Von Von Stefan Weber

Die Krise von Karstadt-Quelle ist auch ein Ergebnis der Ansiedlungspolitik der Kommunen. Die bevorzugten bislang Kaufhäuser auf der grünen Wiese gegenüber Standorten in der Innenstadt.

Außergewöhnliche Ereignisse fördern mitunter Bündnisse, die zuvor nie denkbar waren. So schlägt sich der Handelsverband BAG in der Diskussion über die Krise seines prominenten Mitglieds Karstadt-Quelle ausgerechnet auf die Seite von Bündnis 90/Die Grünen.

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An deren Politik hatte Johann Hellwege, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, zuvor selten ein gutes Haar gelassen. Jetzt, wo es darum geht, die Folgen des Ausverkaufs beim größten europäischen Warenhaus- und Versandkonzern zu mildern, zieht Hellwege mit Fritz Kuhn, dem Wirtschaftsexperten der Grünen, an einem Strang. Ihr Anliegen ist die Wiederbelebung der Innenstädte. "Wer jetzt einen möglichen Rückzug des Einzelhandels aus der Stadt beklagt, muss sich fragen lassen, was er in der Vergangenheit zum Wohlergehen des innerstädtischen Einzelhandels beigetragen hat", betont der BAG-Hauptgeschäftsführer.

Möglichst rasch verkaufen

Diese Fragen stellt Helmut Merkel, der Vorstandsvorsitzende der Karstadt Warenhaus AG, in diesen Tagen auch all jenen Bürgermeistern, die aus Sorge um den Fortbestand eines Karstadt-Warenhauses in ihrer Stadt in der Essener Konzernzentrale vorsprechen. Zwar wird die Handelsgruppe 77 Filialen mit einer Verkaufsfläche von weniger als 8000 Quadratmetern nicht schließen. Aber die Häuser werden in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert - mit dem Ziel, sie möglichst rasch zu verkaufen.

"Früher haben die Kommunen Projekte auf der grünen Wiese gefördert und damit dafür gesorgt, dass Kaufkraft aus den Innenstädten abfließt. Jetzt klagen sie darüber, dass die City verödet, weil Karstadt die Konsequenzen zieht und Warenhäuser in Mittelstädten abgeben will", sagte Merkel der Süddeutschen Zeitung. Die Besucherfrequenz in den Innenstädten gehe nicht deswegen zurück, weil sich Karstadt zurückziehe.

Der Grund dafür sei vielmehr die Expansion der Verkaufsflächen vor den Toren der Städte. Das Karstadt-Haus im niederrheinischen Geldern sei ein typischer Fall, so Merkel. Mit einer Verkaufsfläche von nur 1200 Quadratmetern und 27 Mitarbeitern gehört die Filiale zu den kleinsten Standorten des Konzerns.

Nischen besser besetzen

Sie arbeite profitabel, muss aber um den Kundenzuspruch fürchten, wenn in Kürze am Stadtrand ein Einkaufszentrum eröffnet. Wie seine Kollegen in den anderen Warenhäusern soll der Geschäftsführer der Gelderner Filiale künftig einen größeren Freiraum bei der Zusammenstellung der Sortimente erhalten. "In der Vergangenheit sind wir zu wenig auf die lokalen Bedürfnisse eingegangen. In Zukunft werden wir Nischen besser besetzen", sagt Merkel.

Ein neuer Auftritt des Karstadt-Warenhauses in Geldern oder anderenorts wird nicht ausreichen, die Innenstädte wiederzubeleben. BAG-Hauptgeschäftsführer Hellwege sieht die Schieflage der Handelsgruppe deshalb als Chance, mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema herzustellen.

Vom Shopping- zum Seniorenzentrum

"Seit langem steht der Einzelhandel in der City in kaum zu gewinnender Konkurrenz zu der ungleich kostengünstigeren grünen Wiese", sagt er. Die Bundesregierung sei gefordert, eine weitere Stadtflucht zu verhindern, etwa über eine Reform von Eigenheimzulage und Entfernungspauschale.

Dass sich BAG-Präsident Walter Deuss in dieser Diskussion im Hintergrund hält, hat seinen Grund. Schließlich war er viele Jahre Vorstandsvorsitzender des Karstadt-Quelle-Konzerns und hat es versäumt, Konsequenzen aus der schwindenden Magnetkraft der Innenstädte zu ziehen.

Für die Mehrzahl der 77 zum Verkauf stehenden Karstadt-Warenhäuser werden alle Anstrengungen, Kaufkraft in die Innenstädte zu ziehen, zu spät kommen. Immobilienfachleute schätzen, dass allenfalls zwei Drittel der Filialen eine Zukunft als Einzelhandelsstandort besitzen. Für die anderen werden alternative Nutzungsmöglichkeiten diskutiert, etwa als Seniorenzentren.

(SZ vom 5.10.2004)

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