Vom Corpus Iuris des Kaisers Justinian zum Grundgesetz der Bundesrepublik: Wie die alte Formel "Jedem das Seine" im Sozialstaat einen guten Maßstab erhielt.
Jedem das Seine: Dieses Wort gilt als die ewige Gerechtigkeitsformel. Sie stammt aus dem Corpus Iuris Civilis, dem Rechtsbuch des oströmischen Kaisers Justinian, welches das Recht der ganzen Welt beeinflusst hat. "Gerechtigkeit", so heißt es da, "ist der unwandelbare und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zu gewähren. Die Regeln des Rechts sind die folgenden: ehrbar leben, andere nicht verletzen, jedem das Seine zubilligen". Suum cuique: Justinian hatte das abgeschrieben beim römischen Juristen Ulpian, der hatte es von Cicero, der von Seneca, der von Aristoteles. Gottfried Wilhelm Leibniz zählte das Suum cuique zu den drei ewigen Gerechtigkeitsprinzipien, Preußenkönig Friedrich I. ließ es als Devise auf den Schwarzen Adlerorden prägen. Aber was ist denn "das Seine", was steht "jedem" zu?
"Der Kuss von Gerechtigkeit und Friede", unbekannter Künstler um 1580. (© Quelle: Museum Kunst Palast Düsseldorf)
Anzeige
Ist es einfach das, was Natur, Leben und Schicksal ihm mitgeben? Dann wäre die angebliche Gerechtigkeitsformel in Wahrheit eine Ungerechtigkeitsformel: Das Leben beginnt nämlich ungerecht und endet ungerecht, und dazwischen ist es nicht viel besser: Der eine wird mit dem silbernen Löffel im Mund geboren, der andere in der Gosse. Der eine zieht bei der Lotterie der Natur das große Los, der andere die Niete. Der eine kriegt einen klugen Kopf, der andere ein schwaches Herz. Bei der einen folgt der behüteten Kindheit die große Karriere. Den anderen führt sein Weg aus dem Glasscherbenviertel direkt ins Gefängnis.
Zugeteiltes Schicksal
Die besseren Gene hat sich niemand erarbeitet, die bessere Familie auch nicht. Das Schicksal hat sie ihm zugeteilt. Bei der Verteilung des Natur- und des Sozialschicksals obwalten Zufall und Willkür. Jedem das Seine, jedem sein Schicksal? Thomas von Aquin hat so die Rechtmäßigkeit von Leibeigenschaft und Sklaverei begründet. Und die Nazis haben das Motto ans Tor des KZ Buchenwald schmieden lassen. Für den Rechtsphilosophen Arthur Kaufmann war das ein Beweis für die Frivolität, mit der sie Recht und Gerechtigkeit verhöhnten.
Jedem das Seine: Die Ausbeuter in Indien halten es noch heute so, wenn sie Kinder an die Webstühle schicken. Und so sagten es einst die Merkantilisten und Kapitalisten auch in Deutschland. Dass der Staat Preußen 1839 die Kinderarbeit einschränkte, geschah nicht deswegen, weil er einzusehen begann, dass zum Kind wenigstens ein wenig Kindsein gehört; sondern weil elementare Staatsinteressen berührt waren, nämlich die des Militärs. Das hatte ein Interesse daran, unverkrüppelte Rekruten zu erhalten. Jedem das Seine, in diesem Fall dem Militär. Also verbot der Staat die Fabrikarbeit von Kindern unter zehn Jahren und begrenzte die tägliche Arbeitszeit der Kinder auf zehn Stunden.
Soziale Ungleichheit, so sagen die Sozialdarwinisten, sei nichts anderes als die Widerspiegelung der biologischen Ungleichheit von Menschen - deshalb lehnen sie jede Sozial- und Umverteilungspolitik ab, weil dann der natürliche Ausleseprozess leide, der allein gesellschaftlichen und zivilisatorischen Fortschritt schaffe. Jedem das Seine: das ist dann einfach das, was jeder hat. Und der Markt wird nach dieser Lehre zur Fortsetzung der Natur. Was er macht, ist hinzunehmen wie das Schicksal. Der Markt versagt aber bei der Versorgung derjenigen, die nichts anzubieten haben.
Die Sünde der Geldmacherei
Mit der Formel "Jedem das Seine" allein ist wenig anzufangen, weil sie keine Maßstäbe hat, weil sie jedweder Argumentation, Lehre und Irrlehre dienlich ist: Man interpretiert erst die Maßstäbe hinein, die man dann wieder herausholt. Die Formel ist tautologisch. Jedem das Seine lässt jeden alleine.
