Kapitalabzug aus Südeuropa Der Sturm auf die Banken hat begonnen

Nichts fürchten Währungshüter so sehr wie einen Bank Run. Zwar sieht man in Athen noch keine Schlangen vor den Banken, doch die Ruhe trügt: Griechenland erlebt einen Sturm auf die Banken - in Zeitlupe. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Wenn Sparer die Nerven verlieren, zwingen sie oftmals ganze Volkswirtschaften in die Knie.

Von Catherine Hoffmann

Rentner tun es, Reiche tun es - und sogar Nonnen haben es getan. Viele Griechen plündern ihre Konten - aus "Angst ums Geld", wie die Klosterfrau bekannte -, oder weil sie es schlicht zum Leben brauchen. Nirgendwo in Athen sieht man vor den Banken Schlangen verunsicherter und erboster Kunden, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen. Doch die Ruhe trügt: Griechenland erlebt einen Bank Run, einen Sturm auf die Banken, in Zeitlupe. Seit Ausbruch der Krise haben Privatleute und Unternehmer 63 Milliarden Euro von ihren Konten abgezogen, fast ein Drittel ihrer Einlagen. Ein großer Teil der Ersparnisse landet bei deutschen Banken, aber auch in Albanien, Bulgarien und Rumänien bunkern Griechen ihr Geld.

Das Land taumelt immer tiefer in die Krise. Eine Depression hat die Wirtschaft fest im Griff, die Sanierung der maroden Staatsfinanzen kommt nicht voran, und bald schon soll das Volk eine neue Regierung wählen. Der Mann, der, wenn der Eindruck nicht täuscht, gewinnt, macht mit einer einfachen Parole Stimmung: "Wir zahlen nicht." Alexis Tsipras, der Chef der Linken, will das verhasste Sparprogramm aufkündigen und riskiert damit den Staatsbankrott. Deshalb geht es bei den Schicksalswahlen am 17. Juni auch um die Frage: Euro oder Drachme?

Georgios Provopoulos macht aus seiner Furcht vor einem Ansturm auf die Banken keinen Hehl. "Es gibt keine Panik", sagt der griechische Zentralbankpräsident. "Aber es gibt eine große Angst, die sich zu einer Panik entwickeln kann." Die Europäische Zentralbank (EZB) ist machtlos gegen die Kapitalflucht. Sie hat zur Jahreswende 73 Milliarden Euro Liquiditätshilfen in die maroden griechischen Banken gepumpt. Außerdem versorgt sie im Rahmen eines Notfallprogramms mit dem Namen Emergency Liquidity Assistance (ELA) die griechische Zentralbank mit Geld, damit diese die Geschäftsbanken stützen kann.

Diese schlecht besicherten Kredite summieren sich Schätzungen von JP Morgan zufolge auf weitere 60 Milliarden Euro oder mehr. Doch den Exodus konnte die EZB nicht stoppen. Denn die Griechen fürchten nicht nur den Zusammenbruch ihrer schwachen Geldhäuser, sie fürchten vor allem die Rückkehr der Drachme, die zum Euro dramatisch an Wert verlieren würde; Volkswirte rechnen mit einem Absturz um 50 Prozent. Also versuchen Privatleute wie Unternehmer ihre Ersparnisse zu retten, bevor das Geld nur noch die Hälfte wert ist.

"Die Griechen heben Geld ab - und die EZB zahlt"

Verhindern konnten die Notenbanker bislang nur den Infarkt der griechischen Geldhäuser. Denn mit eigenen Mitteln könnten sie den Gelddurst der besorgten Kundschaft schon lange nicht mehr stillen. Die Banken haben das Geld, das die Kunden bei ihnen deponiert haben, meist langfristig verliehen. Stürmen nun plötzlich viele Kunden die Filialen, um Geld abzuheben, brechen die Institute zusammen, weil sie so viel Geld gar nicht flüssig haben. "Die Griechen heben Geld ab - und die EZB zahlt", bringt Timo Wollmershäuser die Sache auf den Punkt; er lehrt Finanzwissenschaft an der Universität München.

Nichts fürchten Währungshüter so sehr wie einen Bank Run. Wenn Sparer die Nerven verlieren, treiben sie nicht nur Kreditinstitute in den Ruin, sondern zwingen oftmals ganze Volkswirtschaften in die Knie. Das schwärzeste Beispiel ist die Börsenpanik 1929, der Bankzusammenbrüche und die Große Depression folgten. Am 13. Juli 1931 klebt an den Türen der Danat-Bank in Berlin ein kleiner Zettel. "Vorübergehend stellen wir den Zahlungsverkehr ein" steht darauf. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Binnen Stunden bilden sich lange Schlangen vor den Banken, auch Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank sind betroffen. Kein Institut hält dem Druck lange stand.

Offenkundig sind auch die Parallelen zu Argentinien, das in den neunziger Jahren seinen Peso an den US-Dollar gekoppelt hatte, um von Amerika eine glaubwürdige Anti-Inflationspolitik zu importieren. Doch die nötige Haushaltsdisziplin brachten die Politiker nicht auf. Argentinien ging 2001 bankrott. Um die Kapitalflucht zu bremsen, setzte die Regierung von Fernando de la Rúa den "corralito" durch, die Bankensperre, die es den Argentiniern unmöglich machte, frei über ihre Sparguthaben zu verfügen. Bankkonten wurden eingefroren und die Bürger gezwungen, ihre Dollar in Pesos zu tauschen, doch die waren kaum etwas wert. Jede Woche gingen Tausende empörter Bürger auf die Straße und klapperten mit Kochtöpfen, um gegen den "corralito" zu demonstrieren.