Kapitalismus und Sozialismus in Marzahn Wie es mit Marzahn weitergeht

Die Ahrensfelder Terrassen - "fast wie betreutes Wohnen", sagt eine Nachbarin.

(Foto: Hannah Beitzer)

Vor den Arkaden sitzt auch das Ehepaar Götte bei einem Bier, Nachbarn von Preussing. Beide sind sie in Berlin geboren, er in Neukölln, sie im Friedrichshain - ein west-ostdeutsches Liebespaar. Sie heirateten 1960, ein Jahr vor dem Bau der Mauer und wohnten zunächst in West-Berlin. 1969 zogen sie nach Stuttgart und blieben 40 Jahre dort. Dann kamen sie zurück nach Berlin, gemeinsam mit ihrer Tochter. Alle drei wohnen nun in Marzahn, nur die Enkeltochter lebt im Westberliner Stadtteil Wedding.

"Das Berlin, das wir 1969 verlassen haben, war ein anderes als heute", sagt er. Merken die Göttes denn überhaupt, dass sie heute im Osten leben, anders als nach ihrer Heirat? Sie nicken heftig. "In West-Berlin ist es heute viel schmutziger als hier", sagt sie und weist auf die Straße. Ganz so ist es natürlich in Wahrheit nicht, aber läuft man durch den urbanen und chaotischen Westberliner Stadtteil Neukölln, wo die Göttes früher lebten, oder den Wedding, wo heute ihre Enkeltochter wohnt, dann hat sie schon recht. Marzahn-Nord wirkt im Vergleich dazu verschlafen und friedlich. "Hier ist es fast wie Betreutes Wohnen, der Hausmeister kümmert sich um alles, die Wohnungen sind komplett neu, neue Türen, neue Fenster, neue Böden", sagt sie.

Marzahn Hills? Warum nicht!

Verwegener Plan: Schriftzug "Marzahn" in den Bergen.

(Foto: Nicole Mühlberg/Karoline Köber/dpa)

Vollkomfortwohnungen. Dieses alte DDR-Wort hängt in der Luft, während die Göttes aus dem Schwärmen nicht mehr rauskommen. Für das Ost-West-Berliner Ehepaar, frisch zurück aus Stuttgart, sind Sauberkeit und Bequemlichkeit heute ebenso wichtig wie für die junge Familie Preussing 1986. Preussings Frau starb 2008, sein Sohn macht gerade im Rahmen seines Studiums ein Praktikum in Bayern. Danach will er aber wieder zurückkommen nach Marzahn. "Immer wenn er Freunde in Prenzlauer Berg besucht, sagt er: Am schönsten ist es doch hier", sagt Preussing. Der Junge, der längst kein Junge mehr ist, ist im Stadtteil ebenso verwurzelt wie sein Vater. Er ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und hat bis auf das Praktikum immer bei seinem Vater gewohnt.

Seit einigen Jahren ziehen ohnehin wieder mehr Leute nach Marzahn, auch junge. Der Grund sind die hohen Mieten im Stadtzentrum. Und auch die Jungen wollen sich nicht mehr abfinden mit dem schlechten Ruf ihres Viertels. Seit 2006 betreiben Kinder aus Marzahn-Nord in einem alten Elfgeschosser die "Pension 7. Himmel", deren Gästen Preussing immer wieder mal Führungen anbietet. Und neulich hatten zwei Grafikerinnen eine neue Idee: In riesigen Lettern im Hollywood-Stil wollen sie "Marzahn" in die Ahrensfelder Berge schreiben. Sie suchen noch Sponsoren für das Vorhaben, wollen Werbung machen für einen Stadtteil, der ihnen zu unrecht als abgeschrieben gilt. "Da gab's natürlich Vorbehalte: Verschandelt das nicht die Landschaft?", sagt Preussing. Er hingegen findet das Vorhaben gut. Die einstige sozialistische Mustersiedlung hat auch im Kapitalismus eine Zukunft, hoffen idealistische Marzahner wie Preussing. Wenngleich es dazu heute ganz andere Dinge braucht, als ein Paar Gummistiefel.

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