Ein Kommentar von Alexander Hagelüken

Eine Selbstverpflichtung der Großkonzerne, Kündigungen weitgehend zu vermeiden, wäre ein starkes Signal - sie würde alle Unternehmen unter moralischen Druck setzen.

Peter Löscher hat lange Zeit wenig getan, um sich von der Masse der Manager abzuheben. Als er Chef von Siemens wurde, kannten ihn nur Fachleute. Ein grandioser Redner ist der bedächtige Österreicher eher nicht. Dann aber erregte er mit der Bemerkung Aufsehen, sein Vorstand sei zu deutsch, zu weiß und zu männlich - und holte nach 161 Jahren die erste Frau in die Topetage des Unternehmens. Jetzt fordert Löscher, die Konzerne sollten in der Krise möglichst auf Kündigungen verzichten.

Maurer, AP

Kanzlerin Merkel möchte eine Job-Garantie der Arbeitgeber, doch die Verbände geben sich skeptisch. (© Foto: AP)

Anzeige

Wie in Deutschland üblich, erhebt sich sogleich ein Chor der Kritiker, Relativierer und Schlechtredner. In Wahrheit jedoch hat sein Vorschlag mehr verdient als Genörgel. Er strahlt wie ein Licht in Zeiten, die dunkel genug sind.

Nach den meisten Voraussagen steuert die Bundesrepublik auf die größte Rezession seit dem Krieg zu. Der entscheidende Punkt ist: Wie schlimm es genau wird, hängt auch von jedem Einzelnen ab. Wer aus Angst spart, kauft weniger Autos, Möbel oder Anoraks. Die Hersteller investieren entsprechend weniger und setzen eine Spirale nach unten in Gang. Dort unten, sehr weit unten, scheint sich die Stimmung der Deutschen schon zu befinden. Ihre Neigung zur Skepsis könnte die Wirtschaft stärker einbrechen lassen, als es allein durch die Finanzkrise vorgegeben ist.

In dieser Situation würde ein ernsthaftes Bekenntnis deutscher Konzerne zu ihren Mitarbeitern helfen. Wer weniger um seinen Job fürchtet als zuvor, wird sein Geld nicht mehr ängstlich an sich pressen. Zuversichtliche Menschen kaufen mehr. Der psychologische Faktor, der die Rezession bisher zu verschlimmern droht, würde sich geringer auswirken.

Es liegt auf der Hand, welche Grenzen ein solches Jobbekenntnis hat. Der Staat kann sowieso keine Stellengarantie abgeben, weil Deutschland damit zur Planwirtschaft mutierte, die auf das Wohlstandsniveau des realen Sozialismus absinken würde. Es hat auch wenig Sinn, wenn Verbandschefs pauschale Versprechen abgeben, für deren Folgen sie nicht haften. Die Entscheidung über Entlassungen muss jede Firma selbst treffen, denn was nützt die Jobgarantie eines Betriebs, der sich durch eine solche Zusage zu hohe Kosten aufbürdet und pleite geht. Niemand sollte einem Unternehmen eine gesellschaftliche Verantwortung aufhalsen, an der es am Ende zerbricht.

Unterhalb der höchsten Ebene aber, eine Stufe unter einer unrealistischen nationalen Jobgarantie, kann Löschers Idee durchaus wirken. Eine Selbstverpflichtung der großen Dax-Konzerne, Kündigungen weitgehend zu vermeiden, wäre ein starkes, bundesweites Signal. Sie würde alle Unternehmen unter moralischen Druck setzen, intern mit den Arbeitnehmervertretern nach Wegen zu suchen, wie sich Entlassungen auf das Nötigste beschränken lassen. Der Lohn wären motivierte Mitarbeiter, die sich mit ihrem Betrieb identifizieren.

Es gibt solche betrieblichen Bündnisse in einigen Firmen. Der Löscher-Appell könnte diese Bündnisse zum Regelfall erheben, von dem ein Management nur aus gutem Grund abweichen kann, ob Großkonzern oder Mittelständler. Wenn der Staat durch Zuschüsse für Kurzarbeit und Qualifikation hilft, werden kreative Lösungen noch einfacher. Denn natürlich hat jeder Betrieb Spielräume, wie er mit seinen Mitarbeitern umgeht. Wirtschaft ist keine exakte Mathematik, bei der sich aus x Prozent weniger Umsatz ableiten lässt, dass die Firma auf jeden Fall nur mit y Prozent weniger Arbeitsplätzen weitermachen darf.

Kritiker werfen Löscher und seinen Mitstreitern vor, dass ihr Aufruf verlogen sei, weil Siemens und andere Konzerne schon vor Monaten mit Betriebsräten ausgehandelt haben, 2009 keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. Doch was sollen diese Klagen? Muss ein Autofahrer auf Appelle gegen das Rasen verzichten, weil er sich selbst seit Monaten an gesetzliche Tempolimits hält? Löscher hat mit seinem Aufruf zum Verzicht auf Kündigungen eine Position bezogen, die manchem Investor missfällt und an der sich auch der Siemens-Chef in Zukunft messen lassen muss.

Noch beißender ist der Vorwurf, dass es naiv sei, an Jobbekenntnisse zu glauben, weil es Managern wie Löscher nur um billige PR gehe. Wer so argumentiert, hat sich in einer Gedankenwelt eingerichtet, in der es unten die guten Arbeiter und oben die bösen Kapitalisten gibt. Die Realität ist schillernder, schließlich trifft der wirtschaftliche Einbruch Eigentümer und Manager ebenso wie Arbeitnehmer.

Wenn das Dax-Bekenntnis zur Jobsicherung glaubwürdig ausfällt, kann es einen wichtigen Beitrag leisten. Es kann das Bewusstsein im Management in die Richtung verändern, dass im wirtschaftlichen Tal Entlassungen nicht die Lösung sind, sondern ein Übel, das möglichst zu vermeiden ist. Den Millionen Bundesbürgern, die der Marktwirtschaft seit Jahren immer skeptischer gegenüberstehen und radikale Parteien stärken, würde dadurch gezeigt, dass auch die kapitalistische Elite aus der aktuellen Finanzkrise lernt. Denn diese Krise hat ja ihren Ursprung darin, dass Geldhäuser ihre Rendite über alles andere stellten - vor allem über die Interessen der Arbeitnehmer.

Leser empfehlen 

(SZ vom 17.12.2008/mel)