Kartellverdacht Razzia bei Zuckerfirmen

Verbraucher könnten jahrelang zu viel für Süßigkeiten bezahlt haben: Die EU-Kommission verdächtigt Firmen wie Nordzucker und Südzucker der Preiseabgesprache. Dabei ist der Markt eh schon problematisch.

Von Silvia Liebrich

Erst Kartoffeln, dann Ölprodukte und nun auch noch Zucker. Im Kampf gegen angeblich überhöhte Preise und Wettbewerbsverzerrungen haben Ermittler der EU und in Deutschland in den vergangenen Tagen gleich mehrfach zugeschlagen und Firmen durchsucht. Auch europäische Zuckerhersteller bekamen unangenehmen Besuch. Betroffen davon waren auch die deutschen Konzerne Südzucker und Nordzucker, die zusammen etwa 40 Prozent des europäischen Marktes beliefern. Das bestätigen beide Firmen.

Der Verdacht der EU-Kommission: Zuckerproduzenten könnten ein illegales Kartell gebildet haben. Firmen in Deutschland, Ungarn, Lettland und Rumänien sollen von 2004 bis 2011 Preise für Weißzucker abgesprochen haben.

Bestätigt sich der Vorwurf, dann hätten Verbraucher in ganz Europa in der Vergangenheit möglicherweise zu viel für Zucker und Süßwaren gezahlt. Dabei geht es zwar für den Einzelnen um kleine Beträge, die sich jedoch unter dem Strich summieren. 36 Kilogramm Zucker isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr, zum Süßen von Kaffee oder verarbeitet in Kuchen, Schokolade oder Getränken. Das entspricht einem Jahresverbrauch von knapp drei Millionen Tonnen in Deutschland. Ein Kilogramm-Paket weißer Zucker kostet im deutschen Handel zwischen 60 Cent und einem Euro. Ein Verstoß gegen Wettbewerbsrecht könnte für die Zuckerfirmen teuer werden. Europäisches Kartellrecht sieht Strafen von bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes vor.

Bei Südzucker sieht man den Ermittlungen trotzdem gelassen entgegen. "Wir gehen davon aus, dass die Untersuchung keine negativen Auswirkungen auf unser Unternehmen hat", sagte ein Firmensprecher am Donnerstag. Nach seinen Angaben klopften die Ermittler bereits Ende April an und legten ein Schreiben vor, in dem es hieß, Südzucker habe sich wettbewerbswidrig verhalten. Für Europas größten Zuckerproduzenten kam die Razzia der EUKartellwächter nicht gerade zu einem günstigen Zeitpunkt. Das Unternehmen präsentierte am Donnerstag einen Rekordgewinn von knapp einer Milliarde Euro für das vergangene Geschäftsjahr, bei einem Umsatz von knapp acht Milliarden.

Dass der Wettbewerb auf dem europäischen Zuckermarkt nur eingeschränkt funktioniert, ist bekannt und politisch so gewollt. Ein Grund dafür ist die strenge Quotenregelung innerhalb der EU. Die schreibt etwa vor, dass nur 85 Prozent des in der EU verarbeiteten Zuckers aus Europa stammen dürfen. Die restlichen 15 Prozent müssen von Lieferanten aus unterentwickelten Ländern - Afrika, Asien oder Südamerika - kommen. Zuckerrübenbauern bekommen zudem einen Mindestpreis für ihre Zuckerrüben garantiert. In Deutschland sind das knapp 27 Euro pro Tonne. Das ist der Betrag, den Abnehmer wie Südzucker oder Nordzucker an die Bauern zahlen müssen. 2012 bekamen die Erzeuger allerdings nach einer guten Ernte deutlich mehr, zwischen 45 und 50 Euro je Tonne. Das waren die höchsten Preise seit der Marktreform von 2006. Auch gibt es strikte Mengenkontingente. Ein Bauer darf also nicht einfach so viele Zuckerrüben anbauen und verkaufen, wie er will.

Weil der europäische Zuckermarkt so stark reglementiert ist, wird der Rohstoff kaum an den Börsen gehandelt. Das Geschäft mit dem Dickmacher wird auf direktem Weg abgewickelt. Rübenbauern verkaufen ihre Ware an Produzenten wie Südzucker. Verarbeiter aus der Lebensmittelindustrie - etwa Gummibärchen- oder Limonadenhersteller - kaufen Zucker direkt bei den Produzenten oder Zwischenhändlern ein. Und die legen letztendlich auch die Preise fest, die zeitweise deutlich von den Weltmarktpreisen abweichen. Der Prozess der Preisbildung ist nicht nur intransparent, sondern auch deshalb problematisch, weil die sechs größten Zuckerkonzerne zusammen auf einen Anteil von 80 Prozent am EU-Markt kommen. Das entspricht ungefähr den Strukturen auf dem deutschen Tankstellenmarkt, der von fünf Anbietern dominiert wird. Das Bundeskartellamt kommt hier zu dem Schluss, dass die geringe Anzahl der Anbieter dazu führt, dass der Wettbewerb an der Zapfsäule eingeschränkt ist. Das dürfte auch für den europäischen Zuckermarkt gelten.

Vor allem die Lebensmittelindustrie sieht sich durch die Marktmacht der großen Zuckerkonzerne benachteiligt und hat dagegen in den vergangenen Jahren immer wieder protestiert. EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia hat die Branche deshalb schon länger im Visier. Er erklärte am Dienstagabend, die Behörde habe mehrere Unternehmen durchsucht. Wie viele genau, wollte er nicht sagen. Nach Brancheninformationen soll es um sechs europäische Zuckerproduzenten gehen. Die EU-Kommission hat laut Almunia schon vor längerer Zeit eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die Beschwerden über unfaire Handelspraktiken in der Zuckerbranche nachgehen soll.