Der Handelstheoretiker Jagdish Bhagwati tritt für die Globalisierung ein, doch die Risiken offener Kapitalmärkte geißelt er als brandgefährlich.
Der indische Ökonom Jadgish Bhagwati, 74, gilt als einer der weltweit wichtigsten Handelstheoretiker. Er lehrt seit langem in den USA, heute an der Columbia-Universität New York. Bhagwati verteidigt die Globalisierung gegen deren Kritiker. Sein bekanntester Schüler ist Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger 2008.
Bild vergrößern
Zum Verkauf stehendes Wohnhaus in den USA: Nach Meinung des Handelsökonomen Jadgish Bhagwati trägt auch die amerikanische Politik Verantwortung für den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes. (© Foto: dpa)
Anzeige
SZ: Herr Professor Bhagwati, die Welt erlebt derzeit die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise seit achtzig Jahren. Hätten Sie eine Krise dieses Ausmaßes für möglich gehalten?
Jagdish Bhagwati: Dies zu behaupten, wäre sicher übertrieben. Aber ich habe schon während der Asienkrise 1997 darauf hingewiesen, dass der Finanzsektor erheblich schwieriger zu liberalisieren ist als der Außenhandel, und das hat mit Risiken zu tun. Lassen Sie es mich so sagen: Mit dem Handel ist es wie mit Zahnpasta: Jeder weiß, dass man regelmäßig die Zähne putzen sollte, aber wenn man es einmal vergisst, fällt einem nicht gleich das Gebiss aus. Finanzprodukte dagegen sind wie Feuer. Wenn Sie einen Fehler machen, brennt Ihnen das Haus ab.
SZ: Und was bedeutet dieses Bild in der Wirklichkeit?
Bhagwati: Nehmen Sie die Asienkrise: Ehe sie ausbrach, waren alle euphorisch wegen der Öffnung der Kapitalmärkte, vor der jetzigen Krise waren sie es wegen der neuen Finanzprodukte. Meine Frage ist: Warum will keiner die Risiken völlig offener Kapitalmärkte sehen? Die Antwort sehe ich in dem, was ich den Wall-Street-Treasury-Komplex nenne: Man muss von der Wall Street kommen, um die Treasury (das US-Finanzministerium) zu führen. Schauen Sie, was unter Paul O'Neill (dem ersten Finanzminister unter George W. Bush) passierte. O'Neill kam aus der Aluminium-Industrie und hat vermutlich noch nie eine Börse von innen gesehen. Es endete jedenfalls mit einem Desaster. Im Endergebnis kommen daher die Leute aus der Finanzwirtschaft ins Finanzministerium, und alle teilen ihre Werte und ihre Euphorien. ´ SZ: Ist die Deregulierung schuld an der Krise?
Bhagwati: Ich glaube das nicht, denn an der staatlichen Aufsicht hat sich ja in den letzten Jahren nichts geändert. Der Fehler war vielmehr, dass man die bestehenden Mindestreservevorschriften für Geschäftsbanken nicht auf die Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Lehman Brothers ausgedehnt hat. Das führte zu diesen absurd hohen Schuldenquoten. Und dann gab es dieses verrückte Geschwisterpaar Fannie Mae und Freddie Mac...
SZ:... die beiden staatlich regulierten Hypothekenbanken, die jetzt unter Zwangsverwaltung stehen...
Bhagwati: Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass möglichst jeder Amerikaner ein Haus bekommt. Das ist Teil des amerikanischen Traums, und deshalb waren auch viele Demokraten dafür, armen Familien zweitklassige Hypotheken zu verkaufen. Die US-Politik übte massiven Druck aus, damit möglichst viele Hauskredite vergeben wurden. Daher ist es ein wenig merkwürdig zu behaupten, der Marktfundamentalismus sei gescheitert. Auf dem Immobilienmarkt hat die Regierung massiv interveniert.
SZ: Und warum hat sich die Krise dann um die ganze Welt ausgebreitet?
