Kampf um Äcker Wie die Munich Re Land wegkauft

Für Finanzkonzerne ist Land wie hier in Brandenburg eine risikoarme, ertragreiche Investition.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Wenn Gesetzeslüken ausgenutzt werden, um sich große Flächen von Land anzueignen, sprechen Experten von Landgrabbing.
  • In vielen Ländern ist das ein Problem - aber auch in Deutschland passiert so etwas.
Von Hans von der Hagen

Es war einer der Momente, in denen Mario Reißlandt nur noch ächzen konnte. Reißlandt ist Jungbauer in Brandenburg, wie viele andere gerade dabei, einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen. Freunde hatten ihm einen Artikel aus der Taz weitergeleitet.

Darin ging es um ein Thema, das gerade viele Landwirte in Ostdeutschland beschäftigt: Landkäufe von Investoren, die mit Landwirtschaft nichts zu tun haben, aber Agrarflächen als lukrative und vergleichsweise risikoarme Anlage betrachten. Konkret wurde in dem Artikel ein Geschäft aufgegriffen, das der Rückversicherungskonzern Munich Re bereits 2015 mit einer Tochtergesellschaft der KTG Agrar abgeschlossen hatte. Die KTG Agrar war bis zum Sommer Deutschlands größter Agrarkonzern - nun ist er pleite. Und weil er wohl auch schon 2015 klamm war, verkaufte er Land. Beispielsweise wohl gut 2400 Hektar an die Munich Re.

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Genauso solche Geschäfte machen den Bauern das Leben schwer. Nicht nur, weil sie das Land gerne selbst bewirtschaften würden, sondern weil das billige Geld der Investoren die Preise treibt. Darum gelten strenge Regeln für den Verkauf landwirtschaftlicher Fläche.

Doch die Münchner bedienten sich eines Tricks: Die KTG reichte nicht das Land selbst weiter, sondern nur 94,9 Prozent der Anteile an der Tochtergesellschaft ATU Landbau, die die Flächen in Brandenburg besitzt. Unmittelbar vor diesem Geschäft übertrugen aber zunächst 14 weitere Tochtergesellschaften der KTG ihr Land an die ATU Landbau. Ausweislich eines Wertpapierprospekts der KTG aus dem Jahr 2015 waren das 2840 Hektar. Es waren offenbar nicht zufällig 94,9 Prozent, die die Munich Re übernahm: Ab einer Summe von 95 Prozent muss ein Käufer normalerweise Grunderwerbssteuer zahlen.

Bauer Reißlandt verglich: Knapp sechs Hektar Land hatte er selbst kürzlich gekauft. Dafür musste er 10 000 Euro an Grunderwerbssteuern zahlen. Die Munich Re übernahm mehrere Tausend Hektar - ob sie dafür Steuern zahlte, war nicht zu klären: Kommentieren will der Versicherer den Vorgang nicht. Die KTG lässt Anfragen gleich ganz unbeantwortet.

Für die zuständigen Behörden ist der Fall beispiellos - auch der großen Fläche wegen

Bevor die Landwirtschaftsbehörden in Brandenburg von der Beteiligung der Münchner erfuhren, schienen die Landübertragungen innerhalb der KTG an die ATU Landbau zunächst unproblematisch zu sein. Denn die betreffenden Tochtergesellschaften waren fast alle in Brandenburg ansässige Landwirtschaftsbetriebe. Entsprechend wurden die Genehmigungen für die 14 einzelnen Übertragungen erteilt. "Erst kürzlich", so das Ministerium, "habe sich herausgestellt, dass schon zum Zeitpunkt der Genehmigung geplant war, die Flächen gar nicht bei der ATU Landbau" zu belassen, sondern dass sie in das "Eigentum eines außerlandwirtschaftlichen Investors übergehen sollten" - eben das der Munich Re.