Die christliche Lehre bettete daher die alte hohle Gerechtigkeitsformel nutzbringend ein in einen göttlichen Heilsplan: Reichtum und Armut waren korrespondierende Kategorien - der Arme, der näher bei Gott war als der Reiche, war auf den Reichen angewiesen, um seine irdische Existenz zu fristen, und der Reiche war auf den Armen angewiesen, weil er nur dadurch zu Gott kam, also nur durch karitative Tätigkeit sein Seelenheil erlangen konnte. Arm und Reich - das war ein heilsgeschichtliches Geschäft auf Gegenseitigkeit. Spätestens beim Ableben kauften sich Fürsten, Bankiers und Spekulanten von der Sünde der "Geldmacherei und Krämerei" frei - weil bekanntlich eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt. Auf dieser Basis gediehen immerhin eine gewisse Caritas und eine Reihe von Spitälern.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Konsequenzen der Kapitalismus mit sich brachte.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
- Thema
- Kapitalismus RSS
- Kapitalismus in der Krise "Die Menschen könnten die Exzesse vergessen" 19.11.2008
- Margrit Kennedy "Kreditnehmer sind die neuen Sklaven" 11.11.2008
- Kapitalismus in der Krise Sorglos am Abgrund 10.11.2008
- Proteste gegen Sparprogramm Remmidemmi in Athen 30.04.2010
- Rüge vom Bundespräsidenten Köhler geißelt Finanzkapitalismus 29.04.2010
- Edmund Phelps "Ohne den Staat würde der Kapitalismus kollabieren" 25.12.2009
- KfW und Lehman Millionen für die "dümmste Bank" 13.12.2009
Sie meinten:
"Wir brauchen keinen neuen Modelle. Die Kapitalismuskritik kann ich in weiten Teilen nicht nachvollziehen"
Sie verurteilen eine Alternative, ohne sie zu kennen? Aufschlußreich.
Jeder intelligente Beobachter hat begriffen: Der Kapitalismus steckt nicht in einer Krise, sondern hat stets sozialdarwinistisch und nie im Sinne der Mehrheit der Menschen funktioniert. Der Sozialismus ist auch keine Alternative, denn er ist nicht mehr als eine gut gemeinte Fehlkonstruktion, die aus psychologischen Gründen nicht funktionieren kann.
Der Kapitalismus hat auch kein vorübergehendes kein konjunkturelles Problem, sondern ist eine strukturelle Fehlkonstruktion. Und die soziale Marktwirtschaft ist ja nun wirklich nicht sozial was seit Hartz IV doch jedem Menschen mit Herz und Hirn klar sein muß.
Das bandbreitenmodell.de ist als dressierte soziale Marktwirtschaft die einzige bisher bekannte Alternative. Wenn Sie Gegenargumente finden, immer raus damit. Aber bitte erst lesen, dann nachdenken, und dann fundierte Einwände vortragen. Sie wären der erste, der welche findet.
Ein weiter wie bisher ist jedenfalls nicht einmal annähernd eine Option
Tatsächlich, ich bin erstaunt, daß Frau Kennedy, die ich sehr schätze, hier einmal zu Wort kommt. Immerhin ein Hoffnungsschimmer, daß das Thema endlich auf den Tisch gebracht wird.
"Aber seltsam, in tausenden von Artikeln wird diese notwendige Grundlage kein einziges mal erwähnt! "
Doch.
Hier:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/518/317393/text/
Gerecht ist, wenn jemand arbeitet und dafür anständig entlohnt wird, oder wenn jemand einen sinnvollen und gut florierenden Betrieb hat und damit Gewinne einfährt.
Ungerecht ist, wenn jemand Unsummen erhält, für die er keinen Finger krümmen muß!
Die Haupteinnahmen basieren aber - durch die Wirkung von Zins und Zinseszins - auf dieser letzten, leistungslosen Grundlage.
Viel gerechter kann es also nur werden, wenn das Zinswesen - nach vielen Jahrtausenden der Mißwirtschaft - endlich abgeschafft wird und durch eine Umlaufsicherungsgebühr ersetzt wird.
Aber seltsam, in tausenden von Artikeln wird diese notwendige Grundlage kein einziges mal erwähnt!
real existierenden Kapitalismus kann es keine Gerechtigkeit geben.
Paging