Versichertenkarte frei aussuchen kann. Die Abrechnung übernehmen dann KV und Kassen. Der KV fällt zudem die Aufgabe zu, für ein ausreichendes Angebot von Arztpraxen und Notfalldiensten zu sorgen.

Lotsen im System

Köhler hält insbesondere Letzteres für gefährdet, weil den KVen durch die Direktverträge die Grundlage für ihre Arbeit entzogen werden. "Schon jetzt klaffen in unserem Sicherheitsnetz zwei riesige Löcher, das sind die Hausarztverträge in Baden-Württemberg und Bayern", betonte er. Die AOK in beiden Ländern hat mit den Hausärzten einen Honorarvertrag abgeschlossen, der für die Mediziner lukrativer ist als der Kollektivvertrag.

Der Umbruch im System geht auf die Gesundheitsreform der großen Koalition zurück, die den Kassen vorschreibt, mit den Hausärzten bis zum Sommer solche Verträge abzuschließen. Damit soll die Rolle dieser Mediziner als Lotse im System gestärkt und mehr Wettbewerb und Transparenz erreicht werden. Derzeit erwägen SPD und Union, den Abschluss der Verträge weiter zu erleichtern. Sie wollen zulassen, dass die Abrechnung der Ärztehonorare von privaten Anbietern abgewickelt werden kann. Dies ist derzeit wegen der sensiblen Daten nur Körperschaften des öffentlichen Rechts erlaubt, also den KVen.

Köhler appellierte an die Politik, diese Vorgaben zu überdenken. "Allen muss klar werden, dass das Netz nicht mehr funktioniert, wenn die tragfähigsten Stücke herausgeschnitten werden", sagte er. Die Versicherten müssten wissen, dass die Einzelverträge nicht gewährleisten könnten, dass alle weiter unabhängig von sozialem Status, von Kasse und Wohnort den gleichen Zugang zur ärztlichen Versorgung haben.

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(SZ vom 16./17.05.2009/lauc/mel)