Autokartell Deutscher Autoindustrie droht Klagewelle von Käufern

Erfolgsmodelle auf dem Schrottplatz: Die deutsche Autoindustrie wehrt sich gegen den Vorwurf von Preisabsprachen in den Neunzigerjahren.

(Foto: Florian Peljak)
  • Die deutsche Autobranche steht nach Vorwürfen zu jahrzehntelangen rechtswidrigen Preisabsprachen in der Kritik.
  • Verbaucherschützer rechnen mit einer Klagewelle durch Autokäufer. Sie wollen, dass die Regierung eine Musterklage möglich macht.
  • Die Politik drängt derweil auf Transparenz und fordert Kooperation mit staatlichen Stellen von den Autobauern.
Von Thomas Fromm, Klaus Ott, München, und Thomas Öchsner, Berlin

Der deutschen Autoindustrie droht wegen des Kartells, das die großen Hersteller gebildet haben sollen, eine Klagewelle bei den Gerichten. Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller rechnet mit Zehntausenden Verfahren, in denen Autokäufer Schadenersatz für überteuerte Fahrzeuge verlangen werden. Wegen der offenkundigen Absprachen der Hersteller hätten viele Kunden einen "möglicherweise viel zu hohen Preis" für ihre Autos gezahlt, sagte Müller am Sonntag der Süddeutschen Zeitung.

Der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen wies auf die Selbstanzeigen von Daimler und Volkswagen bei den Wettbewerbsbehörden hin. Darin schildern die beiden Konzerne, wie sich Automanager der fünf führenden Marken VW, Audi, Porsche, BMW und Mercedes-Benz jahrelang in geheimen Zirkeln über ihre Fahrzeuge, über Kosten, Zulieferer und auch über die Tricksereien mit den Diesel-Abgasen abgesprochen haben.

EU-Kommission und Bundeskartellamt prüfen deshalb, ob die Autohersteller gegen das Kartellverbot verstoßen haben. Es drohen neuen Milliardenstrafen. Die Branche, deren Vertreter zu den neuen Vorwürfen bislang schweigen, steht bereits wegen der Diesel-Abgasaffäre unter Druck.

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Zypries: "Zeit der Salamitaktik muss vorbei sein"

Die Verbraucherzentrale drängt nun darauf, per Gesetz eine Musterklage möglich zu machen, damit mutmaßlich betrogene Kunden nicht einzeln vor Gericht gehen müssen, sondern sich zusammentun können. Das gehöre zu den ersten Aufgaben der künftigen Regierung nach der Bundestagswahl im September, sagte Müller.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) forderten, die Vorwürfe wegen des Verdachts jahrelanger illegaler Absprachen schnell aufzuklären. "Alle sind gut beraten, jetzt mit den staatlichen Stellen zu kooperieren und für Transparenz zu sorgen. Die Zeit der Salamitaktik muss endgültig vorbei sein", sagte Zypries.

Es gehe um nichts weniger als die Glaubwürdigkeit der deutschen Automobilindustrie. Die Grünen verlangten eine Sondersitzung des Verkehrsausschusses im Bundestag noch vor dem nationalem Diesel-Gipfel am 2. August, bei dem Bund, Länder und Autokonzerne über Schritte gegen zu hohe Diesel-Abgaswerte beraten.

VW-Vorstand soll sich gegenüber der Belegschaft erklären

Wegen Dieselaffäre und Kartellverdachts verschärft sich auch der Ton in der Autoindustrie. Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück erhob schwere Vorwürfe gegen die VW-Konzernschwester Audi. Er forderte, Vorstände freizustellen, und sagte der Bild am Sonntag: "Ich werde es nicht zulassen, dass Porsche durch Tricksereien von Audi in Gefahr gerät." Man fühle sich "von Audi betrogen".

Der VW-Betriebsrat pocht wegen der mögliche Kartellabsprachen auf eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung in dieser Woche. "Wir erwarten auch, dass sich der Vorstand gegenüber den Belegschaften erklärt", sagte ein Betriebsrats-Sprecher. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Mitglied des VW-Aufsichtsrates, verlangte von der Konzernleitung Aufklärung.

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