Bhagwati: Das hat mit der Verbriefung von Krediten, mit Credit Default Swaps und all den anderen Dingen zu tun, die niemand mehr versteht. Die Leute an der Wall Street denken immer, Innovationen an den Finanzmärkten seien dasselbe wie Innovationen bei Siemens oder General Electric. Aber das stimmt nicht. Innovationen haben immer etwas mit schöpferischer Zerstörung zu tun. Aber im Finanzsektor gibt es oft auch zerstörerische Schöpfungen.
SZ: Sie sagen, der Marktfundamentalismus sei nicht schuld an der Krise. Aber wer ist es dann?
Bhagwati: An wen denken Sie?
SZ: Vielleicht an Alan Greenspan?
Bhagwati: Ja, Greenspan hat sicher die Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt unterschätzt. Er gehörte zu denen, die immer die Selbstregulierung der Finanzmärkte propagiert haben. Insofern hat er den Mangel an Regulierung vielleicht nicht ausgelöst, aber doch befördert. Er war zu optimistisch, weil er auch Teil der Wall-Street-Kultur ist. Auch Finanzminister Henry Paulson kommt ja daher. Wäre ich zynisch, würde ich sagen: Es ist wie seinerzeit mit Henry Kissinger. Der führte einen Krieg, den er nicht gewinnen konnte. Und als er ihn beendete, bekam er den Friedensnobelpreis. Was wir brauchen, sind wirklich unabhängige Experten.
SZ: Und wie könnte das in der Praxis aussehen?
Bhagwati: Ich stelle mir eine ständige Kommission von Experten vor, die unabhängig von der Wall Street sind, diese aber natürlich kennen. Zum Beispiel Paul Volcker (ehemaliger US-Notenbankpräsident und Berater von Barack Obama), oder Otmar Issing (früherer Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank) oder mein Schüler Kenneth Rogoff (Harvard-Professor und früherer Chefvolkswirt des IWF). Diese Kommission sollte bei jedem neuen Finanzprodukt die möglichen Risiken abwägen. Bis jetzt verhalten wir uns wie die amerikanische Regierung beim Irak-Krieg: Wir nehmen optimistische Szenarien an und wundern uns dann, wenn sie nicht eintreten.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum Jadgish Bhagwati den weiteren Verlauf der Krise eher optimistisch einschätzt.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Thema
- Kapitalismus RSS
- Kapitalismus in der Krise Sorglos am Abgrund 10.11.2008
- Konjunktur in den USA US-Finanzminister warnt vor weiteren Bankpleiten 21.07.2008
- Interview mit Joseph Stiglitz "Die Entwicklungsländer wurden betrogen" 12.05.2007
- US-Regierung stützt Immobilienfinanzierer Gefährliche Gorillas 14.07.2008
- Großbritannien Die Angst im Nacken 12.06.2008
- Proteste gegen Sparprogramm Remmidemmi in Athen 30.04.2010
- Rüge vom Bundespräsidenten Köhler geißelt Finanzkapitalismus 29.04.2010
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
"Die Maßnahmen der Politik seien notwendig gewesen, um einen Zusammenbruch des Systems zu verhindern".
Tinus, glauben Sie wenigstens Herrn Ackermann, wenn Sie schon mir nicht glauben wollen. Vor einem Jahr hatte ich ja noch Verständnis dafür, dass Sie an den Weihnachtsmann glaubten.
"bgresser: Horizontverengungen
Dier durch dieser Aberglaube Besitz=Glück ständig aufs neue sich wiederholende Horizontverengung führte immer wieder zu einem zerstörerischen Überhitzen des Systems,"
Genau da liegt der Kern des Problems bgresser! Nicht das System an sich ist das Problem, sondern die teilnehmenden Akteure. So war es beim Niedergang des Sozialismus im Osten, so ist es heute bei den Problemen der Marktwirtschaft/Kapitalismus.
