Kaffee-Boom in der Tee-Nation Indien So schmeckt der Wohlstand

Amerika erobert den indischen Markt: Längst gibt es in den dortigen McDonald's-Filialen den Maharadscha-Burger - und nun nutzt die erste Kaffeehauskette die veränderten Trinkgewohnheiten der Tee-Nation Indien.

Von Tobias Matern

Sie stehen an den Straßenecken und schreien mit aller Macht gegen den Verkehrslärm an: "Garam chai, garam chai", rufen die Verkäufer in Delhi wieder und wieder, um ihren mit viel Milch aufgekochten Tee an die Passanten zu bringen.

Es ist ein harter Kampf, die Konkurrenz ist groß. Zehn Rupien, umgerechnet 17 Cent kostet ein Becher des dampfenden Getränks, das die britischen Kolonialherren einst auf dem Subkontinent unter den Massen populär gemacht haben. Für einen Chai mit reichlich Zucker haben Inder eigentlich immer Zeit - auch in der Hektik der chaotischen Hauptstadt. Und seinen Besuchern in den eigenen vier Wänden keine Tasse Darjeeling, Assam oder gerne auch einen gewürzten Masala anzubieten, ist aus Sicht eines indischen Gastgebers regelrecht unhöflich. Zumindest war das bislang so.

Unter der wachsenden Mittelschicht und der urbanen Geld-Elite des Landes ist es inzwischen wesentlich angesagter, Kaffee zu trinken. Schließlich schmeckt das nach Westen und Wohlstand. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die amerikanische Café-Kette Starbucks auf den riesigen indischen Markt drängen würde, auf dem sich aber schon etliche andere Anbieter tummeln. Firmenchef Howard Schultz gab nun bekannt, auch in Indien werde es bald Latte und Cappuccino seiner Marke zum Mitnehmen geben. In den kommenden Monaten will er erste Cafés eröffnen lassen, unter anderem in Luxushotels und Shopping-Zentren.

Dafür geht Starbucks eine Allianz mit dem indischen Firmengiganten Tata ein, der nicht nur kleine, billige Autos wie den Nano baut, sondern auch Versicherungen oder Strom verkauft und Dutzende andere Geschäftsfelder verfolgt - darunter den Handel mit Kaffee. Die Aktien von Tata Coffee stiegen am Freitag an der Börse in Mumbai nach dem Deal mit Starbucks um mehr als 17 Prozent. Eines Tages könne Indien so viele Filialen haben wie China, glaubt Schultz. Dort will Starbucks bis 2015 etwa 1500 Shops aufbauen - fast viermal so viele wie heute.

Das US-Unternehmen will Tata nun zunächst Kaffeebohnen abkaufen, denn Indien ist bisher vor allem Exporteur des schwarzen Goldes. Nach Prognosen werden dort dieses Jahr bis zu 300.000 Tonnen Kaffee produziert. Vor allem im Süden des Landes gibt es Anbaugebiete. Analysten rechnen damit, dass der heimische Verbrauch kontinuierlich um mehr als fünf Prozent pro Jahr steigen wird.

Ein Espresso, ein Euro

"Früher hat man sich auf einen Tee getroffen, jetzt gehen wir nachmittags nur noch auf einen Kaffee aus", sagt der Künstler Jaidev Omprakash, der auch in einem Café im Süden Delhis seine Sonnenbrille auflässt. Sein Tischnachbar, ein älterer Herr mit lilafarbenem Turban, und er haben sich im "Barista" kennengelernt.

Nun treffen sie sich fast täglich auf einen Plausch in einem Café der Kette, die feinen italienischen Kaffee in allen Variationen anbietet - und dazu auf Wunsch das landestypische Chicken-Tikka-Sandwich. Ein Espresso kostet in dem Laden mehr als einen Euro. Das ist für die meisten Inder noch unerschwinglich, aber die konsumfreudige Mittelschicht, die stetig wächst, trägt ihr Geld gern zu solch westlich anmutenden Anbietern.

Die passen sich dem Markt an, wie etwa der bekannteste Burgerbrater der Welt beweist. Bei McDonald's gibt es keinen Big Mac - schließlich gilt die Kuh hier als heilig. Rindfleisch gehört dementsprechend für die meisten Inder nicht auf die Speisekarte. Dafür essen sie den Maharadscha Mac - mit Hühnerfleisch und heimischen Gewürzen.