Jean Ziegler im Gespräch "Nahrungsmittelspekulation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Jean Ziegler kämpft mit drastischer Polemik gegen den Hunger auf der Welt. Ein Gespräch mit dem UN-Experten und Autor über die Frage, ob das Wetten auf Nahrungsmittel Mord ist, warum selbst mächtige Politiker vor Großkonzernen einknicken, die kaum einer kennt. Und warum er Kuba weiter unterstützt, von Gaddafi am Ende aber abrückte.

Interview: Jannis Brühl

Jean Ziegler sitzt im schattigen Innenhof eines Hotels in Berlin-Mitte, verteilt Komplimente und versprüht gute Laune - obwohl die Werbetour für sein neues Buch "Wir lassen sie verhungern" den 78-Jährigen eher anstrengen dürfte. Wie viele Interviews er in den vergangenen zwei Tagen gegeben hat, weiß er nicht mehr genau - "etwa zehn". Der Schweizer ist Soziologe und war in seiner Heimat Abgeordneter. Als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war er acht Jahre für den Welthunger zuständig. Momentan ist er Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates und Autor. In seinem neuen Buch beschreibt er drastisch die Auswirkungen des Hungers in armen Ländern und klagt - einmal mehr - westliche Konzerne und Regierungen an. Seine Botschaft: Alle fünf Minuten verhungert ein Kind. Globalisierungsgegner lieben ihn, amerikanische UN-Gesandte - sagt Ziegler - hassen ihn.

SZ.de: Herr Ziegler, ich habe ein paar tausend Euro übrig und würde damit gerne auf steigende Nahrungsmittelpreise spekulieren. Eine lohnende Investition?

Jean Ziegler: Bombensicher, technisch gesehen. Mais hat in fünf Monaten 63 Prozent zugelegt, Reis 31 Prozent. Der Preis einer Tonne Weizen hat sich verdoppelt. Goldman Sachs offeriert schon wieder Derivate, nicht mehr auf Immobilienkredite, aber auf Soja, Zucker und so weiter. Mit Nahrungsmittelderivaten aus dem Hause Goldman Sachs verdient man Unsummen. Aber moralisch ist die Investition total verwerflich. Unannehmbar! Denn diese horrenden Preise müssen von den Armen in den Kanisterstädten (frz.: Bidonville, Elendsviertel, Slum; Anm. d. Red.) bezahlt werden, und Hunderte von Millionen Menschen werden in den Abgrund gestoßen.

Sie kämpfen in Ihrem Buch mit sehr polemischer Sprache. Der Hungertod sei "Massenvernichtung", steht auf Ihrem Buchcover, verhungernde Kinder würden "ermordet". Spekulanten würden Sie am liebsten wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vor ein internationales Tribunal zerren. Wie wäre dort Ihre Beweiskette?

Die wäre doppelt: ...

Er stutzt, überlegt und murmelt: "Ich habe genug Prozesse am Hals gehabt ..." (Anm. d. Red.: Vor allem wegen seiner Bücher über die Schweiz und ihre Rolle während des Nationalsozialismus). Dann entscheidet er sich, allgemein zu bleiben:

Erstens: Die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel wie Reis oder Mais führt zu Preisexplosionen und führt bei den 2,2 Milliarden Menschen, die laut Weltbank "extrem arm" sind, zu Vernichtung, weil die sich das Essen nicht mehr leisten können. Futures, Leerverkäufe und andere Börseninstrumente sind zwar legal, es ist dennoch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zweitens: Der Bankenbanditismus, der 2008 und 2009 insgesamt 85 Billionen vernichtet hat, hat zu einer perversen Situation geführt: Die Herrschaftsstaaten des Westens haben Milliarden und Milliarden in die Banken investieren müssen, um sie zu retten. Gleichzeitig haben sie ihre Beiträge für das WFP gekürzt oder gar gestrichen.

WFP - das sagt vielen Menschen wahrscheinlich nichts.

Das ist das Welternährungsprogramm, die sehr kompetente Organisation der UN, die Soforthilfe gegen Hunger leistet. Sie springt ein, wenn Dürre oder Krieg eine Wirtschaft vernichten wie jetzt im Sahel oder am Horn von Afrika. Das WFP hatte 2008 ein Budget von sechs Milliarden Dollar, heute sind es 2,8 Milliarden Dollar - wegen der Bankenrettung. Es gibt keine Opposition gegen Kürzungen beim WFP. Schließlich sterben die Kinder von Somalia ja nicht auf dem Kurfürstendamm.

Aber zum Mord gehört Vorsatz.

Stimmt, ein guter Einwand (denkt nach). Aber es gibt schwere Fahrlässigkeit. Sie spekulieren nicht, um zu töten, sondern für den Profit. Es ist Totschlag, wenn Sie so wollen, nicht Mord.

Geht der Großteil der Gewalt nicht von korrupten lokalen Eliten aus? Die sind doch diejenigen, die ihren Untertanen den Reis aus der Schüssel klauen, um sich einen Privatjet zu kaufen.

Ja, aber die Gründe, die jeden Tag zur Massenvernichtung führen, sind vielfältig: Nahrungsmittelspekulation, Agrardumping der EU, das die traditionelle Landwirtschaft in anderen Ländern vernichtet, es ist die Überproduktion von Biotreibstoff durch Vernichtung von Millionen von Nahrungsmitteln. Dazu kommt der Landraub durch Konzerne und Hedgefonds. Agrarland ist heute als Spekulationsobjekt interessanter als Gold. 41 Millionen Hektar gingen letztes Jahr allein in Schwarzafrika ... Möchten Sie noch einen Cappuccino? (Ziegler ist immer aufmerksam, ob sein Gesprächspartner noch etwas braucht) ... an Hedgefonds über. Ein Hektar Getreide im Sahel gibt in normalen Zeiten - ohne Krieg, Heuschrecken oder Dürre - 600 bis 700 Kilo. In Baden-Württemberg sind es zehntausend Kilo. Die Weltbank sagt: Dieses Produktivitätsgefälle könnten ausländische Konzerne ausgleichen, wenn man ihnen dieses Land übergibt. Das ist die ideologische Lüge. Denn deutsche Bauern sind nicht kompetenter oder fleißiger als senegalesische Bauern. Diesen fehlt einfach der Zugang zu Dünger, Zugtieren und künstlicher Bewässerung.

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