Kapitalismuskritik als Comic Der Held ist das Geld

Wie genügsam sich das Kapital anschickt und nur den ihm zustehenden Teil fordert.

(Foto: 2012 Futuropolis et Arte Édition)

Wer trägt die Schuld an der Finanzkrise? Natürlich der böse Kapitalismus. Das behauptet zumindest der belgische Ökonom Paul Jorion in seinem Comic. Die Akteure sind ein Lego-Männchen, ein General und das Monopoly-Maskottchen.

Von Daniel Wüllner

Lange hat es gedauert, doch nun hat die Menschheit endlich ihr Ziel erreicht! Sie steht am Abgrund und wundert sich über die Endzeitstimmung in den Nachrichten: steigender Meeresspiegel, Knappheit von Rohstoffen, atomare Katastrophen und Krieg. Schuld daran ist aber nicht die Spezies Mensch.

Schuld daran ist die Welt - oder vielmehr ihr Wirtschaftssystem. Zumindest wenn es nach dem Ökonomen Paul Jorion geht. Der Belgier schreibt als Wirtschaftskolumnist für Le Monde und hatte bereits 2004 die Subprime-Krise vorausgesagt. Gemeinsam mit dem Zeichner Grégory Maklès betrachtet Jorion in der Graphic Novel "Das Überleben der Spezies" die vermeintliche Wurzel allen Übels: den Kapitalismus.

Die historische Entstehung des Kapitalismus fasst Jorion auf nur wenigen Seiten zusammen. Die kondensierte Formel lautet: Arbeit generiert Überschuss. Diesen Überschuss gilt es zu verteilen. Aber wer bekommt wie viel vom Kuchen?

Wie soll der Profit unter Arbeitnehmer und Arbeitgeber verteilt werden?

(Foto: 2012 Futuropolis et Arte Édition)

Die Akteure in Jorions Kapitalismuskritik sind: ein Lego-Männchen, ein finsterer General und das Monopoly-Maskottchen. Das austauschbare Lego-Männchen symbolisiert die 99 Prozent. Eben jenen Teil der Bevölkerung, der die Arbeit leistet und das System am Laufen hält. Er bekommt fast nichts vom Kuchen. Der Arbeitgeber wird von Zeichner Maklès als skrupelloser General mit verspiegelter Sonnenbrille dargestellt, der die Arbeitnehmer antreibt und dafür abkassiert.

Der eigentliche Protagonist und Nutzniesser im perfiden Spiel von der Verteilung der Überschüsse ist das Kapital höchstselbst. Mit seinem schwarzen Zylinder und Cut und dem weißen Schnauzer verteidigt das kleine Männlein vehement seinen Anspruch. Das hat es spielend bei Monopoly gelernt: "Ich will alles". Gemeint ist damit das Geld. Und es bekommt was es will. Die ungerechte Verteilung wird zur Nebensache.

Jorion kritisiert dieses Unrecht nicht, versucht es erst gar nicht zu korrigieren. Er interessiert sich allein für das Kapital, den kleinen gierigen Herrn in Anzug und Zylinder. Eine Tour durch die Welt der Spekulationen und Finanzprodukte beginnt, in der das Geld nicht ruhen darf. Das ist verboten. Das Geld muss arbeiten. Überschüsse müssen investiert werden. Auf Nahrungsmittel und Aktienkurse muss spekuliert werden. Politiker wollen bestochen und Lobbyisten finanziert werden.

Immer schneller und aberwitziger dreht sich das Finanzkarussell im Comic - ohne das jede einzelne Aktion für sich allein unrealistisch wirkt. Immer wieder versuchen Figuren mit dem Kapital zu räsonieren: Warum das Geld nicht sinnvoll und nachhaltig investieren? Eine überzeugende Antwort hat das Monopoly-Maskottchen nicht, es ist viel zu sehr damit beschäftigt, wild zu spekulieren.

Geld treibt die Menschen auseinander.

(Foto: 2012 Futuropolis et Arte Édition)

Ohne zu verurteilen und ohne selbst die Antwort zu liefern, entlässt Jorion seine Leser. Er lässt sie mit dem Gefühl zurück, dass das Überleben der Spezies nicht von Ökonomen, Politikern oder Wirtschaftsweisen abhängt, sondern von jedem einzelnen Vertreter der Spezies Mensch.

"Das Überleben der Spezies" (24,99 Euro) von Paul Jorion und Grégory Maklès erscheint am 06.11.2014 bei Egmont Graphic Novel.