Eigentlich soll die Bundesagentur für Arbeit Menschen in Lohn und Brot bringen. Doch nun streicht die Behörde selbst massiv Stellen. Die Personalräte in den Jobcentern sind alarmiert.
Viele sind schlecht qualifiziert oder krank, viele seit Jahren arbeitslos und ohne Hoffnung auf einen neuen Job: In Deutschland gibt es knapp fünf Millionen Erwerbsfähige, die von der staatlichen Grundsicherung (Hartz IV) leben. Die Hilfsbedürftigen werden zusammen mit ihren 1,8 Millionen Kindern in etwa 345 Jobcentern betreut. Doch dort haben in diesen Tagen selbst viele Mitarbeiter Angst um ihre Zukunft. Tausende Betreuer mit einer befristeten Stelle müssen fürchten, dass ihr Arbeitsvertrag in den nächsten Monaten nicht verlängert wird.
Bild vergrößern
Die Bundesagentur für Arbeit sieht sich gezwungen, "als Arbeitgeber antizyklisch zu handeln", sagt eine Sprecherin der Behörde. (© dpa)
Anzeige
Bei Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen stapeln sich derzeit "offene Briefe" besorgter Personalräte. Im Jobcenter Region Hannover sieht der Personalratsvorsitzende 180 Arbeitsverträge "in Gefahr".
In Dortmund warnt der Personalrat davor, dass bei einem Wegfall von Stellen "für die Kunden unzumutbare Wartezeiten entstehen". In München weist Ingeborg Ege, Personalratschefin der Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung, darauf hin, dass 30 Prozent der Belegschaft und damit fast 300 Mitarbeiter "vom Verlust des Arbeitsplatzes durch Ende der Befristung bedroht" seien. "Das ist unzumutbar und unmenschlich", schrieb Ege an von der Leyen.
Die Bundesagentur für Arbeit gehört mit 110.000 Stellen bundesweit zu den größten Arbeitgebern in Deutschland. Und ausgerechnet bei der Behörde, die anderen Jobs vermitteln soll, ist die Zahl der Mitarbeiter mit Zeitverträgen besonders hoch: Etwa jeder Fünfte hat eine befristete Stelle, obwohl die BA den Anteil der Zeitverträge im Durchschnitt auf zehn Prozent senken will.
Weniger Arbeitslose - weniger Personal
Die Gründe sind vielfältig: Die Hartz-IV-Verwaltung wird mit Steuergeld finanziert. Der Bund muss sparen, die Haushaltspolitiker genehmigen deshalb oft nur befristete Stellen in den Jobcentern. Die Personalplanung war bei Einführung der Hartz-Reformen 2005 von Anfang an zu knapp bemessen, weil die Politiker mit weniger Hilfsbedürftigen gerechnet hatten. Die Mitarbeiter mit Zeitverträgen füllten die Lücken. Hinzu kommt, "dass die BA gezwungen ist, als Arbeitgeber antizyklisch zu handeln", wie eine Sprecherin sagt.
In der Krise erhält die Bundesagentur mehr Personal, weil es mehr Arbeitslose gibt. Mit dem Ende der Krise wird wieder Personal abgebaut. So stellte die BA 2009 und 2010 etwa 6300 Mitarbeiter zusätzlich befristet ein. Wie viele mit Zeitverträgen nun gehen müssen, ist offen, zumal in diesem Jahr 3200 befristete Arbeitsplätze in feste Stellen umgewandelt werden. "Das entscheidet sich bei den Haushaltsberatungen des Bundestages im Herbst", sagte die BA-Sprecherin. Sie räumt aber ein, dass sich viele Mitarbeiter vor allem in den Jobcentern "im Oktober vorsorglich arbeitslos melden müssen, wenn ihre Arbeitsverträge 2010 auslaufen".
Von der Leyen wird jedenfalls um das Personal kämpfen müssen, wenn sie ihre eigenen Ankündigungen ernst nimmt. Schließlich will die Ministerin die Betreuung von Alleinerziehenden, älteren Arbeitslosen und Jugendlichen mit einer geringen Qualifikation verbessern. Gleichzeitig darf ein Fallmanager in einem Jobcenter von 2011 an nur noch für höchstens 150 Erwachsene oder 75 Jugendliche zuständig sein. Derzeit liegt der Betreuungsschlüssel knapp darüber.
Für die Arbeitsmarktexpertin der Grünen, Brigitte Pothmer, passt das alles nicht zusammen. Sie erinnert daran, dass die Zahl der Hilfsbedürftigen, die die Mitarbeiter in den Jobcentern betreuen, zuletzt gestiegen ist. "Wie weniger Fachkräfte mehr Hilfesuchenden besser helfen sollen, bleibt das Geheimnis von Frau von der Leyen", sagt Pothmer.
Wie viel ist uns die Umwelt wirklich wert? Eine Suche nach dem Preis der Natur. Jetzt lesen ...
- Thema
- Bundesagentur RSS
- Nach den guten Konjunkturdaten Regierung vor neuem Steuerstreit 15.08.2010
- Reform der Jobcenter Eine Anlaufstelle für alle Fragen 11.07.2010
- Arbeitsmarkt Die Drei-Millionen-Frage 30.06.2010
- Erwerbslosenzahl bleibt unter drei Millionen Arbeitsmarkt trotzt den Erschütterungen 31.08.2011
- Wirtschaftliche Entwicklung Arbeitslosenzahl sinkt weiter 30.06.2011
- Fachkräftemangel Bloß keine Zuwanderung 02.08.2010
- Arbeitsmarkt "Ein Fall von Lobbyismus" 08.07.2010
(SZ vom 26.08.2010/hgn)
"Viele sind schlecht qualifiziert oder krank, viele seit Jahren arbeitslos und ohne Hoffnung auf einen neuen Job"...
