Jugendarbeitslosigkeit Europas Tragödie

In Spanien oder Griechenland ist jeder Zweite unter 25 Jahren auf Jobsuche. Bei der horrenden Jugendarbeitslosigkeit handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Sie ist hausgemacht und hat nur durch die Euro-Krise so zugenommen, dass unter Europas Politikern auf einmal hektischer Aktionismus ausgebrochen ist.

Ein Kommentar von Thomas Öchsner, Berlin

Wenn junge Leute arbeitslos werden oder erst gar nicht den Einstieg ins Berufsleben finden, hinterlässt dies eine lebenslange Narbe. Nichts tun zu können, nagt am Selbstvertrauen. Solche Menschen lernen erst spät auf eigenen Füßen zu stehen. Und selbst wenn sie irgendwann einen Job ergattert haben, ist ihr Risiko, bald wieder auf der Straße zu landen, ein Leben lang wenig zu verdienen und später in die Altersarmut zu rutschen, besonders hoch. Dieses Schicksal tragen derzeit Millionen Jugendliche von Lissabon bis Stockholm. Es ist die Tragödie Europas.

Jahrelang haben Politiker, Fachleute, EU-Beamte darüber geredet, ohne dass Entscheidendes passiert ist. Nun fand, keine Woche nach dem EU-Gipfel in Brüssel, im Berliner Kanzleramt erneut ein Schaulaufen der Chefs statt. Kein Arbeitsminister wollte bei der "Konferenz zur Förderung der Jugendbeschäftigung in Europa" fehlen. Die in der EU häufig als Spardiktatorin gebrandmarkte Kanzlerin Angela Merkel durfte sich als mitfühlende Kümmerin präsentieren, und Europas Mächtige konnten Tatendrang demonstrieren. Man darf ihnen glauben, dass sie sich dabei wirklich um Europas Jugend sorgen. Trotzdem war von Anfang an klar: Dieser Gipfel ohne neue Beschlüsse kann allenfalls einen kleinen Beitrag im Kampf gegen das brennende Problem Europas liefern.

Die Gefahr, nur an Symptomen herumzudoktern, ist leider relativ hoch

Man sollte zunächst einmal die Verhältnisse zurechtrücken: Zahlen, dass in Griechenland oder Spanien mehr als jeder zweite unter 25 Jahren auf Jobsuche ist, führen in die Irre. Studenten, Schüler, Auszubildende sind in diese Statistiken nicht einbezogen. In Spanien ist daher tatsächlich etwa jeder fünfte, in Griechenland jeder sechste, in Portugal jeder siebte Jugendliche arbeitslos. Das sind immer noch viel zu viele, aber bei dieser horrenden Jugendarbeitslosigkeit handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Sie ist hausgemacht und hat nur durch die Euro-Krise so zugenommen, dass unter Europas Politikern auf einmal hektischer Aktionismus ausgebrochen ist. Die Gefahr, dabei nur an Symptomen herumzudoktern, ist leider relativ hoch.

Im Prinzip ist der Rettungsschirm für Europas Jugend beschlossen: Sechs Milliarden Euro will die EU in den nächsten zwei Jahren dafür lockermachen. Weitere Milliarden könnten dazukommen. Die Europäische Investitionsbank soll Unternehmen, die junge Leute einstellen, mit Krediten unter die Arme greifen. Das hört sich gewaltig an. Doch bislang ist weder klar, wofür und wo genau wie viel ausgegeben wird. Noch ist sicher, dass die Maßnahmen nicht verpuffen.

Bildungsreformen umzusetzen, kann lange dauern

Geld allein reicht nicht, sagt die Kanzlerin. Recht hat sie: Verteilt man rein rechnerisch die sechs Milliarden auf die arbeitslosen jungen Köpfe, bleiben für jeden nur einige hundert Euro übrig. Außerdem haben Jobs, die Politiker künstlich mit öffentlichen Beschäftigungsprogrammen schaffen, keine dauerhafte Zukunft. Neue Stellen können nur Unternehmen zur Verfügung stellen, die investieren, weil sie an ihre Zukunft glauben. Die aber leiden unter der Rezession und der rigorosen Sparpolitik in Europa. Ohne Wachstum und Reformen in den Krisenländern, die bislang im Kampf gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit versagt haben, wird die Geldspritze deshalb nicht viel nutzen.

Spanien hat die höchste Schulabbrecherquote in der EU und wie Frankreich oder Italien einen gespaltenen Arbeitsmarkt: Die Älteren mit Stelle sind quasi unkündbar, die Jungen erhalten oft nur prekäre Jobs, kommen nicht nach oben. Die Berufsausbildung ist in diesen Ländern zu theorielastig. Wenn jetzt mehr und mehr die deutsche duale Ausbildung, also die Kombination von Ausbildung in Betrieb und Berufsschule, zum Modell avanciert, ist das ein Fortschritt. Bildungsreformen umzusetzen, kann allerdings lange dauern. Das gilt auch für die Arbeitsverwaltungen: Seit Jahren tauschen die Chefs der Arbeitsagenturen, wie jetzt wieder in Berlin, Erfahrungen und Ideen aus. Der Mut, etwas zu verändern, wie dies in Deutschland mit dem Umbau der früheren Bundesanstalt für Arbeit der Fall war, ist allerdings nicht sehr ausgeprägt.

So mag es kurzfristig helfen, wenn die starke Bundesrepublik zum Hafen für junge Europäer wird. Davon profitieren beide Seiten: Spanier oder Griechen erhalten einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle, die deutschen Unternehmen müssen eine Fachkraft weniger suchen. Nur ist das Grundproblem damit nicht gelöst. Es können und werden nicht Hunderttausende ins gelobte Land kommen. Die meisten arbeitslosen Jugendlichen müssen weiter zu Hause auf ihre Chance warten. Derzeit sieht es nicht so aus, dass diese schnell kommen wird. Bleibt es dabei, werden sie zu Europas verlorener Generation.