Das Problem ist also, dass man dafür sorgen muss, dass die Akteuere sich "anständig" verhalten. Es gibt da eine schöne Weisheit, die ich in letzter Zeit gerne mal sinngemäß wiedergebe:
"Tue alles so, als ob man es zur Regel für jeden machen könnte und es dann immer noch funktionieren würde." Also sollten sich die Unternehmen fragen, ob es dauerhaft eben möglich ist, solch hohe Renditen abzuwerfen. Die Politiker sollten sich fragen, ob es dauerhaft sinnvoll ist Gesetze nur unter großen Kompromissen für alle Beteiligten zu machen, Lobbyisten sollten sich fragen, ob es funktionieren kann, wenn sie die Politiker in eben diese Bedrängnis bringen usw. Das lässt sich auf alle Teile der Gesellschaft übertragen.
Egoismus und Gier pur sind es in der Regel, die gesellschaftliche Systeme zu Fall bringen. Ein schönes vielleicht plakatives Beispiel dafür ist die Autobahn:
Raser wollen ja gemeinhin einen Vorteil für sich selbst, indem sie schneller sind, als andere. Dafür überholen sie gerne auch mal rechts oder drängeln den vor ihnen fahrenden von der Straße. Dennoch kommen sie dadurch erstmal schneller voran, sie sind ja vorbei gezogen. Insgesamt gesehen verschlimmert sich dadurch aber die Lage auf den Autobahnen, denn jeder Bremsvorgang eines Verkehrsteilnehmers führt zu einer Kettenreaktion nach hinten. Der Raser steht also im Stau, weil vor ihm jemand das gleiche getan hat, einen anderen beim einscheren nach Rechtsüberholvorgang ausgebremst. Insgesamt gesehen hat er somit vielleicht einen kleinen Vorteil für sich heraus geholt, dem System aber geschadet, letztlich leidet die Sicherheit und die Gefahr des Kollaps des gesamten Verkehrs droht. Ob das dann wirklich im Sinne des Rasers war, ist fraglich.
Ergo: Dahin müssen wir kommen, dass alle Systemteilnehmer bewusster leben. Diese Erkenntnisse müssen aber auch in Schulen schon vermittelt werden. Wir bringen unseren Kindern Mathe, Bio, Deutsch etc. bis zum erbrechen bei, aber Ethik und Moral dienen max. als Reli-Ersatz und Wirtschaft wird auch nur theoretisch erklärt...
Lieber Tinus, seit über einem Jahr erhalten die Banken von den Steuerzahlern Milliardenbeträge, damit sie weiterhin geschäftsfähig sind. Ohne diese zig-Milliarden der Zentralbanken (teilweise sogar täglich) und der Stützungspakete der Regierungen hätten wir schon lange keine Banken mehr. Dieser kollektive Zusammenbruch fast aller Banken hätte aber die gesamte Weltwirtschaft schlagartig lahmgelegt. Jetzt wird der Zusammenbruch a bissl rausgeschoben. Die Zocker-Schulden der Banken in Höhe von 1600 Billionen $ können nicht mal die Steuerzahler weltweit tilgen.
Auch Sie können sich nicht länger gegen die Tatsachen sträuben, dass fast alle Banken ohne die Hilfe der Steuerzahler schon längst pleite wären!!!
Schon wieder der Zusammenbruch der Banken? Langsam wird es langweilig.
Die Finanzkrise hat noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht. Diese jetzt wertlosen Derivate wurden von den Banken mit Krediten finanziert, die jetzt zurückbezahlt werden müssen.
Allein die 10 wichtigsten private deutsche Banken müssen in den nächsten 12 Monaten über 340 Milliarden Kredite an das Spielcasino zurückzahlen.
Die LBBW in den nächsten 12 Monaten 74 Milliarden usw...... Auf Herrn Steinbrück wartet also noch viel Arbeit. Der Steuerzahler muß auch für diese Zockergeschäfte aufkommen. Sonst bricht alles zusammen.
Paging