Dabei unterschägt man, dass die große Mehrheit gut qualifiziert und gesund ist, aber trotzdem "eit Jahren arbeitslos und ohne Hoffnung auf einen neuen Job".
Ihre Behauptung ist eine unverschämt und falsch , weil Sie mit ihr implizieren, dass es doch nur die "trifft" die krank und uuqualifiziert sind. Sie sind diqualifiziert.
Übrigens finde ich es toll, dass viele JobCenter Angestellte entlassen werden. Die sollen mal die anmaßenden Sprüche um die Ohren gehauen bekommen, die sie selbst austeilten.
Genau so ist es. Die Politik spielt die Schwachen gegeneinander aus, notfalls hilft mit Zusammenarbeit der Unternehmen pure Existenzangst. Und während sich beide Seiten gegenseitig beschäftigen, genehmigen sich die da oben immer neue Bezüge. Nur leider verstehen das zu wenige. Nicht gegeneinander sollten wir arbeiten, sondern miteinander gegen die da oben!
Sachbearbeiter, die selbst um ihre miserabel bezahlte Stelle fürchten, vermitteln Arbeitslose, die ihrerseits Angst vor Sanktionen haben. Was sie eint, ist die Angst vor dem Absturz. So weit ist Deutschland gekommen, kein Rückhalt mehr, nur noch Furcht. Das Ende der Zivilisation zum Wohle der Rendite von Leuten, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Knete, außer ins Finanzcasino.
Wir brauchen einen New Deal. Der setzt allerdings entschlossene Politiker voraus und die Leyendarstellertruppe, die uns vertritt, schafft es nicht einmal, eine Zwergensteuer gegen die Atomlobby durchzusetzen.
Wehrt euch endlich, Leute!
Noch das Gesetz, dass von uns gewählte Volksvertreter beschlossen haben:
http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_2/
Sollen Sachbearbeiter etwas dagegen arbeiten? Das machen sie ein paar mal, dann sind sie weg. So wenig wie ein Sachbearbeiter im Bauamt kein Baumaßnahmen genehmigen dürfen, dass jemand einfach so aufs Nachbargrundstück schieben will, so kann ein Arge-Sachbearbeiter nur das auszahlen, was SGB 2 bzw. die dadurch entworfenen Dienstanweisungen vorschreiben. Da kann diesem noch sehr der Magen unruhig werden, wenn er sich nicht dran hält, dann wars das schnell mit dem Job. Wenn mich ein Autohaus bei der Rechnung bescheißt, dann nehme ich mir auch nicht den Gesellen in der Werkstatt vor, sondern den Geschäftsführer im Büro.
Und wegen rechtlich bedenklich: Ich musste vor Jahren mal - war auch mal in einer Arge beschäftigt - einen Antrag ablehnen, wo ich von vornherein wusste, dass dies nicht rechtens ist. Da aber Vorgesetzter und Bezirksleitung einem sowas anordnen, bleibt nicht viel Ausweichmöglichkeit. Man MUSS also in der Vermittlung und Leistung nur für die Statistik arbeiten, das ist so gewollt. Und dagegen sollte man angehen und nicht gehen die armen Würstchen, die irgendwie jeden Monat ihre 150-200 Fälle bearbeiten, während sie mit immer mehr Statistiken & Co. zugemüllt werden. Letzte mir bekannte Änderung: Rückstände zählen. Anscheinend die neueste Wahnwitzidee von der Führung, die selber lange keinen Kontakt zum Kunden mehr hat.
PS: Habe allerdings selber nur Erfahrung in der Leistung, mit Vermittlern hatte ich privat noch keine guten gemacht und meinen aktuell Job auch selbst gesucht.
Es gibt bestimmt einige Sachbearbeiter, die ihre Aufgabe ernst nehmen und den "Kunden" nicht als parasitären Bittsteller verstehen.
Sehr viele vermuten aber permanente Faulheit und versuchen mit unsinnigen Forderungen das Leben des Antragstellers zumindest nicht zu erleichtern.
Die Sachbearbeiter, die die Firmen in ihrem Umkreis kennen und mit deren Personalabteilungen in Verbindung treten sind jedoch nicht zahlreich.
Wie kann ein Fallmanager sinnvoll und nachhaltig Arbeitslose in feste Arbeit vermitteln, wenn er keine Arbeitgeber kennt? In den meisten Fällen wird auch garnicht geprüft für welche Tätigkeit der Arbeitslose geeignet ist oder für welche Arbeit sich dieser interessiert.
Hauptsache weg, vermittelt ( wg. Statistik ), egal wohin.
Weil die Mitarbeiter der Jobcenter dies so genau wissen haben sie Angst!!
Ach ja, das umsetzen rechtlich bedenklicher Weisungen.
Alle Angestellten des öffentlichen Dienstes haben sich verpflichtet nach Recht und Gesetz zu handeln, bedenkliches zu hinterfragen und widerrechtliches zu verweigern.
Bei der Umsetzung der Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung wird sehr oft das Gesetz sehr eigenartig ausgelegt - um es vorsichtig zu formulieren.
Paging